Aus eisiger Nacht ins helle Licht - Eberhard Zwickers Fotos des Apostelzyklus im Dom zu Halle

Abbildung: Die Weltenkugel in der Hand Christi, fotografiert von Eberhard Zwicker
(FZB-Atelierbetriebe, Gerchsheim)

Diese Gesichter haben es in sich: fein geschnittene Lippen, ausdrucksvolle Augenpartien, sorgsam modellierte Wangen. Eine zerfurchte Stirn, eine kräftige Nase. Oder die weichen Züge eines jugendlichen Antlitzes in spannungsvollem Kontrast zu der fast schon resignierten Haltung eines alten Mannes. Gebildet hat diese Gesichter wohl der Mainzer Bildhauer Peter Schroh, ein Meister der späten, in die Renaissance führenden Gotik. Aufgenommen hat sie ein Meister aus Halle, der nach dem Krieg in Unterfranken eine Karriere als Fotograf gemacht hat: Eberhard Zwicker.

Mittels der Fotografien Zwickers werden die „Gesichter der Renaissance“ des Apostelzyklus im Dom zu Halle dem Betrachter nahe gebracht. Die Skulpturen, am Originalstandort in luftiger Höhe sonst nur mit Mühe und schon gar nicht im Detail zu betrachten, rücken in den meisterlich beleuchteten Aufsichten des Würzburger Fotografen dem Betrachter im Detail vor Augen: die sorgsam ausgearbeiteten Bärte der Jünger, der fast schon psychologische Blick auf das Mienenspiel. Und die frappierende Individualität, die in ihrer Dramatik mit den Bildwerken von Schrohs Zeitgenossen Tilman Riemenschneider gleichzieht. Unter all den spätgotischen deutschen Skulpturkünstlern – von Hans Multscher aus Ulm über Heinrich Brabender in Münster bis zu Veit Stoß und Schrohs Lehrer Hans Backoffen in Nürnberg – kann sich der Mainzer anstandslos behaupten. Um 1520 holte ihn der kunstsinnige Kardinal Albrecht von Brandenburg nach Halle.

Zwicker schafft es, die knorrigen Gesichter der Apostel durch Licht und Perspektive lebendig und ausdrucksstark in Szene zu setzen. Der 1915 in Halle geborene Fotograf floh 1948 aus der damaligen „Ostzone“ und baute sich in Gerchsheim bei Würzburg eine neue Existenz auf. Seine qualitätvollen, sensiblen Kunstfotos zierten in den folgenden Jahrzehnten viele Bildbände, Fotobücher und Reiseführer. 1999 starb Eberhard Zwicker, ohne dass die Fotos aus dem Dom zu Halle wieder aus dem Archiv heraus ins Licht der Öffentlichkeit gefunden hätten. Es war der Tochter des Fotografen vorbehalten, den Schatz wieder an den Ort zu bringen, wo die Bilder vor gut 65 Jahren, in kalten Winternächten 1947 entstanden. Die Zeiten überstand auch die damalige Ausrüstung, eine Holzkamera von 1898 mit einem Steinheil-Messingobjektiv. Mit dieser altertümlichen Plattenkamera schuf Eberhard Zwicker, unterstützt von seiner jungen Frau Katharina, die Fotos in den eisigen Januarnächten des Nachkriegsjahres 1947. Nicht, weil er einen Auftrag an Land gezogen hätte, sondern aus purer Begeisterung. In Nächten, in denen die Temperaturen bis zu minus dreißig Grad erreichten, arbeitete das Ehepaar Zwicker nach Mitternacht stundenlang im eisigen Dom: Rauf aufs Gerüst, Kamera ausrichten, Platten einlegen. In völliger Dunkelheit wieder neun Meter nach unten klettern, warten, bis die Schwingungen abgeklungen waren. Lampe an, belichten. Rührend sind die Schilderungen von Katharina Zwicker zu lesen: „Wenn wir nach zwei bis drei Stunden Nachtarbeit mit sechs bis zehn belichteten Glasplatten – oder nur zwei bis drei Stück – heimgingen, weil die Stadtwerke den Strom abgestellt hatten, dann mussten wir heimlaufen, zitternd, trippelnd, frierend, eifrig die Hände reibend, damit sie uns nicht erfroren.“ Zu Hause bei einer Verwandten erwartete sie ein kaltes Haus, aber wenigstens ein gewärmtes Bett.

Den rund 150 Fotos – 35 davon sind im Format 70 mal 100 Zentimeter in der aktuellen Ausstellung des Stadtmuseums zu sehen – sieht man diese Mühe nicht an. Sie sind perfekt ins Licht gerückt, das die markanten Gesichtszüge verlebendigt: Das geneigte, erschöpft wirkende Gesicht Jakobus der Jüngeren, der kraftvolle Charakterkopf Simons mit seinem wie Flammen um Kinn und Backen züngelnden Barthaaren, die Nachdenklichkeit im Blick des Apostels Matthias, der energische Blick Jakobus des Älteren, die vergeistigte Aura um Paulus mit dem Buch in der Hand, die sinnende Versenkung des jugendlichen Johannes.

Die Ausstellung „Gesichter der Renaissance. Der Apostelzyklus im Dom zu Halle an der Saale“ vereint ein besonderes Stück Kunst-, Fotografie- und hallischer Stadtgeschichte. Sie ist bis 19. Januar 2014 im Stadtmuseum Halle zu sehen. www.halle.de/de/Kultur-Tourismus/Stadtgeschichte/Stadtmuseum

(Jane Unger und Werner Häußner, Kulturfalter Dezember 2013)