Moderne Jugend in Halle zwischen 1890 und 1933 - Jugendliche zwischen Traditionalismus und zukunftsoffener Moderne

Jungsein in der Klassischen Moderne lässt sich als eine spannungsreiche und ambivalente Erfahrung beschreiben. Auch die Lebenswelten der Mädchen und Jungen in den Franckeschen Stiftungen zu Halle in den Jahren zwischen 1890 und 1933 machten diese Erfahrung. Man kann sich dem Thema anhand verschiedener Themenfelder nähern: Lebensperspektiven und Bildungswege – mit einem besonderen Augenmerk auf der bislang wenig beachteten schulischen Bildung der Mädchen, Sport und Sexualität, Kunst, Massenmedien, Abitur und Selbstsicht der Jugendlichen, aber auch Militarisierung und Kriegserfahrungen.

Zu erzählen ist dabei weder eine Fortschritts- noch eine Verfallsgeschichte, vielmehr müssen die Lebenswelt der Jugendlichen aus ihrer Zeit und den auf sie einwirkenden Kräften heraus verstanden werden. Diese war durch Beharrung und behutsamen Aufbruch, neue Perspektiven und alte Rollenmuster, durch Hoffnungen und Tragödien geprägt.



Im Archiv der Franckeschen Stiftungen gibt hierüber eine besondere und einsichtsvolle Quelle Auskunft, denn die bestehenden Spannungen und Ambivalenzen werden in Schülerinnenaufsätzen aus dem Sommer 1933 pars pro toto greifbar: Schülerinnen der Unterprima des Oberlyzeums hatten die Aufgabe, Hausaufsätze zum Thema „Geschmack und Geschmacklosigkeit in der äußeren Gestaltung des Lebens zu verfassen“. In diesen wird eine Vielzahl alltäglicher Themenbereiche vorgestellt und bewertet. Die individuellen Architektur- und Stilinterpretationen sowie das persönliche ästhetische Empfinden könnten dabei zwischen den einzelnen Abhandlungen nicht weiter auseinander liegen. So fragte die Schülerin Ursula Schröder zur Kröllwitz-Brücke, ob denn die Burg Giebichenstein und die Brücke zusammenpassen würden? Ihre Antwort fiel klar aus: „Ich habe umsonst nach Gegensätzen gesucht.“ Und zum Kaufhaus Ritter in der Leipziger Straße, dem in der Literatur ein harmonisierendes Verhältnis zwischen Tradition und Moderne attestiert wird, schrieb sie: „Eines der künstlerisch schönsten und modernsten Bauwerke Halles ist das Kaufhaus Ritter.“

Die Diesterwegschule als Schulneubau im Architekturverständnis des Neuen Bauens wurde  im Aufsatz von Marianne Roggan auf emphatische, ja poetische Weise gelobt: „Die Diesterwegschule! Ein geschmackvoller Schulbau im Geiste der modernen Sachlichkeit gebaut, von der vor einigen Jahren so viel Redens gemacht wurde.“ Und weiter: „Die Nachmittagssonne bricht sich an den weißen Mauern. […] Große helle Fenster lassen die Sonne hereinfluten. In zwei übereinanderliegenden Stockwerken ziehen sie sich um das ganze Gebäude herum. Licht, Luft und Sonne sollen die Kinder haben.“ Die Schülerin drückt schließlich ihre Begeisterung im Blick auf die Verbindung von Kindheit und Architektur aus: „Verwirklicht diese Schule nicht das Ideal des Kindes? Zeigt sie nicht die schönste Harmonie neuer praktischer und geschmackvoller Baukunst?!“ Die beiden Schülerinnen waren also von den Ideen und der Ästhetik der Moderne und der Sachlichkeit fasziniert und überzeugt.



Ganz anders liest sich hingegen die Beschreibung des Kaufhauses Lewin auf dem hallischen Markt im Aufsatz der Schülerin Christine Prütz aus der gleichen Klasse. Sie sah das Gebäude als massigen und hohen „Klotz“ neben „den kleinen enganeinander geschmiegten Häuschen aus dem 13. und 14. Jahrhundert“. Für sie stand fest: „Es ist ein schrecklicher Anblick, und jeder wird es wohl zugeben, daß dies eines der gröbsten Geschmacklosigkeiten ist.“ Die Schülerin präferierte die Ästhetik der historischen Bauten.

In diesem Sinn interpretierte auch Anna Römhild die Kaufhäuser Huth und Lewin. Sie gestand den neuen Bauten am Markt zwar Zweckmäßigkeit zu, sah aber im Gegensatz zum Roten Turm die horizontalen Schaufassenden als unangemessenen Kontrast: „Sie passen sich in keiner Weise den anderen Gebäuden an. Die Linien der Warenhäuser verlaufen direkt im Gegensatz zu denen des Roten Turms. Der Rote Turm, der mich an eine gotische Kirche erinnert, die nach dem Himmel strebt und den Blick nach oben zieht, und dort stehen die Warenhäuser mit ihren waagerechten Linien und flachen Dächern.“

Die Architekturinterpretationen der vier Schülerinnen mögen die auseinanderdriftenden Sichtweisen der Jugendlichen zwischen konservativem Traditionalismus und zukunftsoffener Moderne versinnbildlichen. Sie offenbaren damit auch eine Zerrissenheit, die die dazu in der Stadtgesellschaft der Zeit geführte Diskussion spiegelt, worauf Dieter Dolgner hingewiesen hat. Die Antwort auf die Frage, ob die jungen Menschen am Beginn des 20. Jahrhunderts modern waren, kann nur, so scheint es, mit Blick auf das Individuum einzeln formuliert werden. Sie entzieht sich einer Generalisierung – das macht sie spannend und facettenreich.