Die hallesche Synagoge am Großen Berlin - Architektur und Geschichte des heutigen Mahnmals.

Bild links: Entwurf zur Erweiterung der Synagoge Halle von Gustav Zimmermann (Foto: Stadtarchiv Halle)
Bild rechts: Die Synagoge in der Kleinen Brauhausgasse, Fotografie von Gottfried Riehm 1890 (Foto: Stadtarchiv Halle)

Begünstigt durch das wirtschaftliche Wachstum der Stadt Halle erwarb die um 1700 neu angesiedelte jüdische Gemeinde Halles in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Baugrundstück nahe der südlichen Altstadt am Großen Berlin/ Kleine Brauhausgasse. Der hallesche Bauunternehmer F. Loest errichtete eine nach außen unscheinbare Synagoge, deren genaues Aussehen nicht überliefert ist. Ein Grundriss des Erdgeschosses im Stadtarchiv Halle zeigt einen annähernd quadratischen Raum, der durch vier freistehende Säulen in drei Schiffe unterteilt war. Geweiht wurde die Synagoge im September 1870 im Beisein von städtischen Repräsentanten.

Der Architekt Gustav Zimmermann errichtete bereits 15 Jahre später die notwendige Erweiterung, um dem rasanten Zuwachs an Mitgliederzahlen gerecht zu werden. Der gelb-rote Ziegelneubau von 1884/85 zog sich nun bis zur Kleinen Brauhausgasse und hob sich von seinem Vorgänger im äußeren Erscheinungsbild deutlich ab. Es entstand ein Longitudinalbau ähnlich christlicher Kirchen. Die städtebaulich eingeengte Situation glich Zimmermann durch eine repräsentative Ostfassade an der Kleinen Brauhausgasse aus. Das architektonische Zitat der fünf Türme konnte als Pendant zu den stadtbildprägenden Markttürmen verstanden werden. Sie unterstrichen die selbstbewusste Präsentation der reformierten Synagogengemeinde.



Im Turmbau zeigt sich grundsätzlich eine architektonische Anpassung an christliche Riten, da er für das jüdische Gebet keine liturgische Bewandtnis hat. Der Ausdruck ‚andersartiger’ Identität in Gestalt orientalisch bzw. byzantinisch geprägter Zwiebelturmhauben wiederum entsprach romantisch-populären Strömungen des 19. Jahrhunderts und galt seit dem Barock von jeher als fester Bestandteil christlicher Architektur. Diese orientalischen Bauformen waren auch in Halle weniger Ausdruck der Eigeninitiative jüdischer Gemeinden, als vielmehr geläufige baubehördliche Anforderung im späten 19. Jahrhundert – sichtbar auch an den verschiedenen (Synagogen-)Neubauten in deutschen Groß- und Mittelstädten wie in Speyer 1837, Berlin 1860 und Pforzheim 1893. Der durch ein Oberlicht umlaufend beleuchtete Gebetsraum selbst trat einige Meter von der Straßenflucht zurück. So entstand im Erdgeschoss zusätzlicher Platz für einen Gemeinderaum. Gerade dieser Mittelteil war durch neoromanische Bauformen geprägt und damit der historisierenden Architektur des späten 19. Jahrhunderts gleichsam voll verpflichtet. Die hallesche Synagoge war von Westen, vom Großen Berlin her, zu betreten. Über eine Vorhalle gelangte man in den Gemeindesaal. In Form einer flachgedeckten Hallenkirche war die Synagoge dreischiffig gegliedert. Sieben freistehende, rundbogig überfangene Säulen trugen die Frauenempore, die auch im Vorgängerbau von Loest bedacht worden war. In Anpassung an die nicht-jüdische bürgerliche Gesellschaft berücksichtigte auch Zimmermann christliche Liturgieelemente für den halleschen Synagogenneu- bzw. -umbau: Das Lesepult der neuen Synagoge, die Bima, rückte von der Raummitte nach Osten in eine halbrunde Apsis. Diese wird für die Lesungen im jüdischen Wortgottesdienst benötigt, welche zum großen Teil auch Laien durchführen. Die entsprechende Ausrichtung der Bankreihen und des Gebets waren davon mit betroffen. Durch einen Treppenabsatz leicht erhöht, wurde die Apsis außerdem als Thora-Nische genutzt. Dies stellt jedoch keine Neuerung dar: Bereits ab dem 4. Jahrhundert bewahrte man die Thora in einer Lade (Aron ha-Kodesch) im Osten der Synagoge auf. Der altarähnliche Eindruck, der durch die Zentrierung aller liturgischen Architekturelemente im Osten entstand, wurde gerade in Halle durch die Apsis mit den drei Fenstern weiter gesteigert.



Zimmermanns Zeitgenossen verglichen den halleschen Synagogenbau mit der Neuen Berliner Synagoge an der Oranienburger Straße von 1860. Auffällig sind seine Anlehnung an die Rundbogenfenster der Hauptfassade und der bänderartige Einsatz rot-gelber Ziegel. Auch die zurücktretende Hauptfront sowie der Gebrauch von Zwiebelturmhauben scheinen vom Berliner Architekten Eduard Knoblauch übernommen. Zimmermanns Entwurf findet in vielen Bauteilen jedoch zu eigenen, lokal verwurzelten Interpretationen – allen voran das Zitat der fünf Türme. Wie die meisten Synagogenbauten in Deutschland fiel auch jene in Halle der nationalsozialistischen Pogromnacht am 9. November 1938 zum Opfer. Der zerstörte Bau wurde auf Kosten der jüdischen Gemeinde 1940 abgerissen. Ein Mahnmal in Form des Eingangsportals erinnert heute an die ehemalige hallesche Synagoge Zimmermanns. Es befindet sich seit 1987 am Jerusalemer Platz, unweit des ehemaligen Eingangs auf der Rückseite zur Synagoge und ist von Neubauten der 1980er-Jahre umgeben. Deren Errichtung verdrängte die 1965 installierte Gedenkstätte der ehemaligen Synagoge Halles, die aus Resten jenes Westportals bestand. Zimmermanns Synagogenbau von 1884/85 gelang es, die jüdische Gemeinde architektonisch in das soziale und politische Umfeld in der Saalestadt zu integrieren, in dem sich diese ab Mitte des 19. Jahrhunderts kulturell und zunehmend politisch entfaltet hatte.