Es ist immer ein bisschen Flucht

Philipp Boa kann selbst ein Feiertag nicht von der Musik abhalten (Foto: Pr)

Schon seit Jahren gibt Phillip Boa immer zwischen den Jahren Konzerte in der Moritzbastei in Leipzig. Und fast genauso lange, wie es den Indiepapst gibt, hat er in Halle einen großen Fanclub. Kulturfalter sprach mit Phillip Boa im Dezember 2006.

Kulturfalter: Die meisten Menschen verbringen ihr Weihnachten zu Hause und Sie machen seit Jahren die Konzerte in der Moritzbastei. Ist das eine Flucht vor den Feiertagen oder eher etwas Besonderes zum Fest?

Phillip Boa: Das ist bei mir eher eine Flucht. Das habe ich vielleicht von meinem Vater geerbt. Zu den Feiertagen werde ich schon immer ein bisschen schwermütig, da ist es mir sehr recht, dass ich die Konzerte spiele.  

Sie spielen drei Konzerte. Wann wird über das Repertoire entschieden und wie wird es zusammengestellt?

Es gibt ein Gerüst aus circa 15 Songs. Das sind so die "Best of", die man auch auf den entsprechenden Platten hören kann. Dies Lieder spielen wir, weil die Leute sie hören wollen. Aber der Rest wird zwei Tage vorher im Proberaum festgelegt. Einige Songs werden improvisiert und dann haben sich Traditionen entwickelt. Zum Beispiel spielen wir immer eine andere Coverversion von einem 'Velvet Underground'-Song. Dieses Jahr spielen wir auch 'Jesus Doesn't Want Me For A Sunbeam' von Nirvana. Aber vor allen Dingen wollen wir Spaß haben und uns auch selber unterhalten.  

Meistens erlebt man Sie auf den Konzerten ausgeglichen, zumindest wenn man Sie mit früheren Auftritten vergleicht.

Wenn ein Zuschauer alle drei Abende kommt, dann wird er schon einen Unterschied merken. An einem Abend rede ich viel, machmal auch viel Unsinn und am anderen gar nichts. Also die Gemütsschwankungen sind schon abzulesen. Ich will auch nicht so sein wie die Popstars heute, die es richtig lernen zu animieren. Ich war neulich auf einem Festival in einer eher dörflichen Gegend, da riefen einzelne Besucher: 'Mehr Entertainment'. Was soll ich da machen? Solche Animiersprüche stellen eine Band auf eine Stufe mit Thomas Gottschalk. Das hat nichts mit Kunst und meiner Musik zu tun.

Apropos Popstars. Ihre Songs "I am an Ex-Half Popstar" und "Its not punk anymore... " – sind die eine Selbstdefinition?

Ich selbst höre sie, wenn ich ein bisschen hämisch drauf bin. Das mit "It`s not punk anymore" war eine Geschichte, als ich zur Klassenfahrt in London war. Um Punk zu erleben, waren wir zu spät in der Stadt, den gab es nicht mehr, aber es gab eine Band, die uns aufgeklärt hat. Es gab jetzt nicht nur Punk, sondern New Wave.

Wie hieß diese Band?

Das war 'Cock Sparrer'. Du bist der erste, der das fragt. Die spielten damals im 'Upstairs' in einem kleinen Club in Soho. Wir waren damals 16 – das war 1979 und die haben uns aufgeklärt, dass es nicht nur Punk gibt. Aber die haben natürlich Punk gespielt.

Und Ex-Half Popstar?

Ein richtiger Popstar war ich eben nie. Das ist eine Selbstdefinition, mit der ich mich sehr wohl fühle. Ich genieße Freiheiten, die viele meiner Kollegen nicht haben, und der Prostitutionsgrad ist bei mir recht niedrig.  

Wenn Sie heute auf Ihre Geschichte zurückschauen: Würden Sie alles wieder genauso machen, wie Sie es gemacht haben?

Naja, wenn man ein paar arrogante Momente abzieht, war das alles schon wie in einem Traum. Es war unheimlich schön, teilweise auch harte Arbeit, aber generell hätte ich nichts anders gemacht.  

Wann kam der Punkt, wo Sie entschieden haben, die Musik jetzt professionell/ beruflich zu machen?

So richtig gab es da keinen Punkt. Ich hab lange studiert, aber als wir dann nach dem dritten Album den Major-Vertrag hatten, das war 1989, wollte ich nur noch Musiker sein. Studieren ist ja schon ne coole Sache, aber mich hat das genervt, und wenn du auf der Bühne stehst und deine Songs in den Indiecharts stehen, dann ist das schon spannender. Es macht eben auch heute noch Spaß. Ich genieße es im Studio zu sitzen und neue Songs zu machen.  

Eine neue Platte?

Auf jeden Fall. Ich will noch eine richtig gute Platte machen und solange man diese Vision hat, sollte man dies auch tun. Aber ich bin noch nicht so eins mit mir, von wegen wo und mit wem. 

Was hören Sie denn privat? Musikfernsehen?

Ich höre gern den Radiosender Eins Live, der ist ab 20 Uhr echt gut. Ich schaue auch gern, wenn Markus Kavka eine Sendung macht und es gibt so einen Sender aus Österreich, Go TV heißt der, der ist teilweise wie MTV, aber auch teilweise mit echt guter Musik. Aber ich lese auch viel und gerne.  

Was ist das grad aktuell?

Ich lese gern Anthony Burgess, mein Lieblingsautor. Aktuell 'Earthly Powers' und auch 'Die allertraurigste Geschichte' von Ford Madox Ford.  

Sie würden auch gern selber ein Buch schreiben, geisterte mal durch die Medien?

Das möchte ich auch immer noch, aber ich hab Angst, dass ich mich blamiere. Deswegen ist das erst mal out of question.

Vielen Dank für das Gespräch!
(Martin Große, Kulturfalter Dezember 2006)