Der Romanist Victor Klemperer - Professor und Gelehrter in Halle

Abbildung: Klemperer auf dem „Wissenschaftlerwürfel“ von Gerhard Geyer (1971/72), Halle-Neustadt, Nietlebener Straße, am ehem. „Bildungszentrum“, Annette Schiller

Am 11. Februar 2010 jährte sich der Todestag des Romanisten Victor Klemperer zum 50. Male. Auch in Halle, wo Klemperer seit 1948 an der Universität lehrte, wurde an ihn mittels einer Ausstellung und eines Vortrags der Goethe-Gesellschaft erinnert. Victor Klemperer, 1881 in Landsberg an der Warthe als Sohn eines Rabbiners geboren, wurde nach Promotion und Habilitation und nach einem Aufenthalt als Lektor an der Universität Neapel zunächst Professor für Romanistik in Dresden, einer Stadt, der er bis zum Lebensende verbunden blieb und in der er auch starb. Als Jude hatte er ab 1935 Lehrverbot, wurde aus seinem Amt entlassen und zunehmend drangsaliert. 1940 wurde er – trotz seiner „arischen“ Frau – aus seinem Haus vertrieben, auch öffentliche Bibliotheken durfte er nicht mehr benutzen. Am 13. Februar 1945 wurde er mit den letzten verbliebenen Juden aus Dresden abtransportiert – am selben Abend ging das alte Dresden im Flammeninferno unter. Im Chaos konnten er und seine Frau fliehen.

Nach einem Zwischenspiel in Greifswald wurde Klemperer 1948 Professor in Halle, später zusätzlich auch in Berlin. Die deutsche Bürokratie verlangte auch ihm – dem Opfer der Nazis – das Ausfüllen eines „Entnazifizierungs-Fragebogens“ ab, der in seiner Personalakte im Universitätsarchiv verwahrt wird. Dort lesen wir in den Fragen nach der „Wohnung von Februar 1933 bis 7. Mai 1945“ und nach den Vermögensverhältnissen eine Dresdner Adresse und die Angabe „dann in verschiedenen Judenhäusern der Stadt Dresden“. Im Januar 1933 war er „o. Prof. u. 14000 Jahresgehalt“, im Januar 1945 „in Zwangsarbeit, vermögenslos, Stundenlohn netto um 40 Pf.“ Und geradezu graphisch spürbar sind Distanzierung und Verachtung, wenn er bei der Frage „Waren Sie jemals Mitglied der NSdAP?“ ein einziges 10 Zentimeter großes „NEIN“ schreibt.

In Halle ist er vor allem als Lehrender im Gedächtnis geblieben. Der Hörsaal war immer voll, nicht nur mit seinen Romanistikstudenten, es kamen auch Germanisten, Philosophen, Physiker… Klemperer sprach frei, hatte nur einen kleinen Zettel mit einigen Daten und Zahlen, den er seinen „Schnuller“ nannte, dabei. „Unter allen Lehrern, die mir im Laufe meines Lebens begegnet sind, war dieser die eindrucksvollste Persönlichkeit, ein ‚pater spiritualis’ im ganz und gar weltlichen Sinne, der anregen und begeistern konnte und dessen größte Fähigkeit es wohl war, selber produktiv andere zu schöpferischem Denken anzuspornen.“ So beschrieb Horst Heintze, Klemperers wichtigster Schüler und Mitarbeiter in Halle und Berlin, seinen Lehrer in einem Vortrag 1981 im Rahmen einer Veranstaltung zum 100. Geburtstag Klemperers an der Martin-Luther-Universität. Das ist wohl das schönste Kompliment, das ein Schüler einem Lehrer machen kann.

Victor Klemperer lehrte in Halle bis 1958, also zwei Jahre vor seinem Tod. Hier fand er in seiner Studentin Hadwig Kirchner, die 1952 seine zweite Frau wurde, noch einmal ein spätes Glück. Hadwig Klemperer, die im September 2010 verstorben ist, war es auch, die durch die Entzifferung der Tagebuchaufzeichnungen maßgeblichen Anteil an der späten Berühmtheit ihres Mannes lange nach seinem Tode hatte. Denn in den letzten zwanzig Jahren war Klemperer vor allem durch die Publikation seiner Tagebücher in aller Munde, die er das ganze Leben über geführt hatte und mit Hilfe seiner ersten Frau Eva vor allen Hausdurchsuchungen verstecken konnte. Sie geben ein umfassendes Bild des Alltagslebens im Nationalsozialismus; hier lässt sich verfolgen, wie Klemperer systematisch als Wissenschaftler und Mensch ausgegrenzt wurde und in permanenter Angst vor der Verfolgung durch die Gestapo lebte.

Zugleich legten diese Aufzeichnungen die Grundlage für ein weiteres sehr verbreitetes Buch des Literaturwissenschaftlers, nämlich „LTI“ („Lingua Tertii Imperii“, „Die Sprache des Dritten Reiches“), das 1947 erschien und zahlreiche weitere Auflagen erfuhr. Die Beobachtung des sprachlichen Alltags wurde für ihn, als ihm keinerlei Arbeitsmöglichkeiten mehr geblieben waren, zu seiner „Balancierstange“.

(Annette Schiller und Thomas Bremer, Kulturfalter Dezember 2010)