Eine Weihnachtsgeschichte

Hell erleuchtet verbreitet der Weihnachtsmarkt gemütliche Stimmung. (Foto: Thomas Ziegler)

Also, jetzt war es soweit, und er konnte es nicht mehr aufschieben: Morgen, spätestens übermorgen mussten sie fahren. Josef – seine Kumpel zuhause hatten ihn immer „Jo“ genannt, wahrscheinlich, weil es irgendwie cool klang. Seit er hier war, wurde er „Sepp“ gerufen, was er überhaupt nicht cool fand, aber wenn er den „Hartz“ vermeiden wollte, musste er sich eben mit „Sepp“ abfinden – Josef hatte diese Entscheidung ohnehin schon getroffen, wie er sich eingestehen musste. Maria, die hier so angesprochen wurde, wie sie hieß, und nicht mit irgendeinem dämlichen Rufnamen, war schwanger. Der errechnete Geburtstermin lag in der nächsten Woche, und sie wollte ihr Kind in seiner Heimat kriegen – warum, hatte sie Josef nicht gesagt. Das war eben so eine Sache, die es bei Frauen öfter gibt, dachte er. Sie wollen etwas unbedingt und können keinen Grund dafür angeben, und später stellt sich dann heraus, dass es doch einen Grund gab, den sie aber selber nicht genau wussten….

Vor ungefähr einem Dreivierteljahr hatte er Maria kennengelernt, was jetzt Anlass zu Spekulationen geben würde, wenn er es jemandem erzählt hätte. So aber hatte er höchstens Selbstgespräche über dieses Thema geführt, die er sich inzwischen aber verboten hatte. Warum sollte es denn nicht sein Kind sein? Jedenfalls hatte Maria keinen Freund oder Partner gehabt, als sie sich kennenlernten.

Sie stammte auch nicht aus der Gegend hier, aber ihr Geburtsort lag nicht so weit entfernt wie seiner, deshalb wunderte er sich schon sehr, dass sie unbedingt in das Kreiskrankenhaus wollte, was dreizehn Kilometer von seinem Heimatort entfernt lag. Maria sah zwar aus, wie man sich „Maria“ vorstellt, und hatte auch eine entfernte Ähnlichkeit mit den vielen Marias, die hier überall am Wege standen, und sie hatten auch immer wieder Späße („da, wieder ein Bild von dir“) darüber gemacht, aber wenn es darum ging, ihre Meinung zu vertreten und ihren Willen durchzusetzen, war sie alles andere als sanftmütig. Also blieb ihm keine Wahl, er musste zustimmen.

Seitdem er auf Montage war, waren die Besuche zuhause immer seltener geworden. Er war ohne Vater aufgewachsen und hatte sich nie besonders gut mit seiner Mutter verstanden, auch wenn sich das Verhältnis inzwischen gebessert hatte, was er darauf zurückführte, dass er nicht mehr bei ihr wohnte. So war er also nicht gerade begeistert von Marias eigenartigem Wunsch und hatte auch versucht, ihr das auszureden. Das hatte aber nichts genützt.

Am nächsten Morgen fuhren sie los, das heißt, sie gingen zum Bahnhof und versuchten erstmal, eine möglichst kostengünstige Verbindung herauszufinden. Nachdem die Mitarbeiterin im „Service-Point“ mehrere unterschiedliche Möglichkeiten gefunden hatte, die ihnen alle extrem teuer erschienen, entschlossen sie sich, doch das Auto zu nehmen. Vielleicht würde es sechs Stunden, vielleicht aber auch länger dauern, bis sie ankommen würden.

Josef hatte im Kreiskrankenhaus angerufen und ein Bett reservieren wollen, aber ihm war gesagt worden, sie sollten erstmal hinkommen, dann würde seine Frau untersucht werden und dann alles Weitere festgelegt werden. Ob sein altersschwaches Auto die Fahrt schaffen würde, darüber hatte er sich überhaupt keine Gedanken gemacht; bis jetzt hatte es immer durchgehalten, aber er war ja auch nur vom Quartier zur Baustelle und zurück gefahren. Jetzt konnte er sowieso nichts mehr ändern, also vermied er es, darüber zu sprechen. Sie fuhren los. Auf dem Münchener Ring kamen ihnen Lawinen von Autos entgegen, deren Insassen offensichtlich die Weihnachtszeit im Gebirge verbringen wollten, und Josef freute sich, in der Gegenrichtung gut vorwärtszukommen. Eine Stunde hinter Nürnberg meinte Maria, sie müsse sich jetzt unbedingt mal die Beine vertreten, schließlich wäre es mit dem Bauch nicht gerade bequem im Auto. So fuhren sie von der Autobahn ab und auf einen Autohof, um dort etwas zu essen und zu trinken. Das dauerte eine ganze Zeit; inzwischen hatte es zu schneien begonnen, sodass der Wagen ziemlich hoch von nassem, schweren Schnee bedeckt war. Josef ärgerte sich, dass er keinen Handfeger oder etwas Ähnliches dabeihatte, denn so musste er den Schnee mit einem Stück Pappe aus dem Abfalleimer vom Auto herunter schieben. Es war auch einige Grad kälter geworden, und die altersschwache Batterie brachte gerade soviel Strom auf, dass der Motor ansprang. „Nochmal stelle ich den nicht ab“, sagte Josef zu Maria, „dann bleiben wir stehen und kommen nicht mehr weiter.“ Also sah er nochmal auf die Tankanzeige, und nachdem er überschlagen hatte, wie weit sie mit dem Vorrat noch kommen würden, fuhren sie weiter.



Vierzig Kilometer östlich von Berlin stand Wagen drei vom „Krankentransport König“ mit einem platten Vorderreifen auf einer gottverlassenen Landstraße mitten im Wald. Es begann, dunkel zu werden, und kalt war es sowieso. „Auch noch ein Funkloch“, schimpfte der Fahrer, „jetzt müssen wir tatsächlich das Reserverad unter dem Boden rausholen, wo alles schon voller Dreck und Schnee ist!“ Dr. Balthasar, der fast jedes Weihnachten freiwillig Dienst schob, versuchte den Fahrer und Melzer, den zweiten Rettungsassistenten, zu beruhigen: „Es kann uns doch gar nichts passieren. Wir haben keinen Patienten im Wagen, der Tank ist voll, die Heizung läuft, und den Radwechsel kriegt ihr doch auch hin!“ Unverständliches Murren war die Antwort. Auf keinen Fall würden sie sich beeilen, das war mal sicher! Wenn es klappte, waren sie eben erst zum Schichtende wieder zurück. Dr. Balthasar bot Zigaretten an, und schweigend rauchten sie. Melzer holte seine Thermoskanne mit Kaffee aus dem Fach am Beifahrersitz. Nachdem sie Kaffee getrunken hatten, war eine gute Viertelstunde vergangen. Kaspari, der Fahrer, begann, mit einem Knüppel das festgefrorene Schneematschgemisch vom Reserverad zu entfernen.

Maria schlief. Sie hatte eine merkwürdige Haltung eingenommen, und Josef fragte sich, ob wohl ihre Beine eingeschlafen waren. Jedenfalls sah es ziemlich unbequem aus. Sie hatten inzwischen die Kreuze um Hannover hinter sich gelassen und fuhren in dichter werdendem Verkehr weiter in Richtung Berlin. Allzu schnell wollte Josef bei dem Wetter nicht fahren, also rechnete er noch ungefähr zweieinhalb Stunden bis zu ihrem Ziel. Mehrmals hatte er mit dem Handy versucht, seine Mutter zu erreichen; sie war aber in letzter Zeit noch schwerhöriger geworden und hatte vielleicht das Klingeln nicht gehört. Er machte sich keine weiteren Gedanken. Sie waren nun am Berliner Ring angekommen und fuhren südlich um die Stadt herum in Richtung Osten weiter. Gerade hatte Josef den Blinker gesetzt und den Fuß vom Gas genommen, um an der nächsten Ausfahrt die Autobahn zu verlassen, da wurde Maria wach. Sie stöhnte leise. Josef dachte, dass ihre Schlafhaltung eben doch nicht entspannend gewesen sein konnte, da sagte sie: „Das zieht vielleicht im Rücken!“ Es war ja kein Fenster offen, also fragte Josef: „Wo soll`s denn hier ziehen?“ Sie erklärte ihm, dass es im Rücken und nicht am Rücken ziehen würde, und er solle doch einfach mal richtig zuhören. Wenn sie so anfing, war es besser, einfach nichts zu sagen. Nach einigen Kilometern bog Josef auf die Landstraße ab, die eine ganze Zeit durch dichte Waldgebiete führte und erst nach der Brücke seinen Geburtsort erreichte.

Kaspari hatte von Melzer nichts weiter verlangt, als den Wagenheber richtig anzusetzen und erstmal nach oben zu drehen, bis er einigermaßen fest saß. Melzer, der früher OP-Pfleger gewesen war und sich mit Notfällen wirklich gut auskannte, hatte aber offenbar noch nie ein Rad gewechselt. Er hatte den Wagenheber schief angesetzt, und als Kaspari das kaputte Rad mit einem kleinen Ruck abnahm, rutschte der Heber ab und das ganze Auto fiel auf die Achse. „Na prima“, sagte Kaspari, „mit dem Ding kriegen wir die Karre nicht wieder hoch, das passt einfach nicht mehr drunter!“ Sie müssten etwas suchen, was sie als Hebel benutzen könnten, meinte Dr. Balthasar, einen Ast oder so was. Dann könnten sie das Rad darunterlegen und mit vereinten Kräften … Kaspari überlegte: „Wenn wir das Auto hinten rechts schwerer machen, müsste es vorne links hochkommen; dann muss einer schnell das kaputte Rad darunterschieben, und wir haben wieder genug Platz nach oben für den Wagenheber.“ So versuchten sie es, aber der schwere Rettungswagen hob sich nur dann vorne ein wenig an, wenn sie alle drei hinten auf dem Trittbrett standen, also konnte keiner das Rad darunterschieben. Sie versuchten es mit Wippen und Schnelligkeit, aber immer, wenn Melzer vorne angekommen war, stand der Wagen wieder bombenfest auf seiner Achse. Es half nichts, sie brauchten eben doch einen Hebel.

Jetzt noch eine Umleitung! Das hatte ihnen gerade noch gefehlt! Maria ächzte und stöhnte immer mehr, und Josef wurde klar, dass die Berechnungen der Ärzte eben doch nicht so genau waren, wie er gedacht hatte. Er gab Gas, aber zu schnell konnte er eben doch nicht fahren, denn die Straße war nicht geräumt, und stehen bleiben oder gar von der Straße abkommen wollte er auf keinen Fall. Als er aus der langgezogenen Kurve herausfuhr, sah er in der Ferne ein Licht. Die Entfernung war größer, als er gedacht hatte, aber nach guten zehn Minuten waren sie da. Da stand ein Rettungswagen schief auf der Straße; selbst, wenn er gewollt hätte, wäre Josef mit seinem Auto nicht daran vorbeigekommen. „Es geht, glaube ich, gleich los!“, rief Maria, und Josef dachte nur noch: „Das kannst du keinem erzählen.“ Er sprang aus dem Auto und fragte: „Ist hier ein Arzt dabei? Ich glaube, meine Frau kriegt gerade ein Kind!“ Gleichzeitig hatte Melzer gesagt: „Sie müssen sich unbedingt mal hier hinten draufstellen, dann können wir den Wagen wieder flottmachen“, sodass niemand etwas verstand. Josef wiederholte seinen Satz, und Dr. Balthasar ging zu dem anderen Wagen herüber. Er half Maria heraus und stützte sie, als sie zum Rettungswagen gingen. Was jetzt zu tun war, war ihm klar. Er legte Maria mit Melzers Hilfe auf die Trage und gab ihm seine Anweisungen. Kaspari und Josef fragten, was sie tun könnten, aber es war ja doch kein Platz für sie. Also blieben sie draußen und warteten. Während die Geburt seines Sohnes vor sich ging, sah Josef, wie der Rettungswagen auf und ab wippte. Auch Kaspari sah es, lief nach einer Weile nach hinten und stopfte im richtigen Moment das kaputte Rad unter die Achse. Jetzt stand der Wagen still und Kaspari konnte das Ersatzrad anbringen. Irgendwie kam das Josef merkwürdig vor, aber eigentlich war es nur logisch.

„Ihre Frau macht das sehr gut“, rief Dr. Balthasar aus dem Wagen, „gleich hat sie es geschafft!“ Stunden später, so kam es Josef jedenfalls vor, rief es wieder aus dem Wagen: „Es ist ein Junge, alles in Ordnung!“ Melzer kam heraus, und als er sah, dass der Rettungswagen wieder fahrbereit war, sagte er: „Am besten bleibt ihre Frau im Wagen, wir fahren auf jeden Fall zur Sicherheit noch ins Krankenhaus. Herzlichen Glückwunsch übrigens! Nicht jeder hat einen Sohn, der am 24.12. Geburtstag hat, aber ob ihm das später gefällt? Wegen der Geschenke, meine ich!“

Es gefiel ihm tatsächlich nicht so sehr, er glaubte, anderen Kindern gegenüber im Nachteil zu sein und sagte dann: „Die haben Geburtstag und Weihnachten, und ich?“ Später fand er es dann doch nicht mehr so schlimm, denn er konnte die spannende Geschichte von seiner Geburt erzählen, etwas, was andere eben nicht erlebt hatten; er hatte zwar nichts davon mitgekriegt, war aber dabei gewesen und eigentlich auch die Hauptperson. Maria konnte die ganze Geschichte schon nicht mehr hören, aber Josef hatte immer das Gefühl, dass da noch ein Geheimnis dahintersteckte und dachte: „Irgendwann werde ich es noch herausfinden!“