Würdevoll aus Tradition – Das Grabgeleit der Halloren

Sarglappen, 1815, Geschenk des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. an die Salzwirker-Brüderschaft im Thale zu Halle (Foto: Hallesches Salinemuseum e.V., Karin Böhme)

Für die Einheimischen in der Stadt Halle (Saale) sind sie ein gewohnter Anblick, für Zugereiste und Gäste ein besonderes Charakteristikum im Stadtbild: die Halloren, die Nachfahren und Mitglieder der Salzwirker- Brüderschaft im Thale zu Halle, in ihrer altertümlich wirkenden Kleidung, die an die Mode des 18. Jahrhunderts angelehnt ist. Mit Dreispitz, roten oder blauen Mänteln, „Pelze“ genannt, ihren Westen und den 18 Silberknöpfen daran, Kniebundhosen, Strümpfen und Schnallenschuhen bekleidet, sind sie bei festlichen Anlässen in der Stadt vertreten oder begehen ihre eigenen Feste wie Pfingstbier und Sonnen. Doch gibt es auch ein anderes Erscheinungsbild der Halloren: ganz in Schwarz, nämlich dann, wenn sie ein Grabgeleit auf halleschen Friedhöfen durchführen. Sie tragen Verstorbene zur letzten Ruhestätte. Diese für Halle typische Besonderheit hat eine lange Vorgeschichte.

In vielen Kulturen und Religionen wird der Tod als Übergang der Seele von einer irdischen zu einer nichtirdischen Sphäre verstanden. Daraus begründet sich der Wunsch, für das Seelenheil eines Menschen Sorge zu tragen. Wichtige Bestandteile dieser Sorge sind ein würdiges Begräbnis und das Geleit zur letzten Ruhe, sie sind selbstverständliche Pflicht für Angehörige und Freunde. Aus dieser Verpflichtung heraus entstand auch das Grabgeleit der Halloren. In den Notzeiten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, besonders während der Pest und dem Dreißigjährigen Krieg, entvölkerten ganze Landstriche. Auch in Halle gab es viele Todesopfer.

Einer Legende zufolge begann ein Hallore während der Pest, die auf der Straße liegenden Toten zu bestatten. Als andere Halloren sahen, dass er sich nicht mit der Krankheit infizierte, halfen sie ihm. Das ursprünglich nur für die Halloren und deren Angehörige durchgeführte Grabgeleit wurde im Laufe des 17. Jahrhunderts zu einem allgemein verbindlichen Dienst und zu einem Gewohnheitsrecht. Auf diese Weise war es den Halloren möglich, in Zeiten von Verdienstausfall bei ruhender Salzproduktion ihren Lebensunterhalt abzusichern. So ließen „sie sich bey anderer Leute Begräbnisse als Träger der Leichen, umb gebührliche Belohnung gebrauchen.“ Sie bewährten sich in diesem Dienst so gut, dass der Rat der Stadt 1707 sechs Halloren als Träger bestellte und dazu einen Wagen anschaff en ließ. In Berichten des 18. und 19. Jahrhunderts wird hervorgehoben, welch prägenden Eindruck die Grabgeleite der Halloren auf auswärtige Gäste der Stadt hinterließen. 1927 würdigte Robert Moritz in seinem „Hallorum Hallensis“ das stille und erhabene Auftreten der Halloren in ihrer Trauerkleidung. Bis in die Mitte der 1970er-Jahre lag das Grabgeleit in Halle ausschließlich in den Händen der Halloren. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands nahmen die Halloren wieder einen regulären Dienst auf den Friedhöfen auf.

Tanz eines Halloren mit dem Tod,
1996, Relief in der Moritzkirche
zu Halle (Foto: Hallesches Salinemuseum e.V., Karin Böhme)

Über die Jahrhunderte hinweg bis in die Gegenwart haben die Halloren an den Traditionen ihres Grabgeleits festgehalten. Auch in der Gegenwart geschieht dies immer noch in althergebrachter Weise: Vor dem Trauerzug geht der „Vorneweggeher“ mit Palmwedel und Zitrone – gefolgt vom „Fähnrich“ mit der Brüderschaftsfahne, die mit Trauerflor geschmückt ist. Dahinter schreiten die Träger mit dem Verstorbenen und die ganz in schwarz gekleideten Halloren. Das Ritual ist fester Bestandteil des brüderschaftlichen Lebens. Zu den Persönlichkeiten, denen diese Ehre u.a. zuteil wurde, zählt auch der gebürtige Hallenser Hans-Dietrich Genscher (1927–2016), Außenminister der Bundesrepublik Deutschland a.D. Er war als Ehrenschwager der Salzwirker- Brüderschaft eng verbunden. Wenn es gewünscht ist, so führen die Halloren auch für Bürgerinnen und Bürger der Stadt Halle bis heute das Grabgeleit auf den regionalen Friedhöfen durch.

Die zentralen Elemente des Grabgeleits bei den Halloren sind Palmwedel und Zitrone. Schon im Altertum wurden die Palme und ihre Wedel als Zeichen des Sieges und des Friedens verstanden. Die Palme galt zudem als der Baum des Lebens. Diese Symbolik wurde vom Christentum übernommen. So finden sich in der Bibel zahlreiche Textstellen, in denen die Palme erwähnt wird. Auch die aus Asien stammende Zitrone hat eine lange symbolische Wirkungsgeschichte. Aufgrund ihrer heilenden und reinigenden Wirkung wurden ihr schützende Kräfte zugeschrieben. Zudem erhöhte ihre Seltenheit in früheren Zeiten den Wert der Zitrone als etwas besonders Kostbares. In verschiedenen Regionen Deutschlands war es vor allem im 17. bis zum 19. Jahrhundert üblich, Zitronen als Grabbeigabe mitzugeben oder beim Begräbnis mitzuführen. Bei den Halloren hat sich diese Tradition bis heute gehalten.

In der Sonderausstellung „Würdevoll aus Tradition – Das Grabgeleit der Halloren“ im Salinemuseum wird vom 6. Mai bis 29. Oktober die Symbolik und Ästhetik des Grabgeleits mittels einer hochwertigen Szenografi e veranschaulicht.