Das Kunstmuseum Moritzburg und die Zukunft

Die neuen Räumlichkeiten (Foto: Jana Kausch)

Eigentlich ist die Innenstadt hier zu Ende. Die Straßenbahn kreuzt nur den Uniring und fährt weiter zum Markt. Dann kommt man noch an einem ehemaligen Kino vorbei und das war's. Man steht an einem Parkplatz. Der Weg über den Parkplatz, den Friedemann-Bach-Platz, aber ist eine Entdeckung, ein Schritt zurück in die Kindheit.

Es ist der Weg zum Schlossberg, der Weg zur Burg. In die Burg kommt man von Osten durchs Haupttor. Dabei geht’s über den Burggraben. Unten, nur wenige Meter von der Burgmauer entfernt auf der Südseite des Grabens, lötet ein Handwerker an seinem Opel an der Batterie. Auf der Nordseite sitzt ein Pärchen auf der verwaisten Holzbühne und knutscht. Die Entdeckung ist echt, die Burg ist so eine Art schicker und zugleich historischer Hinterhof der Stadt und wartet auf Besucher.  

Michael Freitag geht über den Innenhof der Burg. Er kommt aus dem ehemaligen so genannten Lazarettgebäude und läuft hoch zum östlichen Wehrgang. Er beeilt sich, aber nickt trotzdem den Besuchern am Tor freundlich zu, zwei alten Damen, die ihm hinterhergucken und dabei vielleicht neidisch sind, denn Freitag steigt gleich hinterm Torturm in die Kulissen. Er geht die Treppe hoch, hinter in sein Büro. Er hat das Staunen bemerkt, aber er traut sich nicht so richtig, sich darüber auch zu freuen. Im Moment nicht. „Alle finden die Architektur hier fantastisch. Fast alle. Sie finden, dass es wunderbar gelöst wurde“, sagt er und wechselt kurz einige Worte mit einem Restaurator, der an einer anstehenden Münzausstellung arbeitet.

Das Eine denunziert nicht das Andere

Freitag ist der Leiter der Sammlungen der Burg und gleichzeitig Kustos des Grafischen Kabinetts. Er hat einen Arbeitsplatz, wie ihn sich Kinder erträumen, Studenten sowieso und über den alle anderen einfach nur staunen. „Das Eine denunziert nicht das Andere“, sagt er, zeigt zum Haupteingang des Kunstmuseums gegenüber und macht eine kurze Pause. Mit „das Eine“ ist der Neubau gemeint. Und „das Andere“ bezeichnet die historische Bausubstanz von Nord- und Westflügel. Seine Worte sind die Worte eines Kurators und Kunstexperten. Vor allem aber ist es ein Statement, das Vielen auf der Burg derzeit so wichtig scheint. Nach den großen Jubelstürmen in nahezu allen bundesdeutschen Feuilletons im Jahr 2008 über die Gestaltung und Umsetzung des Erweiterungsbaus durch die Architekten Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano war auf der Moritzburg zunächst Ruhe eingekehrt. Die Burg glänzte, aber bekam dann – aufgrund von Verwaltungsproblemen – die volle Breitseite der Politik und der Tagespresse ab. Die Burg wurde gestürmt. Aber seit rund zwei Jahren lassen die Stürme nicht mehr nach.



Magie des Augenblicks - Weltberühmte Werke in der Moritzburg Halle



Eine Burg und keine Laube

Aktuell geht es hier um Bauprobleme, die bei der anhaltenden Sanierung auftreten. Die örtliche Tageszeitung macht dabei aus der Burg – mit der Sammlung Gerlinger nun Hort eines wohl weltweit beispiellosen Kabinetts von Werken der „Brücke“-Künstler – eine Art Rumpelkammer. „Wettlauf mit der Zeit“ und „Schimmelbefall in der Moritzburg“ lauteten einige Schlagzeilen. „Das Ding hier ist doch keine Laube“, sagt Freitag. Er merkt, dass es derb klingt und erklärt sich sofort. „Hier“, sagt er fast ein bisschen verzweifelt, „haben wir eine Burg!“ Und er setzt noch einmal neu an: „Ein Bau ist ein Organismus. Er ist einfach da. Und der hier ist noch dazu alt. Man muss mit ihm umgehen.“ Katja Schneider, die Direktorin der Stiftung, ist anders als ihr Sammlungsleiter nicht so sehr wütend. Sie ist enttäuscht. „Wer Ahnung hat, weiß, dass vieles aufgebauscht ist.“ Sie zuckt mit den Schultern und nimmt sich dann ein bisschen zurück. „Oder es fehlen Informationen. Wir versuchen durch persönliche Ansprache aufzuklären.“

Feiningers Atelier im Torturm der Burg

Katja Schneider nimmt einen Schluck Wasser und ist bei der Zukunft ihres Hauses, bei Plänen für die Neugestaltung des Platzes vor der Burg, bei der Aufwertung durch die Leopoldina an der Nordseite der Burg, bei der künftigen Einbeziehung des Burggrabens und bei der Sanierung des Wehrgangs und des Kuppelsaals. „Der erste Schritt aber wird nun, das Außendepot so dicht wie möglich an die Burg heran zu holen. Jetzt wird die Bausubstanz untersucht, Konzepte aufgestellt.“ Noch nicht erschlossen sind auf der Burg rund 300 Quadratmeter. Dabei handelt es sich um die so genannte Crodelhalle im Westflügel, den Rundsaal und den Wehrgang im Ostflügel. Die letzte Ankündigung der Direktorin aber betrifft Lyonel Feininger. Wieder mal Feininger. Schneider zeigt auf ein Foto von seinem Atelier im Torturm Ende der 20er Jahre. Von Feiningers Arbeit in diesem Raum gibt es keine Spuren, oder nur sehr wenige: „Nein, hier soll nicht das Atelier nachgestaltet werden. Eher vielleicht soll das Erlebnis möglich werden, also die Erfahrung, wie er sie beschrieben hat: Dorthin hochsteigen, um zu arbeiten.“ Der Plan ist ein bisschen wie ein Trost für den Ärger der letzten Monate. Katja Schneider nimmt den von der Stiftung herausgegebenen Band zu den Halle-Bildern Feiningers hervor. Darin abgedruckt sind auch die Briefe des Künstlers an seine Frau. Am 22. April 1929 schreibt Feininger: „In Halle will ich reinen Tisch haben für Neues! Ich werde zunächst viel zeichnen dort. Im Herbst male ich dann los, im Turm.“ Reiner Tisch und Feiningers Atelier im Torturm – zwei Zukunftswünsche auch von Katja Schneider für die Burg.

(Stefan Ruwolt)