Impronale Halle: Wie alles kam, ist und sein wird - Interview mit Franka Söll und Oliver Rank

Vom 29. November bis zum 2. Dezember 2018 findet die 16. Impronale in Halle statt. Im letzten Jahr haben der Veranstalter Kaltstart e.V. hat für Halles Improvisationstheaterfestival einige der besten deutschen und internationalen Improspieler eingeladen. Sie kamen aus Italien, Frankreich, Finnland, aus Hamburg, Hildesheim und Leipzig nach Halle und stellten ihre neuesten Shows vor – von Lichtexperiment bis Seifenoper, von rasanter Komik bis stiller Poesie. Kulturfalter sprach mit den Organisatoren Franka Söll und Oliver Rank.

Warum braucht die Welt Improvisationstheater?

Oliver Rank: Ganz einfach: Improtheater bereichert die Theaterlandschaft. Es ist immer wieder neu, erfrischend und facettenreich. Es kann unterhalten, berühren, zum Nachdenken anregen. Aber auch auf Probleme und Missstände hinweisen. Improtheater ist nah am Leben. Manchmal geht etwas schief, dafür öffnen sich neue Türen. Und manchmal läuft alles wie am Schnürchen. Wie im Leben können wir uns auf den Kopf stellen und alles durchplanen, aber es kommt immer anders als man denkt. Improtheater zeigt, dass es trotzdem auch immer irgendwie weiter geht...in jeder Lebenssituation.

Franka Söll: Improtheater liegt voll im Trend: nichts ist sicher, Flexibilität ist gefragt, ständig in Kommunikation mit anderen zu sein, ist angesagt. Man sucht nach dem einmaligen Unterhaltungsmoment. Andererseits sehnt sich jeder auch nach Ehrlichkeit und weniger Inszenierung. Improvisationstheater kann schneller auf aktuelle Themen reagieren, funktioniert auch ohne gemeinsame Sprache und macht einen interkulturellen Austausch möglich. Und es erreicht oft andere Zuschauer, die normalerweise nichts mit dem konventionellen Theater am Hut haben. Beim Improtheater müssen sie nicht stillsitzen, sondern dürfen mitbestimmen.

Wie entstand eigentlich die Idee zur Impronale? Und wie wurde daraus Wirklichkeit?

Franka Söll: Wir vom Verein Kaltstart waren oft auf anderen Improfestivals in Berlin, Würzburg und Köln und dabei entstand die Idee, selbst eins in Halle zu organisieren. Vor 14 Jahren war Improtheater hierzulande kaum bekannt. Mit dem Festival wollten wir diese Theaterform etwas mehr in unserer Region etablieren. Und wir wollten selbst zeigen, wie vielfältig und experimentell Improtheater sein kann. Und dann haben wir einfach angefangen. Mit wachsendem Erfolg. Nach den ersten Jahren mussten wir in eine größere Spielstätte umziehen. Die jetzige - das Puschkinhaus - fasst dreimal so viele Zuschauer wie unser erster Spielort.

Was unterscheidet die Impronale von anderen Festivals?

Franka Söll: Wir beschränken uns hier ausschließlich auf Langformformate, die ganz andere Entwicklungen und Geschichten ermöglichen, als zum Beispiel "Theatersport". Außerdem ist die Impronale ein Forum, in dem Improvisationstheater weiterentwickelt wird. Es geht sehr experimentell zu, hier wird viel Neues ausprobiert und ausgetauscht – und das international. Das ist der Grund, warum viele Improvisateure aus ganz Europa gern nach Halle kommen. Die Impronale steht für einen hohen Anspruch und professionellen Austausch. Der hallesche Improkal gilt inzwischen als eine wichtige Trophäe in der Szene, PreisträgerInnen listen sie in ihrer künstlerischen Vita als eine Art „Qualitätssiegel“.

Workshops gehören immer zum Rahmenprogramm der Impronale. Welche Bedeutung haben die für das Festival?

Franka Söll: Zu Beginn 2003 gab es die in der Improvisationstheaterszene üblichen “normalen“ Improworkshops, die man überall bekommt, wo Improtheater gespielt wird. Aber schon im zweiten Jahr hatten wir es uns mit der Impronale zum Ziel gemacht, neue Entwicklungen und Tendenzen der Improtheaterszene aufzuspüren, über den Tellerrand zu schauen und an neuen Spielformen zu forschen. Seitdem bieten wir eher Workshops mit experimentellem Charakter, die verschiedene Künste zu verbinden suchen oder Workshops, die bisherige Improspielgewohnheiten in Frage stellen. Damit veränderte sich die Zusammensetzung der Festivalteilnehmer. Zunehmend etabliertere Improgruppen aus Deutschland wurden auf das Festival aufmerksam, nationale Improgruppen fanden den Weg nach Halle. Die Improtheaterszene wurde auch international auf Halle aufmerksam.

Woher bekommt ihr eigentlich die Gruppen und die Workshopleiter? Wie kriegt ihr sie nach Halle?

Oliver Rank: Die Improszene ist gut vernetzt. wir bekommen Empfehlungen von Freunden und Kollegen. Wir schauen uns aber auch viel selber um, fahren zu Auftritten und schauen uns die Shows an. Was uns gefällt und ins Festivalformat passt, wird eingeladen.

Franka Söll: Nationale und internationale Improvisationstheatergruppen bewerben sich zur Impronale mit eigenen Formaten, um sich in Halle einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen, ihr Format ins Gespräch zu bringen und selbst neue Impulse zu erhalten. Außerdem erzählen viele begeisterte Workshopleiter von uns und bringen ihrerseits FreundInnen und KollegInnen mit. Die Impronale an jedem ersten Adventswochenende hat sich in der Szene als wichtiges Festival herumgesprochen, bei dem es gilt dabeizusein.

Wie viel Arbeit steckt in einem Festival wie der Impronale?

Oliver Rank: Nach der Impronale ist vor der Impronale. Das erste Organisationstreffen findet Anfang Januar statt. Improspieler und Workshopleiter haben meist einen prall gefüllten Kalender. Deswegen laden wir so früh im Jahr wie möglich ein. Ab dann treffen wir uns regelmäßig und halten uns per E-Mail und Telefon auf dem neuesten Stand. Kurz vor der Impronale sehen wir uns dann fast täglich. Wo Anfang bis Mitte des Jahres noch künstlerisch-organisatorisch agiert wird, befassen wir uns zum Ende hin eher mit Plänen für Transporte, Raumplanung, Tagesabläufen, Öffentlichkeitsarbeit...

Die Impronale ist so eine Art Familientreffen der Improszene. Erzählt doch mal, wie sind die so, die Improspieler? Und wodurch unterscheiden die sich von "normalen" Schauspielern?

Franka Söll: Eigentlich gibt es aus meiner Sicht gar nicht so große Unterschiede. Es kommen ja professionelle „normale“ Schauspieler nach Halle, deren Leidenschaft zusätzlich noch Improvisationstheater ist. Alle verfügen über das entsprechende Handwerkszeug eines Schauspielers. Zusätzlich haben sie trainiert, wie man ohne Regisseur und Texte Geschichten erzählt. Das macht „Texttheater“-Schauspielern vermutlich Angst, weil sie sich im Rahmen der Regieanweisung sicher fühlen. Der Improspieler legt Wert auf die Freiheit, jederzeit eigene Entscheidungen zu treffen und sich davon inspirieren zu lassen.

Oliver Rank: Auf jeden Fall sind Improschauspieler offen, freundlich, kommunikativ und energiegeladen. Die meisten tragen eine besondere Euphorie für das spontane Spiel mit sich und finden schnell eine Bühne, auch wenn keine da ist.

Was gibt es in diesem Jahr besonderes zu erleben? Worauf freut ihr euch besonders?

Franka Söll: Ich freue mich auf alle Aufführungen, weil es alles unsere Wunschkandidaten waren. Es gibt eine Show im Stile eines italienischen Schriftstellers oder Improvisationstheater, welches uns in die Zeit 1945 hineinversetzt. Oder ein neues Format im Café "Brohmers", eigens für Halle entwickelt.  

Oliver Rank: Bei dieser Kneipen-Show spiele ich selbst mit und freue mich darauf, mich mit bezaubernden Kollegen aus Hamburg und Halle gemeinsam mit dem Publikum in einer Bar zu betrinken. Außerdem bin ich gespannt auf Franck Buzz aus Frankreich. Er bringt seine "Improlightbox" mit nach Halle. Ein Improtheaterformat, das sich hauptsächlich von Licht und Lichtstimmungen inspirieren lässt.

Die 13. Impronale darf eigentlich auch kommen, wer abergläubisch ist? Welches Gegengift empfehlt ihr?

Franka Söll: Die 13 kann ja auch Glück bringen. Für alle Fälle mein Vorschlag zum Gegengift: einfach durcheigene Vorschläge, die meist zu Beginn einer Aufführung vom Publikum eingeholt werden, das Geschehen auf der Bühne „pecharm“ mitgestalten, so dass nichts schiefgehen kann. Und, welch ein Glück: Man ist vielleicht sogar mit dabei, wenn improvisiertes Theater in eine neue Dimension vorstößt. Wenn alles nicht hilft: sich am Abschlussabend im Café "Brohmers" glücklich trinken.

Oliver Rank: Man könnte vorsichtshalber kurz vor der Vorstellung mal ganz laut "Juchhu!" rufen., damit vertreibt man schon die meisten bösen Geister. Wer allerdings doch auf Nummer sicher gehen will, sollte sich einfach während der Vorstellungen eine Knoblauchkette um den Hals machen. Damit hat man mit viel Glück die Sitzreihe für sich allein. Allerdings wäre das auch schade, denn Improvisationstheater macht sowohl auf der Bühne als auch im Zuschauerraum mit Freunden viel mehr Spaß...

Frau Söll, Herr Rank, für das Interview vielen Dank.