Bosnien und Herzegowina: Wie der letzte Krieg nachwirkt

Abbildung: Skyline Sarajevo (Lennart Wiesiolek)

Ein Minibus mit Platz für 25 Menschen, ein paar CDs mit landestypischer Folkloremusik und viele Gastgeschenke – so startete eine Seminargruppe Ende Mai 2015 von Halle aus in ihre Exkursion nach Bosnien und Herzegowina. Der Anlass war allerdings sehr ernst: Sie haben die Fahrt unternommen, um sich auf die Spuren eines Krieges zu begeben. ”20 Jahre nach Srebrenica – 20 Jahre nach Dayton” war nicht nur der Titel ihres interdisziplinären Seminars, in dem sie in Vorträgen verschiedenster Wissenschaftler und eigenen Recherchen die Geschichte, Literatur, Politik und Kultur studierten, sondern ein selbstgestellter Auftrag: Die Studierenden wollten herausfinden, was aus dem Land am Balkan geworden ist. Ihre Erfahrungen haben sie in einem Erlebnistbericht zusammengefasst.

Die Landschaft wirkte unberührt und wunderschön, als wir nach mehreren hundert Kilometern und einer Nacht in Slowenien die Grenze von Kroatien nach Bosnien und Herzegowina passierten.  Wir wurden erwartet – ein Gasthaus in Bihać  hatte extra für uns geöffnet und verköstigte uns. Gegenüber des Lokals ein auffälliges Denkmal. Namen und Bilder der Menschen aus dem Ort, die vor circa 20 Jahren während des Krieges ums Leben kamen. Ein bisschen Zeit ist noch bis zur Weiterfahrt, deshalb spazieren wir einige hundert Meter die Hauptstraße im Ort auf und ab.

Ein Studierender berichtet: „Das Bild der Häuser, die gänzlich überseht mit Einschusslöchern und Granattreffern waren, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Manche notdürftig verspachtelt, aber viele augenscheinlich in der Verfassung, in der sie aus den Kriegshandlungen direkt hervorgegangen waren. Ich frage mich, welchen Einfluss das Stadtbild auf die Vergangenheitsbewältigung der Überlebenden des Krieges hat?“.

Besonders deutlich wurde das in Srebrenica. Plötzlich waren wir da, an dem Ort, an dem im Juli 1995 über 8.000 überwiegend muslimische Jungen und Männer das letzte Mal ihre Familien sahen, ehe sie in den umliegenden Wäldern ermordet wurden. Es war der erste Genozid auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Sonne brannte auf uns herab, als wir den Minibus verließen und das Feld der unzähligen Gräber vor uns kein Ende nehmen wollte. Es war beklemmend. Die Führung durch einen Überlebenden war ebenfalls ein sehr intensives Erlebnis, welches wohl keinen der Teilnehmenden unberührt ließ.

Die darauf folgenden Tage in der Hauptstadt Sarajevo beeinflussten das Bild von diesem Land  auf ganz andere Art und Weise. Die Stadt hat eine überschaubare Größe, ist dafür aber unglaublich vielseitig und lebendig. Wir sahen Zeichen des Fortschritts, wie ein Gymnasium, in dem Angehörige aller Nationalitäten und Religionen zusammen lernten. Beim Beobachten des Sonnenuntergangs von einer Anhöhe über Sarajevo wurden wir vom Ausblick verzaubert. Eine abendliche Lesung mit bosnischen LiteratInnen holte uns jedoch auf den Boden den Tatsachen zurück. Nicht viel ist gut, noch weniger verbessert sich im Moment. Eher spitzt sich die gesellschaftliche Situation in Bosnien-Herzegowina wieder zu. 

So kamen wir alle nachdenklich zurück nach Halle und mit widersprüchlichen Bildern im Kopf. Ein Teilnehmender gibt das, was wohl die meisten Studierenden denken, zum Ausdruck: „Der Friedensvertrag von Dayton kommt mir eigentlich nur wie ein Stillstandsabkommen vor. Man wartet, was die Zukunft bringt.“

(Jessica Baier & Christian Allner, Kulturfalter Juni 2015)