Stimmen. Bilden. Leben. „900 Jahre Stadtsingechor zu Halle“

Kurrendesingen vor dem Jenastift in der Rathausstraße, vor 1905. (Foto: Gottfried Riehm, Stadtarchiv Halle)

„Hazicho, ein hallischer Bürger, kehrte von einem Besuch bei Erzbischof Adelgot auf dem Giebichenstein heim. Kurz vor den Torender Stadt sah er eine glühende Egge vom Himmel herabkommen. Der herbeigerufene Erzbischof sah die Egge wieder gen Himmel schweben und deutete dieses Schauspiel als göttliches Zeichen: An dieser Stelle ließ er ein Kloster bauen.“

Die Geschichte des Augustiner-Chorherrenstiftes beginnt mit dieser Legende. Im Jahre 1116 wurde es vor den Toren der Stadt Halle gegründet, und in ihm liegen die Wurzeln des Stadtsingechores zu Halle. Diesem ältesten Kultur- und Bildungsträger der Stadt Halle ist eine Sonderausstellung im Stadtmuseum Halle gewidmet, die am 5. Mai öffnet. Unter dem Titel „Stimmen. Bilden. Leben. 900 Jahre Stadtsingechorzu Halle“ soll der Dreiklang von gemeinsamem Singen und Bildung und der Verankerung des Chores in unserer Stadt sicht- und hörbar gemacht werden. Zu den wenigen erhaltenen Spuren des ab 1531 abgerissenen Klosters in Halle zählt ein Wappenstein, auf dem dieglühende Egge von der Gründungslegende erzählt. Er ist ebenso zusehen wie Handschriften aus dem Besitz des Klosters, die die dortigemittelalterliche Musikpflege illustrieren und über eine Medienstationangesehen werden können.

Bildung und Singen

Von der Gründung einer Klosterschule bis heute ist im Stadtsingechor künstlerisches Anliegen fest mit einem Bildungsauftrag verschmolzen. Das 1565 im ehemaligen Barfüßerkloster gegründete Stadtgymnasium bot für fast 250 Jahre dem Chor eine Heimstatt. Ein originaler Stundenplan von 1795 zeigt, wie der Chor ins Schulleben eingebunden war, unter anderem, wenn er täglich morgens an der Schultür die Schüler singend und betend erwartete. Doch auch heute noch haben die Chorsänger ein besonderes Pensum im Alltag zu bewältigen. Die Aufgaben des Stadtsingechores bilden einen Schwerpunkt der Ausstellung: Ein hallisches Gesangbuch von 1702 und eine originale Partitur einer Kantate von Daniel Gottlob Türk, dem ersten Chordirektor, stehen für die Unterstützung des Choralgesangs und für die kunstvolle mehrstimmige Kirchenmusik in den Kirchen der Stadt, die der Chor auszuführen hatte. Begleitet wurden die Schüler von den Stadtpfeifern und Kunstgeigern, deren typische Instrumente zu sehen sind. Ein zweiter wichtiger Auftrag des Chores war das Straßensingen, das zugleich eine der wichtigsten Einnahmequellen war, bestand doch vor allem die Kurrende zumeist aus den armen Schülern. Mit der Nazizeit änderte sich das Profil des Chores; sowohl die enge Bindung an die Kirchen als auch das Singen geistlicher Musik auf den Straßen und in den Häusern der Stadt war den Machthabern suspekt.




Vom Alltag der Chorschüler

Der Alltag von Chorschülern besteht nicht nur aus gemeinsamem Singen; darüber hinaus gibt es Erlebnisse, Erfahrungen, Beziehungen, die oft ein ganzes Leben beeinflussen. Glücklicherweise gibt es immer wieder singbegeisterte Jungen und deren Familien, die sich für diese intensive Freizeitgestaltung entscheiden, sie nicht als Belastung, sondern als besondere Bildungschance wahrnehmen. Ob Singen tatsächlich beglückend ist, welche Musik am liebsten gesungen wird, ob die Zeit im Stadtsingechor ihr Leben bereichert hat – diese und andere Fragen beantworten in der Ausstellung heutige und frühere Chorsänger, deren Statements sich als „roter Faden“ durch die Ausstellung ziehen. Verschiedene Orte in der Exposition laden außerdem dazu ein, mit vom Stadtsingechor gesungener Musik des 11. bis 20. Jahrhunderts die gesehenen Eindrücke zu vertiefen.

900 Jahre singen Jungen gemeinsam für ihre Stadt: Das Stadtmuseum reiht sich mit dieser Ausstellung in die Schar der Gratulanten ein und freut sich auf viele Begegnungen mit Chorknaben, deren Familien und Ehemaligen – und natürlich auf interessierte Besucherinnen und Besucher.

Cordula Timm-Hartmann (Kuratorin)