Weites Feld. Das erste Handball- Länderspiel 1925 in Halle

Mit der im Januar 2019 in Dänemark und Deutschland ausgetragenen Weltmeisterschaft im Handball gastiert dieser Sport zugleich in zwei seiner wichtigsten Ursprungsländer. Dabei wartet das Turnier mit der Premiere einer gemeinsamen Ausrichtung durch zwei Nationalverbände auf. In einem Spannungsfeld von Tradition und Innovation bietet die WM auch Anlass, an ein lokal kaum bekanntes Ereignis zu erinnern: das offiziell erste Handball-Länderspiel, das in Halle ausgetragen wurde.

Handball ist das Ergebnis einer Konjunktur neuer Spielformen seit dem späten 19. Jahrhundert, zu denen auch zahlreiche Wurf- und Fangspiele gehörten. Gleichsam anthropologisches Gegenstück zum Fußball, wurde er als vermeintlich genuin ‚deutsches Spiel‘ ideologisch auch zum Gegenentwurf des ‚englischen‘ Fußballs überhöht. Nach dem Ersten Weltkrieg theoretisch v. a. von Carl Schelenz (1890–1956) geprägt, unterlag der zuvor von Max Heiser (1879–1921) gerade auch für Frauen konzipierte Handball einer starken ‚Vermännlichung‘. Er wurde als explizites Kampfspiel und als Wehrersatz verstanden, war vielfach militärisch konnotiert und nicht zuletzt attraktiv für junge Männer, die sportlich an der Front sozialisiert worden waren, weshalb er sich u. a. bei Reichswehr und Polizei rasant etablierte. Den Aufschwung der Sportart begünstigte zudem die Konkurrenz verschiedener Institutionen und Verbände in der Weimarer Republik. So wurde Handball bei der Deutschen Turnerschaft (DT) und der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik (DSB) gespielt, aber auch in den Vereinen des Arbeiter-Turn- und Sportbundes (ATSB) oder in konfessionellen Sportverbänden wie der katholischen Deutschen Jugendkraft (DJK) und dem evangelischen Eichenkranz.



Die DSB, deren Handball-Ausschuss im März 1925 einen Ländervergleich beschlossen hatte, setzte in der enormen Popularisierung der Sportart in den 1920er Jahren eine internationale Wegmarke, als sie am 13. September 1925 eine Mannschaft gegen Österreich antreten ließ. Streng genommen hatte es für einen Ländervergleich schon Vorläufer bei der 1. Internationalen Arbeiter-Olympiade in Frankfurt/Main im Juli 1925 gegeben. Hier war eine deutsche Auswahl im Handball gegen Belgien und die Schweiz erfolgreich. Diese Partien des eher internationalistisch als national orientierten Arbeitersports wurden jedoch von einer offiziöshegemonialen Verbandshistoriographie übergangen.

Auf Halle als Austragungsort des Länderspiels war die Wahl gefallen, weil die Stadt neben Leipzig und Berlin als Zentrum des frühen Handballs galt. Zudem boten sich mit dem Stadion des VfL Halle 96 am Zoo beste infrastrukturelle Voraussetzungen; es war eines der seinerzeit modernsten in Mitteldeutschland. Gespielt wurde Feldhandball auf Großfeld mit elf Spielern pro Mannschaft und zu zweimal 30 Minuten. Regeln und Taktik waren dabei stark am Fußball orientiert. Die Akteure aus Wien, Berlin, Hamburg, Dresden und Leipzig waren im Hotel Mars la Tour untergebracht. Dem Zeitgeist entsprechend wurden sie von einem Stadtverordneten über die Bedeutung der namengebenden Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 unterrichtet. Mit Erich Knobbe stand auch ein Hallenser im Aufgebot der deutschen Mannschaft. Die Austragung galt im Vorfeld als finanzielles Wagnis, die Veranstalter zeigten sich in dieser Hinsicht später jedoch zufrieden.



Unterschiedlichen Angaben zufolge kamen bei strömendem Regen zwischen 3000 und 4000 Zuschauer ins Stadion, Bildzeugnisse sind bislang nicht bekannt. Als Vorspiel wurde u. a. eine Partie der Frauen zwischen dem VfL Merseburg und Borussia Halle ausgetragen. Das Hauptspiel sah eine überraschende 3:6 (1:3)-Niederlage des Favoriten. Dieser hatte die „österreichischen Brüder“ off enkundig unterschätzt und im Gegensatz zu diesen auch keine eigentliche Vorbereitung absolviert. DSB-Spielwart Otto Köppe führte im Fachorgan Der Leichtathlet zudem das „südländisch-slawische Temperament“ des Gegners an. Am berechtigten Sieg des Gastes gab es in Fach- und Lokalpresse aber keinen Zweifel. Die Hallischen Nachrichten vom 14. September 1925 konstatierten: „Glänzende Leistungen der Österreicher und verdienter Sieg – Deutschlands Vertreter enttäuschten recht unangenehm.“ Sie kamen bei einigem Pathos („Das Mutterland des Handballs geschlagen, geschlagen im ersten Länderspiel!“) zum Fazit: „Im Ganzen genommen, war das Spiel trotzdem von hohem sportlichem Werte und hat sicher wieder viele Freunde für die Handballsache geworben.“
Länderspiele sollten in der Folge fester Bestandteil der Wettkampfpraxis werden. Die Bilanz deutscher Auswahlmannschaften war dabei außerordentlich erfolgreich, bis mit der Ablösung des Feldhandballs durch den Hallenhandball und dem Auftreten von Teams aus den staatssozialistischen Ländern die Karten auf internationalem Parkett neu gemischt wurden. Um zum Eingang zurückzukehren: Eine WM-Geschichte besitzt die Stadt Halle ebenfalls. Mit der 2016 rückgebauten Eissporthalle war sie für fünf Partien Spielort der 1974 in der DDR ausgetragenen VIII. Hallenhandball-WM.

(Autor/in: Dirk Suckow)