Eine 300 Jahre alte braugeschichtliche Kostbarkeit: Das Modell eines Brauhauses von Christoph Semler

Modell eines Brauhauses aus der Kunst und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen
(Foto: Alexander Grimm)

Die Franckeschen Stiftungen zu Halle besitzen das Modell eines Brauhauses. Es wurde vor 1709, aller Wahrscheinlichkeit nach von Christoph Semler (1669–1740), Prediger, Pädagoge und Erfinder, geschaffen.

1699 übernahm Semler mit einem Predigeramt die Oberaufsicht über Schulen der Stadt Halle. Dabei musste er erfahren, dass die Jugend im Unterricht „überausgemartert wurde“. Er entwickelte den alternativen pädagogischen Grundgedanken, den Kindern das Lernen durch Praxis und Anschauung, durch reelle Vorstellungen zuerleichtern. Damit gilt Semler als der geistige Vater der „Real-Schule“. Gegen Widerstände der etablierten Pädagogik, aber mit Unterstützung einiger Gelehrter und des Magistrats der Stadt Halle, wurde 1707 aus der Idee von einer anderen, modernen Schule Wirklichkeit.

1709 publizierte Semler sein Programm für die „Real-Schule“. Bereits dessen umfangreicher Titel enthält das Brauhaus. Er lautet (gekürzt): „Neueröffnete Mathematische und Mechanische REAL-Schule/ in welcher praesenter gezeiget und nach allen Theilen erklähret wird Das Uhrwerck/ das Modell eines Hauses/ das Kriegs-Schiff / Salz-Koth/ Glas-Hütte/ Tuchmacher-Stuhl/ Drechselbank/ […]/ Brau-Hauß/ […]“. Nach Ausführungen über ein chemisches Laboratorium, ein Backhaus und von der Viehzucht und dem „Honigbau“ wird in Kap. 58 das „Modell des Brau-Hauses“ beschrieben sowie dessen Verwendung im Unterrichtsgeschehen: „Modell des Brau=Hauses: Darinnen die Braupfanne/ die Pfann=Statt; der Stock, darein die Würze gezapft wird; der Stell=Bottich/ Moisch=Bottich/ Trincken=Bottich/ die Zober/ Zober=bäume/ die Ruhe=Stäbe/ die Decke über den Stock/ die Decken über die Bottiche/ die Rinnen/ die 2 übertrage=Schauff eln/ 2 Auff setze=Schauff eln/ 2 Wasser=Schauff eln/ der Hopfen=Korb/ das Gestelle in den Bottich/ Harcken/ Krücke/ 2 Schippen/ Aschen=Krücke/2 Mühlichen/ Dorn=Wisch in die Rinne/ […]“.

Nun erläutert der Lehrer seinen Schülern: „[…] wieviel Brau=Häuser in Stadt=Halle/ wieviel Braustetten in jeglichen; Wieviel Arten des Bieresall hier gebrauet werden; wer die Braugerechtigkeit erlangen könne; wie hoch dergleichen Braugerechtigkeit komme; wie lange man dieselbe behalte und geniese; welchen Tag in der Woche ausgesprochen/ und worauf dabey gesehen wird; wieviel Scheffel Gerste und Hopfen/ und wie viel Klaftern Holtz zu einem Brauen genommen werden; wie viel Vaß Bier auf einmal gebrauet werden; von der Trabe; Preyß des Bieres; Maltze; Darre; von denen fremden Bieren/ so von anderen Orten hierher gebracht/ und zum Theil auf den Bierkeller/ zum theil in denen Vorstädten ausgeschencket werden.“

Die „Real-Schule“ Semlers bestand zunächst dreieinhalb Jahre. Als der angestellte Lehrer starb, konnte Semler sie nicht weiterführen. Doch seine Vorstellungen von praktischem, vielseitigem Lernen ließen ihn nicht mehrlos. Im Oktober 1738 eröffnete er die Schule von Neuem. Bis zu seinem Tode unterrichtete er Schüler aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten mit dem Ziel, sie auf eine Handwerkerausbildung oder ein Studium vorzubereiten.Die hinterlassenen, von ihm zumeist selbst angefertigten Realien, eine Vielzahl von Anschauungsmitteln und Modellen, übernahm das Naturalienkabinett der Franckeschen Stiftungen, wo man eine vergleichbare Vorstellung von Bildung und Erziehung vertrat. Der erste Hinweis auf das Modell des Brauhauses taucht 1741, ein Jahr nach Semlers Tod, in einem Verzeichnis der Kunst- und Naturalienkammer auf. Sie ist die in Europa einzige, vollständig erhaltene und den damaligen Ausstellungsgrundsätzen verpflichtete barocke Kunst- und Naturalienschau.

Das Modell ist 44 cm lang, 30 cm breit und 38 cm hoch. Es besteht aus verschiedenen Holzarten (Fichte, Eiche, Pappel, Nussbaum, Weide). Das Dach kann abgenommen werden. Von dem, was Semler an Einrichtungsgegenständen beschrieb, ist nach 300 Jahren nur noch etwa die Hälfte vorhanden.Trotzdem erlauben die erhaltenen Ausstattungsstücke, die Grundzüge des Brauprozesses zu rekonstruieren. Zu finden sind die Braupfanne, der Maischebottich, der Stellbottich (Würzetrog). Der gelöcherte Holzboden zur Unterstützung des Klärungsprozesses der Maische im Maische- und Stellbottich ist noch vorhanden. Bei einem weiteren, unter dem Aufsatz für das Feuerholz stehenden Zuber handelt es sich wahrscheinlich um den von Semler als „Trincken=bottich“ bezeichneten Kübel für das Nachbier(Konfend). Solches wurde auch den Kindern des Waysenhauses laut der 1702 von Francke verfügten Speiseordnung als Getränk bzw. Zutat für die Trincken=Suppen (Suppe aus Nachbier und Brot) vorgesetzt (bei Francke:Koffend) und sicherlich in einem derartigen speziellen Gefäß zubereitet. Gern würde man den Ausführungen Semlers, die Technik, die Rechte, die Ökonomie des Bierbrauens in der alten Stadt Halle betreffend, lauschen. Wieviel Neues könnte man erfahren über das hiesige Brauwesen von damals …Ob das 1703 geschaffene erste Brauhaus der Franckeschen Stiftungen als Vorlage für das Modell diente, ist nicht mehr festzustellen. Dafür spräche die Bezeichnung eines Zubers als Trincken=bottich und der begriffliche Zusammenhang von Koffend und Trincken in der Speiseordnung. Sicher jedoch ist die Ausnahmestellung dieses 300 Jahre alten Modells eines Brauhauses innerhalb der Braugeschichte Deutschlands. Bis heute ist es diesbezüglich nicht wahrgenommen worden. Vielmehr griff man bislang bei bildlichen Darstellungen des Brauvorgangs des beginnenden 18. Jahrhunderts auf die Jahrzehnte später von Diderot herausgegebene Enzyklopädie oder den „Krünitz“ zurück.

(H.-Dieter Grimm, Kulturfalter Juli 2015)