Die erste Verdienstmedaille der deutschen Nationalakademie Leopoldina

Halle besitzt, wie viele andere Städte auch, Orte und Bauten, die exemplarisch für verschiedenste Lebensbereiche von Frauen stehen. Anlässlich des 20. Jubiläums des vom Land Sachsen-Anhalt geförderten Projektes Frauenorte wird das hallische Frauenorte-Quartett vorgestellt, das vier Epochen repräsentiert: das Jenaische Fräuleinstift, das Entbindungsinstitut in der Neuen Residenz am Domplatz, das Evangelische Diakonissen-Mutterhaus sowie die Kunsthochschule Burg Giebichenstein.

Das Jenaische Freiweltliche Adelige Fräuleinstift bot seit 1703 dank einer testamentarischen Stiftung des Juristen Gottfried von Jena jeweils elf adligen Damen eine Lebensalternative zu Klostereintritt und Ehe. Das heute noch erhaltene Patrizierhaus aus dem 16. Jahrhundert in der Rathausstraße 15 wurde 1976, d.h. zwei Jahre nach dem Tode der letzten Stiftsdame, an die Stadt Halle verkauft. Aktuell wird es von ihr restauriert und die denkmalgerechte Wiederanbringung einer Frauenorte-Tafel geplant.



Ab 1811 befand sich in der Neuen Residenz in den Räumen über dem Torbogen eine Entbindungsklinik. Drei Jahre zuvor wurde die Universität wiedereröffnet und vor allem deren medizinischen Institute von der napoleonischen Regierung großzügig unterstützt. Carl Friedrich Senff, ein Schüler von Philip Meckel, ließ das Entbindungsinstitut am Domplatz nach seinen Vorstellungen ausbauen. Es ist ein Beleg für den ab Mitte des 18. Jahrhunderts beginnenden Wandel der Gebärkultur. Dieser hatte bis in die heutige Zeit reichende Folgen, sowohl für das Berufsbild der Hebamme als auch für die universitäre gynäkologische Ausbildung.

Ein weiterer FrauenOrt, das evangelische Diakonissen-Mutterhaus, entstand im März 1857, zunächst am Weidenplan, nach dem Beispiel und mit Unterstützung des Diakonissen-Mutterhauses Kaiserswerth, als erstes Diakonissenhaus für die preußische Provinz Sachsen. Somit wurde es auch in Halle Frauen ermöglicht, sich als Diakonissen in der Kranken- und Säuglingspflege ein dem zeitgenössischen Rollenverständnis entsprechendes Tätigkeitsfeld zu erschließen. Demgegenüber entwickelte sich zeitgleich jenes der Kleinkinderzieherin/-lehrerin bzw. Kindergärtnerin, was in Sachsen-Anhalt an weiteren FrauenOrten wie in Zörbig und Köthen thematisiert wird. Das Diakonissen-Mutterhaus besteht bis heute auf dem Gelände des Diakoniewerkes Halle am Mühlweg fort.



Die Unterburg der Burg Giebichenstein in der Seebener Straße 1 beherbergte seit 1921/22 die damalige Kunstgewerbeschule der Stadt Halle und heute den Fachbereich Kunst der Kunsthochschule Burg Halle. Der Münchner Architekt Paul Thiersch reformierte sie als damaliger Direktor zu einer dem Werkstättenprinzip verpflichteten modernen Kunstgewerbeschule, die neben dem Bauhaus zu den bedeutendsten Bildungsstätten in Deutschland gehörte. Ab 1925 waren hier auch mehrere Bauhäusler tätig, so beispielsweise die Töpferin Marguerite Friedlaender. Die tradierte weibliche Rollenzuweisung wurde an der „Burg“ frühzeitig aufgebrochen. Bereits in den 1920er Jahren oblag Frauen die künstlerische Leitung im Textil und Emaille, zeitweise auch in der Keramik sowie im Bucheinband und -Druck – eine Konstellation, die für das Bauhaus undenkbar gewesen wäre.

Seit zwanzig Jahren erzählen FrauenOrte Geschichte(n) von Frauen aus und in Sachsen-Anhalt. Sie wurden als ein Korrespondenzprojekt der EXPO 2000 und bundesweit erstmalig ins Leben gerufen sowie als Idee inzwischen auch in Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen und Thüringen aufgegriffen. Aktuell gibt es 51 mit Tafeln gekennzeichnete FrauenOrte in unserem Land. Sie spannen einen zeitlichen Bogen von ca. 1.000 Jahren Geschichte mit regionalem Bezug und sind mit einer Tafel symbolisch gekennzeichnet.