Impronale Halle: Das Spiel mit der Unvorhersehbarkeit - Interview mit Franka Söll und Oliver Rank

Improvisationstheater ist eine wagemutige, schöpferische freie Theaterform, die direkt vor den Augen des Publikums entsteht. Es fordert die Zuschauenden dazu auf, am Entstehungsprozess mitzuwirken. Sie erleben das Werk, den Künstler und den Schaffensprozess gleichzeitig. Das Konstruieren von Realitäten wird für das Publikum durchschaubar. Dadurch entsteht eine besondere Qualität des Zusehens und Zuhörens. Kulturfalter war im Gespräch mit Franka Söll und Oliver Rank vom Verein Kaltstart - zwei der Initiatoren des Improvisationstheaterfestivals Impronale.

Warum spricht euch gerade diese Theaterform an?

Franka Söll: Mich reizt das  „im Augenblick sein“. Improvisationstheater kann Momente von absoluter Gegenwart erzeugen, es ist Theater des Rausches und der Unwiederholbarkeit. Aus dem Nichts heraus werden Charaktere etabliert und szenische Situationen erschaffen, dabei  gibt ganz besondere  Dynamiken zwischen den Schauspielern und manchmal wird man in eine Art kollektiven Taumel versetzt - das ist es, was mich fasziniert.

Oliver Rank: Es bildet eine schöne Abwechslung zum klassischen, etablierten „Sprechtheater“. Es ist immer wieder neu und ein ganz anderes Zusammenspiel mit den Kollegen. Natürlich ist auch die Spannung zwischen Schauspieler und Publikum eine ganz andere, weil man die Zuschauer nicht zwangsläufig einbinden, aber doch abholen muss.

Was unterscheidet die Impronale von anderen Festivals?

Oliver Rank: Mit der Impronale schafft Kaltstart e.V. als einziges Festival in Deutschland eine Bühne, die sich ausschließlich „Improvisationstheater-Langformen“ widmet, also dort agiert, wo Theatersport und Sketch-Comedy aufhören und abendfüllende Stücke entstehen. Langformformate ermöglichen ganz andere Entwicklungen, Erzählweisen und Performances. Es wird meist ein  Geschichtsstrang über ca. eine Stunde gespielt. Die Schauspieler bauen einen größeren Plot auf, oder es gibt mehrere Handlungen, die aber alle durch einen roten Faden zusammengehalten werden.


Franka Söll: Außerdem bietet die Impronale eine Plattform für aktuelle Fragestellungen, die  im Fokus der Workshops und Aufführungen stehen. Das sind beispielsweise solche Fragen wie:  Kann und soll Improvisationstheater aktuelle Themen auf die Bühne bringen? Was darf Improtheater wollen und dürfen? Ist die Freiheit der Improvisationskunst egozentrisch? oder Kann Improvisationstheater aus künstlerisch- ästhetischer Sicht trotz und wegen neuer Ansätze das Publikum nach wie vor in seinen Bann ziehen? Die Impronale in Halle ist damit  eine Leistungsschau der Entwicklungen und fungiert in Deutschland und international als wichtiger Katalysator für die Weiterentwicklung des Improvisationstheaters.


Woher bekommt ihr eigentlich die SchauspielerInnen und die WorkshopleiterInnen? Wie kriegt ihr sie nach Halle?

Oliver Rank: Die Improtheaterszene ist gut vernetzt. wir bekommen Empfehlungen von Freunden und Kollegen. Wir schauen uns aber auch viel selber um, fahren zu Auftritten und schauen uns die Shows an. Was uns gefällt und ins Festivalformat passt, wird eingeladen.

Was gibt es in diesem Jahr besonderes zu erleben? Worauf freut ihr euch besonders?

Franka Söll: Ich freue mich, dass es uns gelungen ist „Community“ in Halle zu zeigen. Ich habe das Stück dieses Jahr in Berlin gesehen und es hat mich sehr berührt. Sechs Künstler aus sechs europäischen Ländern haben sich dem Thema „Gemeinschaft“ verschrieben. Sie beschäftigen sich mit gesellschaftlichen und politischen Themen, die sie nicht von einem allgemeinen oder theoretischen Standpunkt aus betrachten, sondern sich ihnen mittels persönlicher Erfahrungen, den individuellen Geschichten der Darsteller sowie ihren Beziehungen untereinander widmen.

Oliver Rank:  Das ist schwer zu sagen, da jede Vorstellung für sich einzigartig und innovativ ist. Besonders freue ich mich aber auf "Vernetzt". Zum Einen weil die Kolleginnen aus Hamburg schon seit vielen Jahren hochprofessionell und sogleich experimentell an neuen Impro-Langformen arbeiten. Zum Anderen bin ich sehr gespannt darauf wie die Umsetzung verläuft. Das Format scheint eine stark philosophische Komponente inne zu haben. Alles und jeder ist mit einander verbunden und wird zusammen gehalten. Und eben diese Geschichtsstränge, die an diesem Abend entstehen, werden auch visuell verknüpft. Somit entsteht Stück für Stück eine Installation auf der Bühne in der und mit der die Spieler agieren und improvisieren.

Frau Söll, Herr Rank, für das Interview vielen Dank.