Das Internet im Eichenwald

Er kommt aus Frankreich, ist 20 Jahre alt und hat deutsche Wurzeln. Am besten geht es ihm bei beständigen 25 Grad und 16 Stunden Licht. Und er ist nicht einzigartig. Die Rede ist von einem Klon, der über zufällige Umwege von Tübingen über Berlin und Leipzig nach Halle fand. „Hier fühlt er sich sehr wohl“, sagt Frau Dr. Silvie Herrmann verschmitzt. Die französische Forscherin steht in einem kleinen Laborraum im Umweltforschungszentrum (UFZ) am Weinbergcampus in Halle. Und dieser hell erleuchtete Raum ist gefüllt mit hunderten winzig kleiner, mit Petrischalen gefüllter Eichenstecklinge. „Sie alle sind Brüder und Schwestern unseres Eichenklons“, erklärt Herrmann und gibt mit ihren Erläuterungen Einblick in eine spannende und erstaunliche Welt. Sie und ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen untersuchen nämlich in Laborexperimenten das Verhalten des urdeutschen Baumes schlechthin: der deutschen Eiche, auch Stieleiche genannt.

Um herauszufinden, wie eine der wichtigsten Baumarten der deutschen Wälder auf Umwelteinflüsse, Hitze- und Trockenperioden, Krankheiten oder auch Stress reagiert, begeben sich Dr. Herrmann und ihre forschenden Mitstreiter bis auf die molekulare Ebene. Dort wollen sie herausfinden, welche „Gene was machen und wie sie die Eiche schützen.“ Gerade vor dem Hintergrund sich anbahnender klimatischer Veränderungen, die auch die heimische Pflanzenwelt nicht unberührt lassen, sind die Forschungen im UFZ wichtige Wegbereiter für die Erhaltung der immens wichtigen Mischwälder Deutschlands. Denn durch kältere Sommer oder wärmere Herbstzeiten überleben auch viel mehr Schädlinge, die die Eiche bedrohen und damit die Vielfältigkeit im sensiblen Ökosystem Wald zerstören können. Die Experimente sollen Erkenntnisse liefern, wann und wie die Eiche auf Veränderungen im Jahreszeitenverlauf reagiert. Dafür werden im Labor eben solche Veränderungen simuliert und jede Reaktion systematisch analysiert.

Doch untersuchen die Forscher in ihrem von der deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützten Projekt „Trophin Oak“ nicht nur das Verhalten der Eichen im Labor und in der Natur. In einer übergreifenden Kooperation mit Universitäten aus Göttingen, München, Berlin, Marburg und Tübingen wird zudem eine Brüderschaft ganz anderer Art erforscht. Wie unzählige anderer Pflanzen auch geht die Eiche eine Symbiose mit einem Pilz ein. Dieses Zusammenspiel nehmen die Forscher näher unter die Lupe und wollen anhand der Zusammenarbeit zwischen dem Safrangelben Hautrindenpilz und der Eiche wissen, was dort unter der Erde eigentlich geschieht.

Und es passieren erstaunliche Sachen: so bilden die kleinen Pilze, die sich um die Wurzeln der Eiche legen, beispielsweise riesige Netze, die mit anderen Pilzen anderer Eichen verbunden sind: „Der Wald ist durch die Symbiose mit den Pilzen vernetzt“, erklärt die Dr. Herrmann und setzt hinzu: „Kleinere Bäume werden zum Beispiel durch größere Bäume mit ernährt.“ Die Assoziation mit einem Netzwerk unter der Erde drängt sich förmlich auf – das Internet im Walde… Durch ihre Erkenntnisse lernen die Forscher einiges über praktische Anwendungsmöglichkeiten, die nicht zuletzt die Eiche stärker machen. Denn gerade der Hautrindenpilz, der auch Steinfresser genannt wird, ist extrem effizient und versorgt die Eiche nicht nur mit lebenswichtigem Wasser, Nährstoffen und Mineralien. Er ist ebenso in der Lage, den Baum vor Krankheiten oder Wasserstress zu schützen.

Dieses auf gegenseitigem Nutzen basierende Verhältnis hilft der Eiche womöglich auch, die schädlichen Folgen des Klimawandels besser zu überstehen. Dass sich die Eiche noch in fünfzig oder auch hundert Jahren in unseren Breiten finden wird, davon ist Dr. Silvie Herrmann überzeugt. Und so lobt die Französin gerade jene Eigenschaften der Stieleiche, die sie zum Symbol deutscher Wesenszüge gemacht hat: „Die Eiche hat das Potenzial, sich vielen widrigen Verhältnissen anzupassen. Wir werden bestimmt noch die eine oder andere Überraschung durch diesen Baum erleben."

(Nico Elste, Kulturfalter, Frühjahr 2012)