Schwarzwohnen in Halle an der Saale- "Hauptsache mein eigenes kleines Reich"

Abbildung: Kleine Markstraße 1, ein Foto von Karsten Wilhelm (ursprünglich Glasdia).
Mit freundlicher Genehmigung des Fotografen

Die erste eigene Wohnung – ein Meilenstein in der eigenen Biographie. Doch was macht man, wenn der eigene Staat zwar verspricht, dass „jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik [...] das Recht auf Wohnraum für sich und seine Familie“ hat, aber dieses in der Verfassung festgehaltene Recht nicht einhält? Die Lösung war in vielen Städten der DDR das „Schwarzwohnen“, so auch in Halle an der Saale.

Der Begriff des „Schwarzwohnens“ bezeichnet das geduldete illegale Nutzen von Wohnraum, bei dem oftmals sogar Miete bezahlt wurde, ohne einen Mietvertrag vereinbart zu haben. In Halle und in der DDR allgemein ging es dabei keineswegs um Protest, sondern vielmehr darum, endlich eine eigene Wohnung zu haben. An dieser Stelle lässt sich ein deutlicher Unterschied zu den Hausbesetzungen in Westberlin und Hamburg feststellen. In Halle und in der DDR war dies vielmehr eine erzwungene Situation, da die Abteilung für Wohnungspolitik der Räte der Stadtbezirke darüber entschied, wer eine Wohnung zugeteilt bekam, sodass die Vergabe vor allem an sozial bedürftige Menschen, dringend für den Staat benötigte Arbeitskräfte, Familien mit Kindern, Staatsfunktionäre oder wirtschaftlich wichtige Studenten erfolgte. Daraus lässt sich schließen, dass das „Schwarzwohnen“ vor allem von nicht verheirateten, kinderlosen Paaren und Singles praktiziert wurde, da diese kaum eine Chance hatten, auf staatlichem Weg eine Wohnung zu erhalten. Sie bezogen die zumeist leer stehenden Altbauten, die aufgrund des standardisierten Komforts in den Neubauten wie fließendem warmen und kalten Wasser, Zentralheizung, Badezimmer (inkl. WC) in der Wohnung bei den regulären Mietern nicht mehr gefragt waren.

Die privaten Hausbesitzer hingegen hatten aufgrund der staatlichen Regulierung der Miethöhen nicht die notwendigen finanziellen Ressourcen, um die (historische) Innenstadt entsprechend zu erhalten und zu verbessern. Ein „Schwarzwohner“ beschrieb die Lebenssituation in den Altbauten wie folgt:

„Es war ein abenteuerliches Lebensgefühl, wie wenn man im Wald eine Bude baut“. Volker Petzold, ebenfalls ein „Schwarzwohner“, betrachtete seine Lebenssituation kritischer: „Es gab kein Klo, kaum Wasser, es war an der Grenze zum Slum. Das gefiel uns aber auch, wir wollten einfach frei sein“.

In Halle betraf das vorwiegend folgende Bezirke: Trotha, Giebichenstein, Paulusviertel, nördliche Innenstadt, Altstadt und südliche Innenstadt. Die Strafen für das illegale Wohnen begrenzten sich auf Ordnungsverfahren und die daraus resultierenden Geldstrafen oder die Wohnungsräumung. Letzteres geschah häufig auch, weil das Haus abgerissen werden sollte.

In den Jahren 1989/90 breitete sich das „Schwarzwohnen“ zunehmend auch auf die Neubausiedlung „Halle-Neustadt“ aus, da dort vermehrt „Republikflüchtige“ ihre Wohnungen leerstehend zurückließen. Das Ende des „Schwarzwohnens“ wurde im Sommer 1990 durch das Außerkraftsetzen der Wohnraumlenkungsverordnung besiegelt. Anschließend begannen auch die illegalen Hausbesetzungen im westdeutschen Stil in Halle an der Saale.

Die wörtlichen Zitate entstammen den Publikationen von Udo Grasshoff: Schwarzwohnen: die Unterwanderung der staatlichen Wohnraumlenkung in der DDR, sowie: Leben im Abriss: Schwarzwohnen in Halle an der Saale, erschienen 2011. Zeitzeugenberichte sind auch im Internet zu finden.
(Sabrina Pfeiler, Kulturfalter Mai 2015)