Semesterferien – Wenn nicht „frei“ drin ist, wo „frei“ draufsteht

Semesterferien in der Bibliothek. (Beispielfoto, Andrew_t8, Pixabay)

Der Wecker klingelt um sieben in der Früh und ich überlege mir zunächst, ob ich bereit bin sofort in den Tag zu starten oder ob ich die Schlummerfunktion meines digitalen Weckers wiederholt bis an ihr Limit teste. Ich entscheide mich für die zweite Option.

Schlummerfunktion – eine Option

Eine halbe Stunde und drei Schlummerfunktionen später krieche ich mühsam aus meinem noch warmen Bett. Ich ziehe die Vorhänge zur Seite und sehe, dass es draußen noch nicht einmal richtig hell ist. Zu früh, um aufzustehen, denke ich mir.

Dabei soll heute ein produktiver Tag werden. Es sind Semesterferien und auf meiner Tagesplanung stehen jede Menge Erledigungen, die mir die Universität, über meine eigentlich freie Zeit aufgegeben hat: ein journalistischer Videobeitrag, eine Hausarbeit und zwei Artikel wollen schließlich kreiert und abgeschlossen werden. Bis zum Ende der semesterfreien Zeit habe ich Zeit bekommen, alle Aufgaben zu absolvieren, eigentlich ziemlich paradox, wenn ich einmal genauer darüber nachdenke. Wieso heißt etwas „frei“, wenn nicht „frei“ drinsteckt, frage ich mich. Ich reibe mir müde die Augen und schließe meinen Gedanken mit dem Vorwurf der Verbrauchertäuschung.



Semesterferien in Österreich

Nunmehr mit Zahnbürste im Mund lässt mich der Gedanke über den Ursprung der Semesterferien jedoch nicht los. Schnell schalte ich meinen Computer an und befrage Mr. Google. Im Internet erfahre ich dann, dass es in Österreich Semesterferien gibt, die hierzulande als Winterferien für Schulkinder bekannt sind. Einer der wenigen kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich, staune ich und verschlucke mich fast an der Zahnpasta, die mittlerweile eine wasserartige Konsistenz in meinem Mund erreicht hat. Die österreichischen Winterferien wurden in den 1970er Jahren im Zuge der Ölkrise gegründet, lese ich. Weiter heißt es im Internet, dass mithilfe dieser Ferien so Heizungskosten- und energie eingespart werden konnten, weshalb in Österreich auch der Begriff Energieferien üblich ist. Die Universität kann also bis zu zwei Monate Kosten sparen, das ist bestimmt der Grund für die vorlesungsfreie Zeit.



Ein Morgen in der Universitätsbibliothek

Ich entscheide mich meine strittige Schlussfolgerung kurz zu unterbrechen, um meine morgendliche Zahnpflege abzuschließen. Nachdem auch dieses Morgenritual beendet ist, beschließe ich meine Semesterferien-Recherche an den eigentlichen Ort meines heutigen Schaffens zu verlegen: die Universitätsbibliothek.

Zügig packe ich meine Sachen, wie meinen Laptop und meine Bücher, zusammen und mache mich auf den Weg in die örtliche Bibliothek. Dort angekommen erspähe ich Leidensgenossen mit leeren Blicken auf Bücherregale und Bergen von Ausdrucken. Blicke, die nur darauf warten, eine vielsagende Antwort mithilfe ihres Arbeitsmaterials auf ihre These zu erhalten. Doch sie werden bisweilen enttäuscht. Wie in Zeitlupe setze ich mich an den einzigen noch freien Tisch am Fenster und blicke nach Draußen, wo das Tageslicht mittlerweile angekommen ist. Ich vergesse meine Recherchen über den Ursprung der Semesterferien, vergesse den Grund für mein Sein in der Bibliothek und schließlich auch, dass in der Bibliothek trinken verboten ist. Wasser wohlbemerkt. Eine Antwort auf meine eigentliche Frage über den Ursprung der Semesterferien konnte ich schließlich nicht finden.

(Autorin: Ulrike Kuhrt)