Der Atlas inspirierender Orte

Schon seit jeher ist die Inspiration der Ausgangspunkt künstlerischer Kreativität, und völlig verwegene Orte wie beispielsweise die Dusche sind ihr Raum. Standen im „Atlas der fiktiven Orte“ noch literarische, also dem kreativen Geist entsprungene Orte wie Lummerland oder Springfield im Fokus, so wendet sich der zweite Teil nun ganz realen Orten zu. Stephan Porombka, Professor für Literaturwissenschaft und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim, und seine Frau Wiebke, Journalistin und Literaturkritikerin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, nehmen als Autoren des „Atlas inspirierender Orte“ die Topografie verschiedenster Orte in den Blick und erzählen von Menschen, die sich haben inspirieren lassen.

Auf den ersten Blick wirken die beschriebenen Orte vom Gefängnis über das Café, die Badewanne, den Zug bis zur Toilette eigentümlich willkürlich. Die Frage kommt auf, warum wir uns eigentlich von solchen Orten des Alltags genauso wie von einer einsamen Südseeinsel, einer pulsierenden Stadt wie New York oder einer verstaubten Dachkammer inspirieren lassen? Liegt es an den Orten? Steffen Hendel, der schon beim „Atlas fiktiver Orte“ für die grafischen Illustrationen zuständig war, fragte sich dasselbe. Bevor er überhaupt mit Überlegungen begann, wie das Thema inspirierende Orte grafisch umsetzbar sein könnte, beschäftigte er sich eingehend mit dem ästhetischen Phänomen der Inspiration.

Als promovierender Literaturwissenschaften bewegt sich Steffen Hendel dabei in bekannten Gewässern. Und so erläutert er recht eingängig das durchaus bemerkenswerte ästhetische Verfahren, das bei jeder Inspiration praktisch wird. Obwohl es dem Inspirierten durchaus so scheint, dass er vom Gegenstand selber affiziert, also anregt wird, ist die eigentliche Quelle doch der Mensch selber. Denn wie Hendel erklärt, erscheint dem Inspirierten seine ureigene Geistesleistung als einem ihm fremden Gegenstand/Ort entsprungen.

Für den Grafiker Steffen Hendel war es nun eine Herausforderung, eben diese Einsicht grafisch zu realisieren. Er wollte die Orte illustrieren, ohne sie als objektive Quelle der Inspirationen erscheinen zu lassen. So kam er auf die Idee, alte Schwarz-weiß-Fotografien aus Trödelläden, von Flohmärkten und bei eBay zu erstehen. Fast 100.000 Bilder schaute er sich an, und immer suchte er in den Laienfotografien einen profanen Blick auf den profanen Gegenstand, der dann bei anderer Sichtweise der Hort aller künstlerischen Ideen geworden ist. Herausgekommen sind wunderbare ganzseitige Illustrationen in einem lesenswerten Atlas voller erstaunlicher und überraschender Entdeckungen.

(Nico Elste, Kulturfalter Oktober 2012)