Professorenwohnhaus Grosse Märkerstrasse Nr. 5

Abbildung: Stadtarchiv Halle

Zwischen dem hallischen Markt und dem Großen Berlin verläuft die Große Märkerstraße. In einer auch für Halle außergewöhnlichen Dichte sind hier Häuser zu finden, deren Baugestalt und Nutzergeschichte paradigmatischfür den Werdegang der Stadt sind. Ein Beispiel ist das seit langer Zeit ungenutzte Bürgerhaus Große Märkerstraße Nr. 5, das in jüngster Zeit wieder Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Das Baudenkmal präsentiert sich als ein barock überformtes Haus der Renaissance, welches unter Einbeziehung älterer, mittelalterlicher Bausubstanz errichtet wurde. Der erste urkundlich nachweisbare Besitzer ist Hans Vester (Vetter) im Jahre 1510. Zu dieser Zeit kann es sich noch nicht um einen Renaissance baugehandelt haben. Seine heutige Grundgestalt hat das Haus aber wohl unter Vetters Familie, in deren Besitz sich das Grundstück bis Ende des 16. Jahrhunderts befand, erhalten. Die zehn Fensterachsen des Haupthausesmit ihrer unregelmäßigen Anordnung und die Tordurchfahrt mit ihren Sitznischen spiegeln Bauformen der Renaissance wider. Die Vertreter der Familie Vetter besetzten bedeutende Positionen im Rat zu Halle (Johan Vetter – Worthalter 1531, Hans Vetter – Pulverherr 1543, Wolffgang Vetter – Vierherr 1545). Es folgten verschiedene Besitzer, welche ebenfalls wichtige Funktionenim Rat zu Halle inne hatten, u.a. Balthasar Glaser – 1633 Kornherr und 1644 Grefenherr– sowie Vertreter der Familie Drachstedt.

Am 9. Juni 1717 erwarb der Jurist und Professor der jungen Universität Justus Henning Böhmer (1674-1749) das Anwesen. Er war ein bedeutender Kirchenrechtlerseiner Zeit. Unter ihm erfolgten die barocken Umbautenam Haus: eine neue Raumaufteilung– die Enfilade, das barocke Treppenhaus, welches das Haupthaus und den nördlichen Seitenflügel miteinander verbindet, und das Mansarddach. Sein Sohn, der Mediziner Philipp Adolph Böhmer (1716-1789) übernahm das Haus 1750. Erveranlasste die Rokokogestaltung der Fassade und der Innenräume, welche das Haus bisheute prägen. So zeigt sich das Haupthaus heute noch, wenn auch leider stark beschädigt, mit dekorativen Stukkaturen: die Brüstungsfelder schmücken Girlanden, die Sturzfelderder Fenster Rocaillen und Laubranken. Über dem Haupteingang ist eine Supraporte mit schwungvollen Draperien und der inschriftlichen Jahreszahl 1717 ausgeführt. Im Innern befinden sich prunkvoll gestaltete Kamine; über den Türen im Festsaal des ersten Obergeschosses Supraporten mit Puttidarstellungen.

Im Jahre 1817 erwarb der Mediziner Wilhelm Hermann Niemeyer (1788-1840) das Anwesen für seine Familie und zur Einrichtung seiner Arztpraxis. Der älteste Sohn des Kanzlers der Universität und Direktors der Franckeschen Stiftungen, August Hermann Niemeyer, leitete, wie auch Philipp Adolph Böhmer, die Klinik der ‚Stiftungen’. Die mittlere Etage des Hausesvermietete Niemeyer an den Botaniker Georg Friedrich Kaulfuß (1786-1830), seit 1823 Professor für Forst- und Landwirtschaft und Mitglied der„Correspondirenden Botaniker“. Weitere bedeutende Professoren waren Bewohner des Hauses: Hermann Knoblauch (1820-1895) erhielt 1853 die Professur für Experimentalphysik an der hallischen Fridericiana. Die ersten zehn Jahre seiner Zeit in Halle wohnte er in der Großen Märkerstraße Nr.5. Im Jahre 1878 wurde er Direktor der Leopoldinisch-Carolinischen Akademie der Naturforscher. Unter seinem Vorsitz erhielt die heutige Nationalakademie ihren ständigen Sitz in Halle. Nach ihm bewohnte das Haus bis 1868 Richard von Volkmann (1830-1889), Mediziner und Literat, auch bekannt unter dem Namen ‚Leander’, und Ehrenbürger der Stadt Halle.

Noch Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Große Märkerstraße Nr. 5 als eines der eindrucksvollsten Bürgerhäuser der Stadt gerühmt. Damals existierte noch eine Vierflügelanlage mit intaktem malerischen Innenhof, von Stadthistoriker Neuß bezeichnet als ein „wahres Idyll mitten im Großstadttreiben“.

(Antje Dittrich, Kulturfalter Juni 2008)