Angélique Kidjo: Jeder Song ein Abenteuer

Im Mai 2026 geht das Festival "Women in Jazz" bereits in seine 21. Ausgabe und verwandelt Halles Bühnen wieder in einen lebendigen Treffpunkt für Jazzliebhaberinnen und -liebhaber. Ein vielfältiges Programm mit zahlreichen internationalen Jazzgrößen verspricht dabei eine besondere Atmosphäre und beste musikalische Unterhaltung. Ein besonderer Höhepunkt des Festivals ist der Auftritt der Sängerin Angélique Kidjo, die am 8. Mai in der Händel-Halle auf der Bühne steht. Im Vorfeld hat Kulturfalter-Redakteur Sven Schneider mit ihr über das kommende Konzert und ihre Musik gesprochen.
Kulturfalter: Wann wurde die bewusst, dass du Vollzeit-Musikerin werden möchtest?
Angélique Kidjo:Ich habe schon sehr früh angefangen, auf der Bühne zu singen, und habe das meine ganze Jugend über weitergemacht. Ich hatte überlegt, Menschenrechtsanwalt zu werden, aber mir wurde schnell klar, dass Verhandeln und Diplomatie nicht meine Stärke sind! Also habe ich mein Jurastudium abgebrochen und mich an einer Jazzschule in Paris eingeschrieben.
Du hast fünf Grammy Awards gewonnen – welche Ziele hast du noch als Musikerin?
Ich mache keine Musik, um Preise zu gewinnen! Ich mache Musik, weil ich es liebe, auf der Bühne zu stehen und meine Songs mit dem Publikum zu teilen. Und weil es mir Spaß macht, mit ihnen zu feiern. Ich möchte immer etwas Neues schaffen, das es so noch nie gegeben hat. Ein neuer Song ist ein neues Abenteuer, deshalb kann ich mich nicht einfach zurücklehnen und mich mit dem zufrieden geben, was ich in der Vergangenheit erreicht habe.
Mit wem würdest du am liebsten einen Song schreiben oder gemeinsam auf der Bühne stehen?
Es gibt so viele Künstler/-innen, die ich liebe und bewundere. Mal sehen, was die Zukunft für mich bereithält. Ich bin all den Künstlern/-innen, mit denen ich bereits auf der Bühne stand, so dankbar. Kannst du dir vorstellen, dass ich einmal in New York zusammen mit Aretha Franklin, Stevie Wonder, Cyndi Lauper und Alicia Keys für Nelson Mandela gesungen habe? Das ist kaum zu übertreffen.
Hast du irgendwelche Hobbys, die einen Ausgleich zur Musik bieten?
Kochen! Das ist meine Leidenschaft, denn ich liebe es, für andere zu kochen – für viele Menschen –, und ich finde, der Prozess ähnelt dem Songschreiben: Man muss alle Zutaten aufeinander abstimmen, die richtigen Mengen verwenden, und es ist auch ein Produkt der eigenen Kultur. Durch das Kochen bringt man seine Kultur zum Ausdruck, genauso wie man seine Traditionen nutzt, um Lieder zu komponieren.
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Wo fühlst du dich wohler: im Studio oder auf der Bühne?
Ganz klar: die Bühne! Ich hasse das Studio. Da singt man vor einem kalten, kleinen Metallklotz, der die Liebe, die man ihm entgegenbringt, nicht zurückgibt. Ich will immer vor Publikum singen. Studioaufnahmen sind für mich also nur ein Mittel, um neues Material zu veröffentlichen, damit ich weiter auf Tour gehen kann! Manche Leute lieben es, stundenlang nach dem perfekten Kick-Drum-Sound zu suchen. So bin ich nicht.
Trittst du lieber auf kleineren oder größeren Bühnen auf?
Auf großen Bühnen aufzutreten macht riesigen Spaß, weil man diese unglaubliche Energie spürt. Ich erinnere mich daran, wie ich in Rom vor 300.000 Menschen bei einem von Quincy Jones organisierten Konzert gesungen habe. Ich muss zugeben, dass ich an diesem Tag ein bisschen Angst hatte, aber Oprah hat mich auf die Bühne geschubst, sodass ich keine Wahl hatte, und es lief wirklich gut! Aber ich liebe auch kleine Clubs. Vor kurzem bin ich mit Alexandre Tharaud im Ronnie Scott’s in London aufgetreten, und das hat mich an meine Anfänge in Paris erinnert!
Wenn’s nicht Jazz geworden wäre, welche Musikrichtung hättest du dir ausgesucht?
Meine Musik ist eine Mischung aus vielen Genres und Stilen, von Afro-Pop über Jazz bis hin zur klassischen Musik. Philip Glass hat zwei Sinfonien für mich komponiert, und ich war mit Yo-Yo Ma auf Tournee. Man könnte mich als klassische Sängerin bezeichnen, aber das würde nicht ganz zutreffen, wenn man mein neues Album mit Pharrell Williams hört!
Welchen eher unbekannten Jazzkünstlerinnen sollten deiner Meinung nach mehr Menschen hören?
Ich liebe Cecile McLorin Salvant und Lizz Wright, aber sie sind beide bereits junge Stars. Ihre Musik ist so tiefgründig und so wunderschön. Sie inspiriert mich sehr.
Vielen Dank für das Interview!

