Zoo ist wichtig - Es gibt viel zu tun für Dennis Müller, den neuen Zoodirektor von Halle

Der Bergzoo Halle ist mitten im Umbruch: neuer Direktor, neues Konzept und viele neue Aufgaben. Mit Dr. Dennis Müller leitet seit Mai 2015 der jüngste Zoodirektor Deutschlands die Geschicke im Zoo. Der bisherige Leiter und Tierarzt des Tier- Freigeländes im Nationalpark Bayerischer Wald hat sich in einem langen Verfahren überraschend gegen 28 Bewerber durchgesetzt. Am Ende hat er mit seiner frischen und enthusiastischen Art überzeugt. Was er als neuer Direktor alles schon geschafft hat und was er noch vorhat, erzählte Dr. Dennis Müller im Gespräch mit Geschmackverstärker-Redakteur Nico Elste. Das Interview fand kurz vor der Geburt des Elefantennachwuchses statt. Leider tötete Elefantendame Bibi ihren Nachwuchs kurz nach der Geburt.

Die gezielte Verpaarung bei Zootieren ist, wie bei Bibis dramatischer letzter Geburt und wie bei den Tigern Momoe und Sompon zuletzt gesehen, nicht so einfach. Warum geht man als Zoo das Risiko ein, Tiere bei der Paarung, der Geburt oder schließlichden Nachwuchs selbst zu verlieren?

Zoos haben in meinen Augen eine ganz wichtige Aufgabe: Wir versuchen, die Besucher für die Tierwelt zu begeistern, Empathie zu wecken und so das, was Nachhaltigkeit alles bedeutet, den Menschen verständlich zu machen. Das funktioniert über das Tiererlebnis – eine hochemotionale Angelegenheit. Damit wir dieses Erlebnis als zoologische Gärten gewährleisten können, müssen wir unsere Tierbestände gemeinsam managen, quasi im Auge behalten. Dabei ist die Zucht natürlich der wesentliche Schlüssel. Denn es kann keine Lösung sein, Tiere aus der freien Wildbahn in die Zoos zu bringen – auch das bedeutet Nachhaltigkeit. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden wildlebende Tiere regelmäßig aus Reservaten in die Zoos gebracht. Jedoch darf man sich das nicht besonders romantisch vorstellen. Denn es bedeutete eine Menge Stress für die Tiere, es gab dadurch auch hohe Verluste, und man darf auch nicht den Eingriff in die Biotope vergessen, aus denen die Tiere entnommen wurden. Immerhin handelte es sich oftmals um gefährdete oder auch stark gefährdete Arten.

Ist es die Aufgabe eines Zoos, stark gefährdete Arten zu erhalten?

Ja, auch unter den begrenzten Möglichkeiten haben wir diese Augabe auf jeden Fall. Es gibt ja einige große Erfolgsgeschichten, wie bei den Wisenten. Ohne die Arbeit von zoologischen Gärten und ohne die koordinierte Zucht wären sie und andere Arten schon längst von der Erdoberfläche verschwunden. Für alle Arten wird man das allerdings nicht leisten können, dafür sind die Aussterberaten viel zu hoch und die Kapazitäten der Zoos zu begrenzt. Deswegen kann man als Zoo immer nur so eine Art ‚Flaggschiffspezies‘ suchen. Zumal für ein Überleben der Population mindesten 100 Tiere im zeugungsfähigen Alter in der Zoopopulation benötigt werden. Seit dem Wisentzuchtbuch wird versucht, durch eine immer engere weltweite Zusammenarbeit der Zoos auch weitere Arten zu bewahren. Damit geht das Verständnis einher, dass kein Zoo seine Tiere als Besitz ansieht. Vielmehr sind sie ein Gemeinschaftsgut und werden durch die Zuchtbücher letztlich von allen Zoos und für alle Zoos bzw. die Erhaltung der Art betreut. Dabei fließt natürlich auch kein Geld.

Seit einigen Monaten sind Sie nun Zoodirektor. Können Sie schon ein erstes Fazit zum Zoo und Ihrer Arbeit hier ziehen?

Es ist gerade eine ganz spannende Phase. Der Zoo erwacht so langsam aus seinem ‚Dornröschenschlaf‘ der letzten ein bis zwei Jahre und ist derzeit in einer richtigen Aufbruchsphase. Wir wollen den Zoo ja neu erfinden und neu gestalten, allerdings dabei auch auf Bewährtes setzen. Sehr schön ist, dass uns die Stadt bei den derzeitigen Bemühungen stark unterstützt, sodass ich alles gerade als sehr aufregend empfinde. Gleichzeitig bin ich noch immer dabei, den Betrieb kennenzulernen. Das macht schon sehr viel Spaß. Sehr positiv ist mir zum einen sofort die Belegschaft aufgefallen, die enthusiastisch und mit derselben Begeisterung wie ich die Herausforderungen annimmt und ganz offen mit meinen Ideen umgeht. Zum anderen finde ich die ganze Stadt mehr als bemerkenswert. Es herrschen eine wunderbare Erwartungshaltung, ein großes Interesse und eine starke Begeisterung für den Zoo!

Sie waren zuvor Leiter und Tierarzt in einem Wildpark im Bayerischen Wald. Was unterscheidet Ihre Arbeit als Zoodirektor von Ihrer vorherigen Tätigkeit?

Zum einen natürlich die Größe: der Mitarbeiterstab und die Anzahl der Tiere sind hier schon größer. Was das Aufgabenfeld betrifft, so sind diese dagegen zum Teil sehr ähnlich. Allerdings gibt es einige wesentliche Unterschiede. So unterstand der Wildpark im Bayerischen Wald einer Behörde, was in einigen Bereichen sehr viel Sicherheit schafft. Ich denke da zum Beispiel an die finanzielle Ausstattung. Im Wildpark haben wir keine Besuchereinnahmen generiert – wir hatten einen definitiven Haushalt, der eingehalten werden musste. In Halle generieren wir ja einen wesentlichen Teil unseres Haushalts über die Besuchereinnahmen. Vom Aufgabenportfolio habe ich im Nationalpark zudem mehr Bereiche alleine betreut: Ich war Tierarzt, Kurator und Geschäftsführer in einer Person. Das geht in Halle natürlich nicht – hier kann und muss ich mich in vielen Bereichen einfach auf meine Mitarbeiter verlassen.



Wie bestreitet der Bergzoo denn seine Finanzierung?

Ein Viertel unseres Budgets nehmen wir durch Eintrittsgelder ein, zwei Drittel kommen von der Stadt, und darüber hinaus haben wir noch einige Sponsoren. Diese Finanzierung ist natürlich nicht zuletzt dem Aspekt geschuldet, dass wir eine Kultur- und Freizeiteinrichtung für jedermann sein wollen. Auch finanziell schlechter gestellte Mitbürger sollen die Möglichkeit haben, unseren Zoo zu besuchen. Ebenso sollen alle Kinder der Stadt diese Chance haben. Genau deswegen können wir nicht allein über die Eintrittsgelder unseren Haushalt erwirtschaften. Würden wir das machen, hätte nur noch eine finanzkräftige Elite Zugang zum Zoo, und es wäre nicht möglich, einen vielfältigen Tierbestand zu zeigen.

Bis Ende September 2015 sollten Sie ein neues Gesamtkonzept für den Bergzoo vorlegen. Vieles soll auf den Weg gebracht werden. Hat der Zoo bisher Potenzial verschenkt?

Das wäre ein nicht ganz zutreffendes Urteil. Im Augenblick gibt es gerade die Möglichkeit, zu investieren und gestalterisch tätig zu werden. Man hätte auch früher schon zum Beispiel bei den Eintrittspreisen Veränderungen durchführen können. Und natürlich braucht es für neue Ansätze die Unterstützung aller Mitarbeiter und auch der Politik. Die Chance haben wir nun.

Wie stellen Sie sich den Bergzoo im Jahr 2020 vor?

Vom Grundgedanken her ist der Bergzoo recht gut aufgestellt. Das Thema ‚Bergzoo‘ beispielsweise gefällt mir sehr gut. Wir spielen natürlich hier ein wenig mit der Illusion eines Berges – ein riesiger Berg ist der Reilsberg natürlich nicht. Dennoch lässt er sich von allen Seiten erschließen, man kann sich auf den Gipfel hocharbeiten und hat dort eine grandiose Aussicht. Das wird ein Leitmotiv sein. Das zweite ist die extrem wichtige Tiernähe, die wir im Zoo Halle haben und die uns stark abhebt von anderen Einrichtungen wie den Zoo Leipzig beispielsweise. Dort werden zwar riesige Kulissen – Gondwanaland sei hier genannt – geschaffen. An das Tier selbst kommt der Besucher jedoch nicht mehr nahe heran. Im Unterschied dazu steht bei uns das Tiererlebnis im Vordergrund. Das Dritte ist die Größe des Zoos. Wir haben einen kleinen, feinen Zoo mit kurzen Wegen, die zudem größtenteils barrierefrei sind: wir haben damit einen Zoo für jedermann. Diese drei Kernbotschaften möchte ich weiter ausbauen und gestalten. Trotzdem  gibt es einige Baustellen, die aufgearbeitet werden müssen. Da wäre zum Beispiel die Reilsche Villa. Im Moment ist sie noch ein Rohdiamant, den wir leider noch nicht nutzen können, zumindest in ihren derzeitigen Zustand. Die Gastronomie ist sicherlich ein Dauerbrenner. Hier arbeiten wir intensiv an einer Neuausrichtung. Natürlich war die bisherige Gastronomie nicht grundsätzlich verkehrt – Bratwurst, Pommes und dergleichen möchten die Besucher. Dennoch wollen wir hier eine Weiterentwicklung vorantreiben, die auch dem Zeitgeist entspricht, und bewusstere Ernährung ebenso mit einschließt wie verschiedene Angebote im vegetarischen Bereich. Die dritte Baustelle ist die derzeitige Situation an der Seebener Straße. Wir wollen den Zoo zur Saale hin öffnen und hoffen hier auf eine parallele Entwicklung mit dem Saaletourismus.

Welche Relevanz haben ein Zoo und die dort lebenden Tiere im 21. Jahrhundert? Was können Kinder und Erwachsene hier lernen?

Der Zoo ist der letzte öffentliche Tierhalter, der ein großes Publikum ansprechen kann. Quasi nur noch im Zoo hat man die Möglichkeit, Tiere hautnah zu erleben, und wir haben die Chance, den Besuchern Begriffe wie Tierschutz, Empathie und Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe nahezubringen. Dieser Aufgabe wollen wir nachgehen, und sie wird auch in Zukunft notwendig sein. Heutzutage hat man fast keine Chance mehr, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu betreten – eine Schweinehaltung ist mehr ein Hochsicherheitstrakt als ein Stall, und wie Eier produziert werden, sieht man schon lange nicht mehr. Zudem haben immer weniger Menschen in der Stadt Raum und Zeit, sich intensiv um ein Haustier zu kümmern. Wenn wir die Zoos also verlieren würden, verlören wir irgendwann auch das Verständnis für das Tier als Mitgeschöpf – dies zu bewahren und weiterzugeben, ist und bleibt also unsere wichtigste Aufgabe als Zoo. Die Begeisterung spiegelt sich schon in den Besucherzahlen wider. Keine andere Kultureinrichtung in Deutschla nd wird so häufig besucht wie die Zoos. Auch in Halle: Hier sind im letzten Jahr die Besucherzahlen auch gestiegen. Rein rechnerisch besucht jeder Hallenser seinen Zoo einmal im Jahr – das ist ein schönes Ergebnis und ein wichtiges Signal.

Was fasziniert Sie an (Wild-)Tieren?

So richtig fassen kann ich es nicht. Einerseits handelt es sich wohl um Prägung seit meiner jüngsten Kindheit. Vor allem mein Vater ist dafür verantwortlich. Ich war kein Jahr alt, da besuchte er mit mir zum ersten Mal eine Zoohandlung und wollte mir ein Haustier kaufen… Außerdem waren wir unzählige Mal im Zoo, gingen Enten und Eichhörnchen füttern – das hat mich mein ganzes Leben lang begleitet.

Sie sind ja jetzt in Halle ansässig. Welchen Eindruck haben Sie von der Stadt?

Mir gefällt die Stadt wahnsinnig gut. Die Entwicklung, die Halle in den letzten Jahren genommen hat, ist grandios. Ich war kurz nach der Wiedervereinigung zum ersten Mal in Halle und hatte die Stadt eher etwas grau in Erinnerung. Ich habe mich damals jedoch auch nicht intensiv mit Halle auseinandergesetzt – ich war im Zoo… (lacht). Das ist immer mein erstes Ziel in jeder Stadt. Was aus Halle jedoch seitdem geworden ist, ist fantastisch. Wir haben eine wunderschöne Altstadt mit einem historischen Kern, der für die Größenordnung unserer Stadt seinesgleichen sucht. Wir haben ein unglaublich großes Kulturangebot, welche Stadt unserer Größe hat denn noch ein eigenes Opernhaus, mehrere Theater und mehrere, bedeutende Museen? Wir haben ein unglaublich reichhaltiges Angebot in Sachen Bildung, einen enormen Freizeitwert und eine immens grüne Stadt mit den Saaleufern. Meine Familie und ich fühlen uns hier unglaublich wohl – hier herzukommen, war die richtige Entscheidung. Gerade auch vor der Perspektive, wo man sich ni ederlassen möchte, war die Stadt Halle und ihr reichhaltiges kulturelles Angebot ein wesentliches Argument für unsere Entscheidung.

Herr Müller, vielen Dank für das Interview.