Das Gebäude der Königlichen Eisenbahndirektion

Abbildung: Die 1899 bis 1901 errichtete, mehrfach erweiterte Königliche Eisenbahndirektion: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG

Fährt man von Süden in den halleschen Hauptbahnhof ein, erblickt man auf der Stadtseite ein repräsentatives Gebäude im Stil der Neorenaissance mit einem figurengeschmückten Mittellrisaliten. Der heute vom Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt genutzte Bau war ursprünglich für die 1895 gegründete königliche Eisenbahndirektion Halle errichtet worden. Zu dieser Zeit hatte sich die Stadt Halle zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt entwickelt.

Die Königliche Eisenbahndirektion Halle war zunächst auf verschiedene angemietete Gebäude in Bahnhofsnähe verteilt. Aufgrund räumlicher Engpässe wurde jedoch bald ein eigenes Verwaltungsgebäude benötigt. Im Februar 1899 beantragte der Königliche Eisenbahnfiskus auf eigenem Grund und Boden westlich der Bahnlinien bis zur Königstraße (heute Rudolf-Ernst-Weise-Straße) die Einrichtung dreier neuer Straßen, welche später die Namen wichtiger Persönlichkeiten der preußischen Eisenbahngeschichte erhielten: Albert von Maybach (1822-1904), Karl von Thielen (1832-1906) und Herrmann von Budde (1851-1906) waren Vorsitzende des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten, dem die Eisenbahndirektionen unterstanden.Obwohl die Genehmigung zum Bau erst am 31. August 1899 erteilt wurde, u a. wegen der noch fehlenden Fluchtlinienfestlegung, war bereits vor dem 15. Mai des Jahres mit den Bauarbeiten begonnen worden. Die Oberbauleitung lag bei der Eisenbahndirektion Halle, die dem Regierungsbaumeister für das Hochbaufach Eduard August Wilhelm Fürstenau die Entwürfe und Planung bertrug, dessen Aufgaben ab März 1901 Regierungsbaumeister Maschke übernahm. Die Bauausführung oblag vermutlich verschiedenen Baumeistern und Handwerkern. Vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten Berlin wurden fünf technische Bürokräfte bzw. Hilfskräfte zum Bau zugelassen, von denen in der Bauakte im Stadtarchiv Halle Bauassistent Kobert und Maurermeister Ludwig Grote genannt werden. Am 30. Mai 1901 wurden die Bauarbeiten beendet. Vierzehn Tage später konnte der Präsident der Königlichen Eisenbahndirektion Seydel dem halleschen Oberbürgermeister Staude vom Einzug der Büros in das neue Dienstgebäude berichten.

Der im Grundriss unregelmäßige Baukörper resultiert aus mehreren Erweiterungen des Baues in den Jahren 1928-29 und 1935-37. Damit entstand die heutige geschlossene Anlage, die sich mit mehreren Querriegeln um acht Höfe gruppiert und deren Hauptflügel den Straßenfluchten folgen. Über dem Haupteingang flankieren die Köpfe von vier Figuren die Dreierfenstergruppe zum ehemaligen Sitzungssaal. Sie blicken aus von Rollwerk und Ranken umgebenen Medaillons und sind anhand der  beigefügten Inschriften als Symbole für die vier Hauptpfeiler von Halles wirtschaftlichem Aufschwung in der Zeit der Industrialisierung erkennbar. Die Zuckerindustrie ist dargestellt durch Demeter, die griechische Göttin der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus. Ein Bergmann verweist auf die Förderung der reichen Braunkohlevorkommen in und um Halle zu dieser Zeit. Hephaistos, der griechische Gott des Feuers, steht für die Kraft des Maschinenbaus und der Götterbote Hermes für den Handel. Die attraktiven und besonders qualitätvoll gearbeiteten Figuren repräsentieren mit ihrer jugendlichen Frische den Stolz auf die Wirtschaftszweige, welche sie symbolisieren. In den Dreiecksgiebeln über den drei Fenstern schließlich verweisen die Darstellung eines Fliehkraftreglers, das geflügelte Rad auf Schienen und ein Blitzbündel auf die Triebkraft und die Geschwindigkeit der Eisenbahn.

(Antje Dittrich, Kulturfalter Februar 2009)