Die „Postilla“ von Johann Spangenberg – ein Bücherschatz in den Franckeschen Stiftungen

Abbildung: Koloriertes Titelblatt des 2. Teils der „Postilla” von Spangenberg, gedruckt in Nürnberg 1582 (Foto: Bibliothek der Franckeschen Stiftungen zu Halle)

Immer wieder kommen in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen interessante Bücherschätze mit bewegter Geschichte zum Vorschein. Ein Beispielist die Predigtsammlung des evangelischen Theologen Johann Spangenberg(1484–1550).

„Postilla, Das ist Außlegung der Episteln und Evangelien auff alle Sontag und fürnembsten Fest durchs gantze Jar. Für die jungen Christen, Knaben und Megdlein in Fragstück verfasset […]“, erschienen 1582 in Nürnberg. Spangenberg verfasste die Predigtsammlung 1542 bis 1544 in Nordhausen. Es handelt sich um eine Auslegung der Bibeltexte zu den Sonntagen und Hauptfesten im Kirchenjahr und wurde vor allem als Katechismus zur Lehre und häuslichen Erbauung verwendet. Der repräsentative Band im Folioformat ist mit zahlreichen kolorierten Holzschnitten illustriert.

Johann Spangenberg gehörte zu den Reformatoren der ersten Generation und wirkte in Mitteldeutschland. Mit seinen didaktischen und erbaulichen Schriften trug er entscheidend dazu bei, die Lehre der Wittenberger Reformatoren Luther und Melanchthon in den schulischen, kirchlichen und häuslichen Kontexten zu verankern. Spangenbergs Postilla gehört zu den verbreitetsten Predigtbüchern der Reformation und wurde bis ins 18. Jahrhundert hinein neu aufgelegt.

Eine Besonderheit des Exemplars der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen sind die handschriftlichen Einträge auf den Vorsatzblättern vor dem Titelblatt: Aus einer Widmung des Ulmer Bürgers und Hüttenglasers Matthias Frank an August Hermann Francke vom 18. Januar 1718 lässt sich der Weg des Buches nach Halle in die Bibliothek der Franckeschen Stiftungen nachvollziehen: Von August 1717 bis April 1718 unternahm August Hermann Francke eine Reise nach Süddeutschland zur Verbreitung der Ideen des Halleschen Pietismus.

Nach Stationen in Schwäbisch Hall, Stuttgart, Tübingen, Biberach und Blaubeuren gelangte Francke Anfang des Jahres 1718 nach Ulm. Als erster auswärtiger Prediger sprach Francke am 18. Januar 1718 vor ca. 7000 Zuhörern im Münster und stieß auf große Resonanz bei der Ulmer Bürgerschaft. Matthias Frank schenkte ihm daraufhin die Postilla Spangenbergs für die„Bibliothec des Hallischen Waisen Hauses zu Bezeugung seiner schuldigen Hochhaltung gegen den um dass Christenthum ungemein verdienten Directori desselbigen“.

Aus dem Eintrag eines Michael Braun vom 19./29. Juni 1650 geht hervor, dass das Exemplar der Predigtsammlung Spangenbergs im 16. Jahrhundert in Wien im Umlauf war, über den Weg des Buches von Wien nach Ulm ist leider nichts bekannt. Wien war zunächst im Zuge der Reformation recht schnell protestantisch geworden, 1551 begann die Rekatholisierung der Stadt durch König Ferdinand I.(1503–1564, seit 1558 Kaiser), der die Jesuiten in die Stadt holte und ihnen die Universität Wien übertrug. Die Jesuiten gründeten in Wien ein Kollegium und übten Bücherzensur aus, wodurch die Stadt zum Ausgangspunkt der Gegenreformation im Heiligen Römischen Reich wurde.

Unterdrückung und Gewalt führten zur Flucht zahlreicher Protestanten aus Wien und Österreich, Teile der verbleibenden protestantischen Bevölkerung versuchten, ihre Religion im Verborgenen weiter auszuüben.Österreich gehörte zu dieser Zeit zu den Gebieten des sogenannten „Kryptoprotestantismus“, wo ein beständiger Schmuggel an Bibeln, Andachtsschriften und Predigtsammlungen für das geistliche Überleben der protestantischen Gläubigen sorgte. Michael Braun berichtet von einer Bücherverbrennung in Wien, bei welcher es dem mit Transport und Verbrennung beauftragten Offizier namens Schwenckgelang, einige protestantische Bücher zu retten. Braun berichtet, dass dieser Offizier später als Richter in der Wiener Vorstadt „vor dem Schottenthor“ lebte, „mit dem Hertzen Evangelisch, äußerlich mußte er Catholisch seyn“, und ihm, Braun, einige der geretteten Bücher, unter anderem die Postilla Spangenbergs, und die dazugehörige Geschichte anvertraute.

(Mirjam-Juliane Pohl, Kulturfalter November 2015)