Wie kommt die Puppe auf den Stuhl?

Die Festwoche um das 60-jährige Jubiläum des halleschen Puppentheaters ist gerade erst vorbeigewesen, da stand schon das nächste Highlight auf dem Programm. Ab dem 3. Mai 2014 begeisterte das Ensemble mit dem Stück „1000 und eine Puppe“ das Publikum. Wir durften den Machern bei der Entstehung des Stücks über die Schulter schauen und haben im Gespräch mit Puppentheater-Intendant Christoph Werner erfahren, was es alles braucht, bis die Puppen so tanzen wie sie sollen. Ein Blick hinter die Kulissen.  

Hoch konzentriert tigert ein Mann durch den Saal, den Kopf leicht gesenkt, der Blick starr nach vorn. Mit leisen Lippenbewegungen läuft er auf und ab – immer wieder. Eine Frau sitzt etwas abseits im Halbdunkel und flüstert vor sich hin, einen Hefter auf dem Schoß. Es sind Puppenspieler aus dem Ensemble des halleschen Puppentheaters. Wir sind im Saal des Puschkinhauses, der als Ort für die Proben dient. Ihr künstlerischer Leiter und Intendant Christoph Werner hat soeben den Raum betreten. Schnell hat sich um Ihn herum, in der Mitte des Raumes, eine kleine Traube gebildet. Während die einen noch ihre Texte verinnerlichen, finden sich die anderen zum lustigen Plausch zusammen und reden über Gott und die Welt. Die Regie-Assistentin, der Musiker und der Tontechniker sitzen hinter den Mischpulten am Rand und warten auf den Beginn der Probe. Christoph Werner entfernt sich als erster aus der illustren Runde, verlässt die von Scheinwerfern beleuchtete Kulisse und begibt sich in den dunkleren Hintergrund. „Los geht’s. Handys aus. Licht aus“, ruft der Intendant.

Bevor es tatsächlich mit der Probe losgeht, stellt sich die Frage, wie so ein Theaterstück mit Puppen eigentlich entsteht? Und was es alles braucht, bis es zur Probe kommen kann? In den vielen Jahren beim Puppentheater hat Christoph Werner den Prozess – angefangen bei der ersten Idee bis hin zur Premiere – unzählige Male durchlaufen. Besonders zu Beginn, nachdem man sich einen bestimmten Stoff ausgesucht hat, wird in Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen viel diskutiert, gibt er zu wissen. Es wird diskutiert über einzelne Szenen, diskutiert über ästhetische Fragen, über inhaltliche Fragen, diskutiert über die Puppenart. „Dann wird entschieden, wer welche Figur ist, in welcher Szene eine Puppe und in welcher Szene ein Mensch. Es gibt also ewig lange Vorgespräche.“, kürzt Werner die ganze Sache ab. Bestimmt vier bis sechs Wochen sitzt man an der Strichfassung, manchmal auch länger. Heißt, man streicht den Originaltext auf den Text, der für die Aufführung verwendet werden soll, zusammen. Bevor man dann allmählich an die Proben denken kann, wird der Besetzungszettel erstellt, also die Schauspieler, beziehungsweise Puppenspieler, ausgesucht und festgelegt.

„Immer geht es um die Spieler, niemand fragt, wie es uns Puppen geht. Heute geht’s nur um uns Puppen.“, schallt es durch den Proberaum. Eine Besonderheit im aktuellen Stück ist es, dass von der Marionette bis zur Handpuppe so ziemlich jede Puppenart ihren Auftritt bekommt. Amüsiert, aber scharfsinnig betrachtet Werner den aufgeführten Wettstreit darüber, wer bitteschön die beste Puppe sei. Er lacht viel, während sie selbstironisch um ihre Daseinsberechtigung zetern. Bis aus dem Kichern plötzlich ein lautes Rufen wird. „DIE“, ruft es aus dem Hintergrund. Der Spieler hatte sich versprochen und dem Intendanten ist es nicht entgangen und das trotz aller Leichtigkeit die er vermittelt, während er zurückgelehnt im Stuhl sitzt, die Beine von sich gestreckt, die Hände gefaltet auf dem Bauch liegend. Er kennt den Text bis ins kleinste Detail und lässt den Spielern nichts unbemerkt durchgehen.

Aber zurück zur Entstehung eines solchen Stücks. Der Text steht, jetzt muss etwas für´s Auge her. Das Bühnenbild will gemacht sein und die Puppen natürlich auch. Ein Puppenbauer wird beauftragt, Instruktionen zu deren Aussehen erhält er direkt vom Regisseur, denn der hat letztlich immer das Sagen. Bis die Puppen fertig sind werden viele Fotos mit Zwischenergebnissen verschickt und abgesegnet, Telefonate geführt.

Das Bühnenbild hingegen, wird vor Ort mit den eigenen Werkstätten arrangiert. Eine Bauprobe wird abgehalten, um das Bühnenbild auf seine Praxistauglichkeit zu testen. Sind alle zufrieden und der Bau ist abgeschlossen, heißt es: Werkstattübergabe, also fast geschafft könnte man meinen. Aber bis zur Premiere gibt es noch einige Hürden zu nehmen.

Unruhe, vor allem unter den anwesenden Puppendamen, kommt auf. Der Grund ist schnell ausgemacht: Nadelstreifenanzug, dazu Hemd, Fliege und Lackschuhe, die Haare nach hinten gelegt – der große Maurice Ravel betritt das Rampenlicht. Durch und durch eine Augenweide unter den Vierfüßern. Vierfüßer-Puppe deshalb, weil bis zu zwei Menschen notwendig sind, um sie zu führen, also vier Füße. Einem großen Pianisten entsprechend, bewegt er sich elegant auf seinen Stuhl und setzt sich an seinen Miniaturflügel. Die Hände hebt er dramatisch empor, um anschließend das Publikum (und schwärmerische Puppendamen) mit seinem Klavierspiel zu verzaubern. Mit vollem Körpereinsatz beginnt er zu spielen. Doch die Töne blieben aus. „Da hätte jetzt jemand die Musik einschalten müssen“, bemerkt Werner spitz. Die Ausflüchte die er zu hören bekommt, winkt er wenig verständnisvoll ab. Das Zeichen für seinen Einsatz war dem Verantwortlichen scheinbar noch nicht klar.

Haben Sie es bemerkt? Heimlich still und leise, hat er Platz genommen, Maurice Ravel. Aber wie kommt die Puppe auf den Stuhl? Von bestimmten Beschaffenheiten die beim Puppenspiel wichtig sind, bekommt der Zuschauer gar nichts mit. „Beispielsweise, wenn sich eine Puppe auf einen Stuhl setzt, muss der Stuhl eine bestimmte Lehne haben, sonst können die Spieler die Puppe nicht spielen.“, so der Regisseur. Am besten ist, er hat gar keine Lehne. Das würde diese offene Spielweise erleichtern. Die Tatsache, dass mehrere Spieler eine Puppe führen, erschwert das Spielen. Das zu koordinieren ist kompliziert. Aber um solchen und anderen Dingen Herr zu werden gibt es letztlich genügend Proben. Sind dann auch die Konzeptionsprobe, die Leseproben und die Generalprobe überstanden, kann es endlich zur Premiere kommen.

„Es wird, es wird, Kollegen“, ruft Werner zufrieden am Ende des Probentages. Ruhe kehrt ein. Das war´s für heute. Das Einleuchten und zwei weitere Proben stehen noch bevor. Dann sind alle Schritte, von der Idee bis zur Premiere, durchlaufen und fertig ist das Puppentheaterstück. Hier und da setzen Gespräche ein. Während sich die Spieler umziehen gibt es für den Regisseur noch Fragen zu klären. Die Ausstatterin ist besorgt um die Abstände zwischen zwei Bühnenelementen. Redend schlendern die Beiden durch den Raum – sie tigern auf und ab. „Das passt“, sagt er. Die Bedenken scheinen beseitigt. Noch ein kurzer Zuspruch für den Tontechniker, man verabschiedet sich. „Tschüß“, ruft es durch den Raum. Dann ist Schluss.

Philipp Schreiner, Kulturfalter, April 2014