IMPULS Festival für Neue Musik Sachsen-Anhalt 14.9.-20.11.2020

Die Planung des Ungeplanten. Mit der aktuellen Situation hat das bereits vor Corona gewählte Thema „Enter the Void“ des diesjährigen Impuls-Festivals für Neue Musik Sachsen-Anhalt noch mehr an Aktualität und Brisanz gewonnen. Neben der landespolitischen Dimension wird das Thema nun zu einem existentiellen Aufruf. Anstelle von drohender Funkstille möchte IMPULS durch das künstlerische Schaffen von Neuem unsere Systemrelevanz immer wieder neu reflektieren und zeigen. Die Leere füllen wir 2020, in einem Jahr, in dem alles anders ist, mit aufregenden neuen Klängen mit jungen Komponist:innen, Dirigent:innen, Solist:innen, Ensembles und Orchestern aus 16 Ländern in einem Festival in 10 Städten und mit 16 Uraufführungen!

Mit dem von der Kulturstiftung des Bundes unterstützen Projekt „Enter the Void“ wollen wir gemeinsam mit unseren künstlerischen Partnern und Künstlern die plötzlichen Veränderungen, die Absurditäten, die neuen Bilder, mit denen wir als Gesellschaft gerade konfrontiert werden, künstlerisch, musikalisch, diskursiv und performativ zu unserem diesjährigen Thema machen.

Wie kann es der Kunst gelingen, die Situation, den Not- und Leerstand, „the void“ in einen Echoraum zu geben und produktiv nutzbar machen? Das neu gegründete internationale Netzwerk für Neue Musik, das Festival Alliance of Contemporary Music in Europe (F.A.C.E.), ist vor allem jetzt ein wichtiges Signal in Zeiten von menschlicher, aber auch nationaler Distanzierung. Eine begleitende Konferenz mit dem Titel „Inter·Face“ mit Teilnehmern aus den Niederlanden, Belgien, Italien und Deutschland umrahmt das besondere Treffen. Die Konferenz soll genutzt werden, gemeinsam mit allen Beteiligten über künstlerische Ideen nachzudenken, die Europa als kulturelles Gemeinschaftsprojekt sichern können.

Mit dabei sind Gaudeamus Muziekweek, Utrecht (Holland), Chigiana International Festival & Summer Academy, Siena (Italien), ECLAT Festival für Neue Musik Stuttgart (Deutschland), ARS Musica, International Contemporary Music Festival Brussels (Belgien) sowie das IMPULS-Festival für Neue Musik Sachsen-Anhalt (Deutschland).

Das diesjährige Eröffnungskonzert des Impuls-Festivals im Steintor-Varieté Halle spiegelt auf eindrucksvolle Weise die gegenwärtige künstlerische Produktion europäischer Festivals Neuer Musik wider. Die an der Fachkonferenz beteiligten Festivals aus Holland, Italien, Belgien und Deutschland präsentieren sich mit aktuellen Produktionen. Aus Holland kommt für den Festivalauftakt „Enter the Void “das spektakuläre microtonale Percussionprojekt „W.A.L.L.“ mit einer bespielbaren Wand von sieben Metern Länge und drei Metern Höhe von Aart Strootman und dem Ensemble Slagwerk Den Haag. Die Neue Vocalsolisten Stuttgart bringen das vokale Projekt „Passwords“mit einer Uraufführung von Ricardo Eizirik, wobei 6 Sänger von einem Computer sichtbar angesteuert werden. Außergewöhnliches kommt aus Belgien mit „Bukkake“, ein kurzes Monodrama von Sara Wéry. Unter dem Titel „Bad Boys“ kommen mit Manuel Zurria und Stephane Ginsburgh zwei der unkonventionellsten italienischen Solisten der Neuen Music nach Halle.

IMPULS hat die Theremin-Spielerin und Komponistin Carolina Eyck eingeladen, sich für ihre Uraufführung vom diesjährigen Festivalmotto „Enter the void“ inspirieren lassen. „F.A.C.E.“ (Festival Alliance of Contemporary Music in Europe) signalisiert den Start einer internationalen Kooperation, mit dem der Austausch unter den europäischen Festivals für Neue Musik in begleitenden Produktionen hör-sichtbar gemacht wird. Beim diesjährigen IMPULS-Eröffnungskonzert geben hochaktuelle Produktionen aus Belgien, Italien, den Niederlanden und Deutschland einen eindrucksvollen Einblick in die europäische Festivallandschaft und die Entwicklungen auf dem Gebiet der Neuen Musik!



W.A.L.L.

Der Komponist und Gitarrist Aart Strootman gewann 2017 den Gaudeamus Award für seine einzigartigen und inspirierenden Klangerfindungen. W.A.L.L., 2019 bei der Gaudeamus Muziekweek uraufgeführt, ist eine Reflexion über die Rückkehr der Mauer in unserer politisch turbulenten Zeit, in der Firewalls, die Wall Street und amerikanische Grenzmauern uns (unbewusst) mit Grenzen konfrontieren. W.A.L.L ist ein Stück für mikrotonale Röhrenglocken, Gitarren und eine gigantische Marimba, die alle von Aart Strootman selbst konstruiert und gebaut wurden. Mit diesen hausgemachten Instrumenten baut Strootman eine Wand aus unerhörten, undurchdringlichen Klängen, ergänzt durch abstrakte visuelle Projektionen.

Bad Boys

Bad Boys ist ein Projekt, das aus einem Paradoxon entstanden ist: Komponisten und Künstler auf der steten Suche nach dem eigenen künstlerischen Ausdruck als Kollektiv zusammenzubringen. Doch die Kunst schöpfte schon immer ihre kreative Kraft aus dem Paradoxen, der Provokation, der Unstetigkeit, dem lustvollen Spiel des politisch Inkorrekten. Aus diesen Gegensätzen ist das Komponisten-Kollektiv Bad Boys entstanden. Michael Beil und Stefan Prins machen die verstörende Trennung lebendiger und virtueller Realität in Zeiten von Stillstand und Einschränkung sicht- und hörbar. Mit den Walking Songs bringt Kevin Volland seine persönliche indigene Klangfarbe in das Gesamtgefüge ein: Ein Klangteppich aus Sand, Staub und afrikanischen Märkten. Mario Pagliarani dekonstruiert einen bekannten italienischen Popsong als streng synchronisierte Intervention, um das absurde Spiel zwischen zerstörter Wahrnehmung weiter auf die Spitze zu treiben. Bad Boy steht für eine ungewöhnliche Tour de Force aktueller Neuen Musik im wilden Zusammenspiel von Dekonstruktion und Auflösung.

Bukkake

Das Monodram für eine Sängerin, Klavier, Percussion und Violoncello erzählt, anders als der verstörende Titel „Bukkake“ vermuten lässt, von Rücksichtnahme und Poesie.Sarah Wéry baut ihre Klangstücke aus kleinen Fragmenten, die sie zusammenfügt. In Bukkake gibt es Muscheln, summende Ohren, ruckartige Atemzüge, Lieder, Gegenstände am Tisch und Bewegungslosigkeit. Drei Musiker begleiten den Monolog der Mezzosopranistin Salome Kammer, deren eigens angefertigtes Muschelkleid ebenfalls als Instrument genutzt wird.

In Steps
Obwohl sechs Personen auf der Bühne sind, hat nur einer, der Performer, die Kontrolle über die Sounds. Mittels eines selbst gebauten „Controllers“, mit dem die Mikrofone der Sänger:innen ein- und ausgeschaltet werden können, steuert der Performer fünf verstärkte Stimmen. Inspiriert von einem Step Sequenzer (daher der Name des Stücks) wandelt Ricardo Eizirik die Äußerungen der menschlichen Stimme in Schritten in scheinbar elektronische Klänge um. Mit den einer vereinfachten Klaviertastatur ähnelnden lediglich fünf Tasten des „Controllers“ öffnet sich die gesamte Bandbreite der menschlichen Stimme.

Void

Die Theremin-Spielerin und Komponistin Carolina Eyck hat sich für ihre Uraufführung vom diesjährigen Festivalmotto Enter the Void inspirieren lassen. Ihr Stück für sechs Sängern und Theremin ist ein Experiment im Raum. Wie entsteht ein neuer Klang, wenn wir Stimmen unterschiedlicher Natur, die menschliche Stimme und die elektronische Stimme eines Theremins, im selben Raum zusammenführen? Werden die Grenzen zwischen der unsichtbaren und der physischen Welt freigelegt oder absorbiert, wenn die Leere zwischen uns kollidiert?



Das Themenspezial - Impulsfestival für neue Musik Sachsen-Anhalt