Workaway oder Hühner füttern im Paradies

Glückliche Hühner auf einem Bauernhof. (Beispielfoto, Klimkin, Pixabay)

„Valderrobres 10 km“. Als ich das Straßenschild sehe, schlägt mein Herz dann doch ein bisschen schneller. In Valderrobres soll ich aus dem Bus aussteigen, der mich und seit der letzten Haltestelle nur noch zwei weitere Fahrgäste behäbig durch die dunkle Nacht trägt.

Die erste Haltestelle in dem kleinen 2000-Seelen-Dorf - das habe ich mit dem Busfahrer ausgehandelt. Dort, hat Kristen mir geschrieben, wartet sie auf mich. Sie holt mich vom Bus ab, denn ihr Haus liegt so weit außerhalb des Dorfes, dass man zu Fuß zwei Stunden unterwegs wäre. Ich lehne meine Stirn an die kalte Fensterscheibe des Busses und hoffe, dass ich nicht versehentlich ans falsche Ende Spaniens gefahren bin.



Workaway ist immer mit ein bisschen Herzklopfen verbunden. Workaway, das bedeutet: Die kostbare freie Zeit zum Arbeiten nutzen – ohne Geld dafür zu bekommen. Gleichzeitig bedeutet es aber auch, im Urlaub außer den Anreisekosten nichts ausgeben zu müssen. Der Deal: Vier bis fünf Stunden Arbeit an fünf Tagen in der Woche gegen freie Kost und Logie. Die Arbeitenden sind dabei immer mehr als nur TouristInnen. Küchenhilfe in einer Strandbar zum Beispiel oder Kurzzeit-Au Pair in einer chaotischen Großfamilie. Englisch- oder YogalehrerIn, TischlerIn, FotografIn. In den meisten Fällen sogar all das gleichzeitig. Wer Workaway macht, taucht in den Alltag der Bewohner eines Landes ein und lernt die Gegend von einer völlig neuen Seite kennen - authentisches Essen, Geheimtipps der Gastgeber und meist auch der ein oder andere Muskelkater inklusive. Für junge Menschen hat ein Workaway noch einen weiteren klaren Vorteil: Sucht man sich seine Arbeitsplätze gut aus, kann man internationale Arbeitserfahrungen sammeln.

Die geringen Kosten, die authentische Erfahrung und die potentielle Bereicherung des Lebenslaufes machen Workaway zur optimalen Semesterferienbeschäftigung für Studierende wie mich. Ich liege in einem immerwährenden Clinch mit meinen Kontoauszügen über das Reisebudget und bin deswegen gern möglichst günstig unterwegs. Als netter Nebeneffekt freuen sich auch meine Hände, mal etwas anderes zu machen als auf der Laptoptastatur herumzuhacken. Nachdem ich meinen Rucksack geschultert habe und aus dem Bus gestiegen bin, strecken sie sich deswegen freudig Kristen entgegen, die mit einem strahlenden Lächeln auf mich wartet. Sie nimmt meine ausgetreckten Hände und zieht sie zu sich heran, um mich zu umarmen. Im Auto warten ihre drei Kinder, zu Hause drei Hunde sowie zahlreiche Hühner und Hasen, die ich ab jetzt für eine Woche jeden Morgen aufs Neue füttern werde. Neben zahlreichen Weinbergen und Feldern voller Mandelbäume umfasst Kristens riesiges Stück Land auch einige Felder voller Luzerne. Die Hunde warten jeden Morgen schon auf mich und suchen fröhlich nach Mäusen, während ich mit einer rostigen Sichel wohl nicht viel anders als die Menschen vor 200 Jahren Grünfutter für die Hasen und Hühner schneide.



Danach putze ich die Zimmer in Kristens Bed and Breakfast, koche Mittag für die Kinder, decke den Abendtisch für die Gäste ein und genieße immer wieder das Paradies, in dem ich gelandet bin. Kristen hat nicht nur ein Händchen bei der Enrichtung ihres alten Bauernhauses bewiesen, sondern auch bei dessen Auswahl. Das Anwesen liegt inmitten einer sanften Hügel- und Felsenlandschaft, über die sich kilometerweit nichts anderes erstreckt als Pinienwälder und Olivenhaine. In ihrem Garten neben dem Haus baut Kristen vieles von dem, was sie braucht, selbst an: Mangold, Tomaten, Salat, Grünkohl wachsen in rauen Mengen. Was Kristen daraus macht, lässt mir schon beim Gedanken das Wasser im Mund zusammenlaufen. Etwas anderes als glücklich kann man hier wohl nicht sein. Vor lauter Dankbarkeit arbeite ich ohne jegliche Aufforderung viel mehr, als ich müsste. Als ich eine riesige Menge Holz in vielen Schubkarrenladungen über den Hof transportiere, verbrennt die spanische Sonne mir Gesicht und Arme.

Trotzdem sage ich zum Schluss zu Kristen, dass ich unbedingt wiederkommen will, ja, muss. Sie lacht nur und erklärt dann, dass das alle Freiwilligen sagten. „Tatsächlich zurückgekommen ist trotzdem bisher noch keiner“, fügt sie schmunzelnd hinzu. Komisch, denke ich. Der Reiz neuer Abenteuer ist dann wohl doch meist stärker. Schließlich gehört zu jedem Workaway ein bisschen Herzklopfen.

(Autorin: Alisa Sonntag)