Johnny Rotten scheißt auf eure Feier-Scheiße

Fast schon ein richtiger Hallenser: Philipp Boa (Foto: Pr)

Am 11. September 2010 kam Phillip Boa in das Steintor Varietè für ein „Familienkonzert“, wie er selber sagte. Zwischen Fußball-WM und Bundespräsidentenwahl interviewte Kulturfalterredakteur Martin Große den Musiker, der seit Jahren immer wieder nach Halle kommt.

Kulturfalter: Sie kommen seit Jahren nach Halle, haben hier auch geniale Konzerte in der Schorre gespielt, wie ist es wieder nach Halle zu kommen?

Phillip Boa: In der letzten Zeit war ich nicht so oft in Halle, aber ich mag Rituale sehr. Es war eine Tradition, nach Halle zu kommen. Ich habe mein erstes Konzert nach der Wende dort gespielt und es war ein geniales Konzert und viele Shows in Halle waren besonders. Jetzt nach Halle zu kommen, ohne in der Schorre spielen zu können, ist schon schade. Ich bin mit dem Kai vom Steintor schon seit Jahrzehnten gut befreundet und deswegen haben wir die letzte Show im Steintor gemacht. Ich mag dieses Ambiente, aber das letzte Mal lief es nicht so gut. Ich möchte den Fans etwas vermitteln und sie sollen glücklich aus dem Konzert gehen und das war nicht so. Das ärgert mich und deswegen komme ich zurück und will das gerade richten. Deswegen auch dieses Mal mit „Bobo In White Wooden Houses“, „K.i.Ew.“ und auch einem DJ. Es ist eher eine Familiengeschichte. Diese Familiendinge passieren nur im Osten, schon seit dem Mauerfall. Hamburg zum Beispiel läuft auch gut, aber da ist es anders.

Woran lag es, dass es nicht so gut lief?

Ich habe keine Ahnung. Vielleicht weil wir zu oft in Leipzig gespielt haben? Es ist manchmal so. Man spielt dreimal in Köln zum Beispiel und dann beim vierten Mal ist der Spirit weg.

Sie sind jetzt mit einer neuen Live-Platte unterwegs. Was reizt Sie daran, wieder ein Best-of-Album zu machen und wieder eine Best-of Tour?

Das Album („Live on Straight Street“) ist eher eine Überbrückung bis zum nächsten Studioalbum, damit die Leute nicht nervös werden. „Best of“ ist es deswegen, weil keine spezielle Tour anliegt. Hat man eine neue Platte draußen, bestimmt diese das Motto. In Amerika machen das viele Bands so, das haben wir daher.

Es gibt doch bestimmt Songs, die auf kaum einem Konzert gespielt werden. Warum nicht mal ein Album und Tour mit diesen Songs?

Das ist ein großes Thema bei mir. Es ist schwer. Ich habe auf last.fm über 500 Songs. Und jeder Fan hat seine 20 bis 30 Lieblingssongs. Wenn ich einen spiele, der auf Platz 544 ist, ist das für zwei total fanatische Fans und bei anderen Songs ist es dasselbe. Ich habe einmal Udo Lindenberg nach einem Konzert gefragt, warum er nicht „Reeperbahn“ gespielt hat. Er meinte „Ich habe 300 Songs, ich kann nicht alles spielen“. Bei mir ist es auch so. Ich habe so viele, ich kann die nicht alle spielen.

Gibt es einen Song, der Ihnen absolut gefällt und der bei den Fans total durchfällt?

Ja, den gibt es. Mein Geschmack beim Songwriting ist ganz anders als der meiner Fans. Auf „Gods Train“ (Decadence & Isolation, 2005) bin ich sehr stolz. Ich habe jahrelang darauf gewartet. Es ist ein Supersong mit einer tollen Atmosphäre und dann habe ich auf last.fm gesehen, dass dieser der unbeliebteste Song der Fans ist. Ich war glücklich, als einer der Fans mal nach diesem Song gefragt hat. 

Was unterscheidet “This is Michael 2010” von der “Straight Street”-Platte von “This is Michael” auf der „Exile on Valletta Street“ aus dem Jahr 1991?

Er ist schneller und härter. Ich habe einen neuen Gitarristen, der lebt sehr in der Jetztzeit, das mache ich auch, aber das ändert die Songs. Ich habe auch einen neuen Bassisten, der ist auch total freakig und spielt die Sachen, wie man sie heute spielt. Allerdings sind Songs auch zeitlos und werden zeitlos, wie etwa „And then she kissed her“.

Sie meinten in einem Interview, dass man als Künstler nicht ewig weitermachen kann. Gibt es einen Masterplan, wie lange Sie noch auf der Bühne stehen und Platten machen wollen?

Keine Ahnung. Ich fühle mich fit, fitter als vor zehn Jahren. Das hängt auch mit dem Lebensstil zusammen. Ich war kurz davor aufzuhören, das hat viele Leute bewegt. Und einer hat mich fast zum Heulen gebracht, da dachte ich mir, das lässt du. Wir haben auch viele jüngere Fans und das Publikum ist gut gemischt. Die jüngeren stehen meist immer vorne und das ist schön. Es ist schwierig aufzuhören, dafür liebe ich es zu sehr.

Für 2011 ist ein neues Album angekündigt, wird man in Halle schon etwas davon hören?

(lacht) Nein, nein, soweit ist das nicht. Ich habe nur grobe Texte, denn mir fällt gerade nichts ein, aber das war immer so.

Wie kam es dazu, dass „Bobo In White Wooden Houses“ Support Act ist?

Sie ist „very special guest“. Das hängt vor allem damit zusammen, dass wir Anfang der 90er bei derselben Plattenfirma unter Vertrag waren. Ich finde sie wird sehr unterschätzt und sie hat eine enorme Ausstrahlung.

Stimmlich ist Bobo ja so weit von Pia entfernt, könnten Sie sich vorstellen mit ihr einen Song zu machen?

Theoretisch klar, wenn ich mit Pia wieder streite. (lacht) Aber ich habe auch noch Alison Galea. Aber Bobo hat eine geniale Stimme. Ihre Zusammenarbeit mit Rammstein fand damals in dem Studio auf Malta statt, in dem ich auch immer arbeite. Sie hat erzählt, dass die Rammsteins ganz nett waren, aber ich habe sie leider nicht getroffen damals. Aber es gibt schon einige Verbindungen zu Bobo.

In ihrem Song „Lord Have Mercy With The 1-Eyed“ geht es darum, dass die Leute durch TV-Shows dumm gehalten werden und sich nicht aufregen. Glauben Sie, dass sich das ändern kann?

Man kann den Song so interpretieren. Es war schon immer schlimm im Fernsehen, aber was mich aktuell noch mehr verwundert ist diese Eventisierung des Lebens. Ich hab auf laut.de in meinem Blog unter der Überschrift "Johnny Rotten scheißt auf eure Feier-Scheiße!" darüber geschrieben. Die Leute leben nur noch für Events. Wenn es gerade keine Events gibt, schauen die Leute DSDS als Event und selbst wenn man Fußball hasst, geht man auf die Fanmeilen und feiert Loveparade. Das Denken wird völlig ausgeschaltet. Dasselbe sieht man auch bei Facebook. Die Leute adden einander ohne zu schauen, wen Sie da adden und merken erst viel später, dass es die falschen sind. Niemand liest mehr Inhalte. Prince hat in einem Interview im Daily Mirror erklärt: „Das Internet ist vollständig vorbei.“ Ich teile das zwar nicht komplett, aber es ist eine interessante These.

Regt Sie das politische Leben in Deutschland auf und glauben Sie, dass man als Künstler etwas ändern kann? Bsp.: Grönemeyer und Westernhagen mit ihrem Aufruf zu höheren Steuern?

Man kann dagegen anschreiben, aber ich schreibe nichts Direktes. Ich bin poetischer. „Lord Have Mercy With The 1-Eyed“ ist ein Bild, in dem es um verschiedene Schieflagen geht. Es geht um Einsamkeit. Man sieht ganz viele junge Leute einsam mit einem Laptop im Café sitzen, die ohne den Laptop und Facebook nicht mehr können und die sind trotz Facebookfreunden total einsam. Das macht mich traurig. Und ich schreibe Blogs, die ich nicht korrigiere oder kürze, ich habe manchmal Angst vor meinen eigenen Blogs. Über Myspace bekomme ich viel Fanpost und ich rede und schreibe mit den Leuten und vielleicht hab ich auch schon das eine oder andere Leben gerettet und das ist es wert.

Musiker, Sportler oder auch Politiker sind für viele Menschen Vorbilder. Haben Sie Vorbilder und sehen Sie sich als Vorbild für andere?

Beides nein! Ich glaube nicht an den fehlerlosen Menschen.  

Vorbilder müssen ja nicht fehlerlos sein…

Da hast du Recht, aber nein, ich glaube nicht daran.

Herr Boa, vielen Dank für das Gespräch!
(Martin Große, Kulturfalter September 2010)