Der Mediziner Johann Christian Reil – Ein Magnet für Halle

Abbildung:Postenkartenansicht des Heilbades "Bad Fürstenthal" am heutigen Robert Franz Ring, Stadtarchiv

2009 ist ein Jahr besonders vieler Gedenktage und Jubiläen in Deutschland. In Halle gilt dies für zwei Daten: 250. Todestag von Georg Friedrich Händel / 250. Geburtstag von Johann Christian Reil. Reil wurde nicht in Halle geboren, aber er starb hier am 23. November 1813. Die Saalestadt wurde dem aus Rhaude (Ostfriedland) stammenden Mediziner zum Schicksal und zur Hauptwirkungsstätte. Reil, der sein Medizinstudium in Halle absolviert hatte, wurde wenige Jahre danach aus seiner nördlichen Heimat von seinen Lehrern und Förderern 1787 an die Universität nach Halle berufen. Er erlangte im Revolutionsjahr 1789 das Amt des Stadtphysikus (Amtsarzt). Damit begann seine über das Medizinische hinaus reichende Tätigkeit für das Wohl der Stadt Halle. Er, der sich in der Medizingeschichte als Anatom, Hirnforscher und „Vater der Psychiatrie“ einen Platz geschaffen hat, war auch ein eminent sozial und wirtschaftlich eingestellter Mensch. Als Stadtphysikus eröffneten sich ihm da besondere Aufgaben. Seine wirtschaftliche Handlungskraft fand ihren Höhepunkt 1807-09, in Jahren, die vom wirtschaftlichen Niedergang unter der Napoleonischen Herrschaft geprägt waren.

In diesen Zeitraum entwickelte und vollzog Reil seinen Plan, Halle zu einem Heil- und Kurbad zu machen – durchaus in der Absicht, das nahe Bad Lauchstädt zu „legen“. Sein Konzept war medizinisch fundiert und von reicher Ortskenntnis seiner neuen Heimat getragen. Denn „legen“ konnte man Lauchstädt vor allem damit, dass in Halle zwei Sorten von Heilwasser zur Verfügung standen: Sole und Säuerling. Den Säuerling des „Gesundbrunnens“, seit dem Mittelalter immer wieder in Gebrauch, bezog er kühn in sein Kurkonzept mit ein. Was im Konkurrenzkampf noch fehlte, war im einstmals pietistisch geprägten Halle ein Theater. Auch dessen Errichtung im ehemaligen Barfüßerkloster setzte er durch, von Goethe geistig unterstützt, weil er im Sinne eines „Stadtmarketing“ dachte. Ihm war klar, dass durch die Schaffung einer adäquaten Infrastruktur für ein Heilbad Arbeit und Verdienst für viele geschaffen werden konnten. Die bis Ende des 19. Jahrhunderts frequentierte Einrichtung nannte sich „Bad Fürstental“.

Wilhelm, der jüngere der Brüder Grimm, gehörte zu den ersten Kurgästen dieses Bades, und konnte es nach dreimonatiger Behandlung geheilt verlassen. Er hatte gar nicht gewusst, als er im April 1809 von Kassel aus Halle erreichte, dass man hier ein Bad baute. Einzig der in Deutschland hochangesehene Arzt Reil hatte ihn zur Reise nach Halle bewogen. In seinen Briefen an den Bruder Jacob vermittelt er ein lebendiges Bild des charakterstarken Arztes, der bei seinen Behandlungen immer auch die psychische Seite seiner Patienten im Blick hatte. Daß Reil heute als Vorbereiter der Psychiatrie gilt, lässt sich durch seine umfangreichen medizinischen Schriften erklären – wie z.B. die „Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen“. Gerade dieses Werk hat, wie der Arzt in persona, große Anziehungskraft gehabt. So finden wir Reflexe der Reilschen Schriften, aber auch seines Namens z.B. in den Erzählungen von E.T.A. Hoffmann.

1810 verließ Reil auf Bitten Humboldts die Stadt Richtung Berlin, um am Aufbau der Charité mitzuwirken. Drei Lebensjahre standen ihm noch zur Verfügung. Und immer kam er in den Sommermonaten nach Halle, um persönlich die Kurpatienten des Bades zu betreuen. Er besaß, obwohl dann mit Familie in Berlin lebend, ein hübsches Landhaus am Fuß des „Reilsbergs“, der ihm 1803 vom König geschenkt worden war. Seine Familie hatte er in Halle durch Heirat mit einer aus Hugenottenkreisen stammenden Bürgerstochter gegründet; sein Schwiegersohn Peter Krukenberg wurde zu einem bedeutenden Mediziner an der Universität Halle.

Der Reilsberg und auch das Haus existieren heute noch, der Berg wurde Anfang des 20. Jh. in einen stattlichen Zoologischen Garten (Bergzoo) umgewandelt. Ob jeder Besucher weiß, dass Reil sich zu Lebzeiten schon seine Grabstätte auf der Bergeshöhe ausgesucht hatte? Sogar einen antiken Vers hatte er sich meißeln lassen. Als er 1813 in Ausübung des Dienstes an Typhus verstarb, war die Stadt Halle erschüttert. Im damaligen „Hallischen patriotischen Wochenblatt“ kann man lesen: Er war „der Wohltäter und Helfer seiner Mitbürger in den Hütten wie in den Palästen“.

(Ingeborg von Lips, Kulturfalter November 2009)