300 Jahre Franckes „Segensvolle Fußstapfen“

Abbildung: Titel der Erstausgabe der „Segens=vollen Fußstapfen“, 1709 © Archiv der Franckeschen Stiftungen zu Halle

„Gott kan machen“, liest August Hermann Francke 1694 im 2. Brief des Paulus an die Korinther, „daß allerley Gnade unter euch reichlich sey, daß ihr in allen Dingen volle Gnüge habt, und reich seyd zu allerley guten Wercken“. Wie aber kann Gott machen? hält Francke beim Studium des Bibelverses inne. Natürlich wollte er gern manch Armem Gutes tun, der vor seinem Pfarrhaus in Glaucha um Hilfe bat. Aber wie? Nicht wenige Bittsteller musste Francke „leer und ohne Hülfe“ ziehen lassen. Und doch, auch wenn es nicht viel war, es reichte doch „zu allerley guten Wercken“. „Einen kleinen Segen nach dem andern“ warf Gott ihm zu, kleine Spenden, die bei der leiblichen und geistlichen Versorgung der Waisen und Armen seiner Gemeinde halfen.

In vielen kleinen „Segensvollen Fußstapfen“ entsteht nach und nach und in einem Zeitraum von nur fünfzehn Jahren mit Hilfe von Spenden und der „Hertzenslenckenden Kraft Gottes“ vor den Toren Halles eine Stadt vor der Stadt – mit hervorragenden Bildungseinrichtungen, mit fortschrittlichen Landwirtschafts- und Gewerbebetrieben. Mit ihnen, den Franckeschen Stiftungen, ist bereits 1709 Realität geworden, worauf und woran Francke von Beginn an baute: ein Werk „zur Ehre Gottes und zu einem wahrhaftigen so leib- als geistlichen Nutzen des Nächsten“. Uns hinterließ er damit, wie Michael Welte schreibt, „eines der schönsten Beispiele für den echten Pietismus, den man an der praxis pietatis, der gelebten Frömmigkeit, erkennen kann, die wie keine andere zeigt, wie zum Lob Gottes immer auch das Tun des Guten gehört."

Zeugnis von seinem Tun hat Francke in den „Segensvollen Fußstapfen“ abgelegt, einer Schrift, in welcher die Geschichte der Stiftungen von ihren Anfängen im Jahr 1694 bis zum Jahr 1709 erzählt wird und in der der Leser auch heute noch – 300 Jahre später – Zeuge der Geschichte der Entstehung und Verwirklichung seines großen Lebenswerkes werden kann. Dabei handelt es sich keineswegs um eine bloß historische Abhandlung. Allein um des Rückblickes und Darstellung des bereits Erreichten willen hätte Francke nicht Feder und Tinte bemüht. Vielmehr sollte sie die Arbeit des Waisenhauses weit über die Landesgrenzen hinaus populär machen, neue Freunde für das im Aufbau befindliche pietistische Reformwerk gewinnen und vor allem gegen die vehementen Angriffe, Verleumdungen und Vorwürfe der orthodoxen Stadtgeistlichkeit und der Magdeburgischen Landstände in Schutz nehmen.

Dies war durchaus nötig: Schon beim Amtsantritt Franckes kursierte in Halle die von Stadtpfarrer Albrecht Christian Roth verfasste Schmähschrift „Imago Pietismi“, die neben zutreffenden Behauptungen über die neue Reformbewegung in der Stadt vor allem üble Verdächtigungen enthielt. Ein Konflikt mit der halleschen Stadtgeistlichkeit schien unausweichlich, zumal Francke bei dem entschlossenen Aufbau seiner verwahrlosten Gemeinde das geistliche Leben in Halle revolutionierte. Mit der Durchsetzung der Sonntagsheiligung, der verschärften Beichtpraxis und Geldbußen, die der Armenkasse zugute kamen, machte sich Francke schnell nicht nur bei seinen Gemeindemitgliedern, sondern vor allem bei der Stadtgeistlichkeit und den Landständen unbeliebt. Irrlehren und Störung des Kirchenfriedens warf man ihm vor, intervenierte gegen die seinen Anstalten verliehenen Privilegien und verlangte beim Kurfürsten schon bald seine Abberufung – ohne aber jemals gegen den aus Berlin gewährten Schutz ankommen zu können.

Was Francke ihnen entgegenzusetzen hatte, füllt einen Band von mehreren hundert Seiten und liest sich noch heute so spannend und bewegend wie vor 300 Jahren. Kein Wunder also, dass es der neuesten Druckversion der „Segensvollen Fußstapfen“ nicht anders erging wie ihrer Erstausgabe 1709. Auch sie war in nur kurzer Zeit vergriffen. Die Franckeschen Stiftungen haben sie deshalb auf ihrer Internetseite online verfügbar gemacht – eine neue Möglichkeit der Publikation, auf die Francke zu seiner Zeit sicher gern zurückgegriffen hätte und die bis zur neueren Drucklegung Auskunft geben kann über ein einmaliges und segensvolles Werk, das heute wie damals reiche Früchte trägt.

(Katharina Sydow, Kulturfalter September 2009)