Prestigederby ohne Tradition? - Fußballrivalität zwischen Halle und Magdeburg

Abbildung: Titel des Programmheftes der Begegnung 1. FC Magedburg - HFC Chemie, 15. Mai 1982, im Magdeburger Ernst-Grube-Stadion

Fußballderbys gibt es, seit es Fußball gibt. Und dennoch hat jedes einzelne seinen Reiz und Faszination. Jedes von ihnen zieht sowohl Fans als auch Spieler in seinen Bann, lässt die Emotionen steigen und bringt das Herz zum Schlagen. Dabei geht es nicht nur um den bloßen Sieg, es geht um mehr! Neben weltweit berühmten Derbys wie dem Ruhrpott-Klassiker zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 – das von vielen als die „Mutter aller Derbys“ bezeichnet wird – gibt es auch in Sachsen-Anhalt ein mittlerweile weit über die Landesgrenzen hinaus bekanntes Prestigeduell. Wenn die beiden Traditionsvereine der beiden größten sachsen-anhaltischen Metropolen Halle und Magdeburg aufeinandertreffen, zieht dieses Spiel bis zu über 10.000 Fußballanhänger in die Stadien.

Doch woher kommt die Fanrivalität zwischen beiden Städten und seit wann wird dieses Spiel überhaupt als Derby angesehen? Gab es die Brisanz des Sachsen-Anhalt-Derbys – wie wir sie heute kennen – bereits seit Gründung der DDR-Oberliga im Jahre 1966? „Nein!“, sagt Carsten Böhme. Der gebürtige Hallenser verfolgt die Spiele seines HFC bereits seit seinem 11. Lebensjahr. „Zu DDR-Zeiten gab es nur ein Spiel, das besondere Brisanz herauf beschwor. Das Spiel gegen den Berliner FC Dynamo mobilisierte die Fans aller Oberligavereine. Dagegen sah man den 1. FC Magdeburg nicht als „Erzrivalen“ an. Es war ein Spiel gegen einen großen Club des DDR-Fußballs, der mit seinem Europapokalerfolg Fußballgeschichte geschrieben hatte. Aber einen Derbycharakter mit besonderer Brisanz und Rivalität, den hatte dieses Spiel nicht, sagt der heutige Vorsitzende der HFC-Fanszene e.V. So oder zumindest  so ähnlich dürften es auch die Funktionäre, Ex-Spieler und Anhänger des FCM sehen, auch, weil sie bei diesen Aufeinandertreffen meist als Sieger vom Platz gingen.



Wie kam es zur Rivalität im Fußball zwischen Halle und Magdeburg

Diese Entwicklung ist wohl der deutschen Wiedervereinigung geschuldet. Ähnlich wie zwischen nordrhein-westfälischen Metropolen Köln und Düsseldorf geht es hier um die Vorherrschaft im Bundesland. Vor der Wende waren Halle und Magdeburg gleichrangige Bezirkshauptstädte. Seit 1991 sind beide Metropolen allerdings im wiedergebildeten Bundesland Sachsen-Anhalt vereint. Dass Magdeburg seither den Titel Landeshauptstadt trägt, ist für die stolzen Hallenser natürlich schwer hinzunehmen. Beide Städte stehen nun verstärkt in Konkurrenzkampf – auch oder vor allem in sportlicher Hinsicht. Dennoch war das „Sachsen-Anhaltische Derby“ nicht gleich mit der Wiedergründung des Bundeslandes geboren. Auch dieses Derby und vor allen die Rivalität beider Fanlager hat sich über Jahre hin erst entwickelt. Zählt eine Begegnung zwischen Halle und Magdeburg heute für Fans und Spieler dieser Teams zu den absoluten Saisonhighlights, so fanden die Landespokalfinalspiele zwischen beiden Vereinen in den Jahren 1993 und 1994 gerade einmal vor 1100 bzw. gar nur 300 Zuschauern statt.

Die Fanrivalität zwischen den traditionsreichsten Fußballvereinen Sachsen-Anhalts ist somit jünger, als so mancher vermutet. Erst in den späten 1990er Jahren entbrannte allmählich der Derbycharakter im Fußballsport. Die Hintergründe hierfür liegen wohl in den unsicheren Nachwende-Zeiten. Carsten Böhme vermutet, dass viele zunächst einmal mit der neuen Situation zurechtkommen mussten. Viele hatten ihren Arbeitsplatz verloren oder fanden keine Ausbildungsstelle. Viele andere wiederum verließen ihre Heimat, um in den alten Bundesländern ihr „Glück“ zu finden, Fußball war für viele Fans zweitrangig geworden. Dass beide Vereine mehr oder weniger in den Niederungen der unteren Fußballligen verschwanden und somit auch die Attraktivität des Fußballsports massiv zu leiden hatte, tat sein Übriges. Ab der Oberligasaison 2000/2001 trafen beide Traditionsclubs erstmals nach über sechs Jahren wieder in einem Ligapunktspiel aufeinander. Ab dieser Zeit war auch eine stetig anwachsende Rivalität zwischen den Anhängern beider Lager zu verspüren. Anfänglich provozierten sich die Fans gegenseitig noch durch Spruchbänder. Mit der Etablierung der Fanszenen wurde der Derbycharakter vor allem durch aufwendige und spektakuläre Choreographien demonstriert.

Nicht zuletzt spiegelte sich die Brisanz dieser Spiele aber besonders durch das immer massiver werdende Polizeiaufkommen wider, die Anheizung seitens vieler Medien tat ihr Übriges. Aus Angst vor Fankrawallen weigerte sich die Stadt Dessau 2008 sogar, das Landespokalfinale im eigenen Paul-Greifzu-Stadion auftragen zu lassen. Wer nun gedacht hatte, dass sich mit dem Aufstieg des Halleschen Fußballclubs in die 3. Bundesliga die Fanrivalität infolge seltener Aufeinandertreffen allmählich abkühlen würde, der sah sich erst vor kurzem eines Besseren belehrt. So wurde in der Nacht zum 13. April 2013 das Stadion des Halleschen FCs mit 30 großen Graffiti beschmiert. Die Schmierereien in blauer, silberner und schwarzer Farbe enthielten zum Teil antisemitische Parolen und nahmen immer wieder Bezug zum 1. FC Magdeburg. Ob der oder die Täter ebenfalls aus dessen Umfeld stammen, wird noch zu ermitteln versucht.

Unabhängig davon, wie die Ermittlungen auch ausgehen werden – fest steht, dass das Sachsen-Anhalt Derby trotz seiner jungen Geschichte schon allein auf Grund seiner Atmosphäre ein besonderes Fußballspiel ist! Doch ist es bei allen Emotionen nur ein Fußballspiel und sollte auch stets von sportlicher Fairness und gegenseitigem Respekt begleitet werden.

(Mike Leske, Kulturfalter Oktober 2013)