Die hallische Wasserkunst

Abbildung: Stadtarchiv: Blick von der Mühlpforte nach Norden vor Anlage des Robert-Franz-Ringes. Markant hob sich auf der nordwestlichen Seite Halles der Turm der Wasserkunst hervor. Im Hintergrund sind die Sternwarte und sogar der „Rote Ochse“ zu erkennen. Fotografie um 1869

Auf alten Stadtansichten und Fotografien Halles ist bei Darstellungen der nordwestlichen Seite zwischen Moritzburg und Neumühle ein merkwürdiger „Zwiebelturm“ zu entdecken. Hierbei handelte es sich weniger um eine orthodoxe Kirche als vielmehr um die alte, hallische Wasserkunst. Diese gewährleistete für viele Jahrhunderte die Wasserversorgung der Stadt. Der heute etwas merkwürdig anmutende Name stammt wohl daher, dass es eine (Ingenieurs-)“Kunst“ war, etwas Derartiges zu konstruieren.

Im späten Mittelalter holten Mönche aus Halle in anderen Städten Informationen über ähnliche Anlagen ein, die aus einem Pumpwerk, einem Wasserbehälter und einem weitverzweigten Röhrensystem bestanden. Dann waren es wohlhabende Bürger, die eine „Wasser-Gewerckschafft“gründeten, mit deren Hilfe die Errichtung der Wasserkunst finanziell geschultert werden konnte. Bereits 1474 soll das erstmals Wasser von der Saale zum Marktplatz geflossen sein. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Technik des Wasserbaus immer wieder erweitert und verbessert. Zu den „Wasserkunstmachern“ gehörte auch der 1528 in Halle verstorbene Künstler Matthias Grünewald – Mathis Gothart Nidhart –, dem eine Konstruktionszeichnung im hallischen Stadtarchiv zugeschrieben wird.

Der Standort der Wasserkunst allerdings war recht unglücklich gewählt: Obwohl saaleaufwärts die Siedehütten des Thals lagen und die meisten Abwässer der Stadt in die Saale liefen, wurde das Wasser auf Höhe der Neumühle aus der Saale entnommen und durch ein Wasserrad in den als Wasserbehälter fungierenden „Turm“ gepumpt. Wie bei modernen Wassertürmen wurde auch hier das Gefälle des Turms ausgenutzt, um einen gleichmäßigen Wasserdruck zu erzeugen.

Durch hölzerne Hauptleitungen lief das Wasser dann von der Wasserkunst aus in die großen Röhrkästen an Marktplatz, dem Alten Markt und in Kleinschmieden sowie in verschiedene, allen Bürgern zugängliche steinerne und hölzerne Becken in der Stadt. Viele öffentliche Gebäude, die fürstliche Residenz, Bürger- und auch Brauhäuser besaßen eigene Versorgungsleitungen. Das Wasser wurde nach dem Querschnitt des Röhrchens abgerechnet, aus welchem das Wasser schließlich austrat – ein „ganzes Röhrwasser“ hatte dabei den Durchmesser eines kleinen Fingers. Für die Wartung der Wasserkunst war ein von der Stadt bestellter Kunstmeister zuständig, der auch im Bauwerk wohnte und von Röhrknechten unterstützt wurde.

Die Aufsetzung eines neuen, kupfergedeckten „Knopffs“ auf den Turm der Wasserkunst im Jahre 1668, die eine Kompletterneuerung vollendete, wurde als ein „Staatsakt“ begangen. Wie in der Chronik von Gottfried Olearius festgehalten wurde, fand sie in Anwesenheit des regierenden Landesfürsten, des Administrators August von Sachsen, der Hof- und Justitienräte, aller Ratsmeister, des städtische Syndicus, der Worthalter, des Schultheißen und des Superintendenten statt. Bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein versorgte die Wasserkunst die Stadt Halle mit dem wertvollen Gut. Der technische Fortschritt hatte dafür gesorgt, dass aus dem Pumpwerk ein Saugwerk und schließlich ein Druckwerk geworden war, so dass auch höher liegende Bereiche der Stadt versorgt werden konnten. Doch aufgrund des starken Anwachsens der Stadt und der nicht mehr hinzunehmenden Wasserverschmutzung musste schließlich eine von der Saale unabhängige Wasserversorgung gefunden werden.

Dies geschah durch das 1868 in Betrieb genommene Beesener Wasserwerk und eine Wasserleitung, die Grundwasser aus der Saale-Elster-Aue führte. Zu den neuen, stadtbildprägenden „Wasserkünsten“ Halles wurden die Wassertürme – der erste, ein Vorgänger des heutigen, 1927/28 errichteten Wasserturms am Lutherplatz stammte von 1868. Ein 1881 erbauter Turm an der Magdeburger Straße wurde ab 1899 durch den Wasserturm Nord ersetzt. Im Jahre 1875 bereits war der Turm der außer Betrieb gesetzten und von der Stadt verkauften, alten Wasserkunst an der Neumühle einem Brand zum Opfer gefallen. Was das Feuer übrig ließ, wurde kurz darauf abgerissen.

(Andrea Thiele, Kulturfalter Februar 2008)