Wer keine Zeit hat, der lügt oder ist tot

Karlheinz Geißler setzt sich mit Zeit aus einer wissenschaftlichen Perspektive auseinander (Foto: Times and more)

Karlheinz Geißler ist Philosoph, Ökonom und Pädagoge in einer Person, Professor im In- und Ausland, Autor zahlreicher Publikationen zum Thema „Zeit“ und überdies auch noch Familienvater. Er verkörpert damit den Prototypen unserer Gegenwart, den er selbst als solchen identifiziert hat, den „Simultant“ nämlich, der nicht nur alles gleichzeitig ist, sondern alles gleichzeitig macht oder es jedenfalls versucht. Im März tingelte er wie gewöhnlich durch die Weltgeschichte und verweilte für einen Vortrag in den Frankeschen Stiftungen auch in Halle. Die Gelegenheit für Kulturfalter, mit ein paar Fragen seine Zeit zu beanspruchen.

Kulturfalter: Vielen Dank im Voraus, Herr Geißler, dass Sie sich „Zeit genommen“ haben für dieses Gespräch. Sie sind im Vorstand der „Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik“. Wie entstand die Idee zu solch einer Vereinigung, warum brauchen wir eine „Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik“ und welche persönliche Motivation steckt hinter Ihrem Engagement in dieser Organisation?

Karlheinz Geißler: Vor 20 Jahren habe ich gemeinsam mit einem Freund von der evangelischen Akademie in Tutzing [Vorort von München] eine Initiative namens „Ökologie und Zeit“ ins Leben gerufen. Grundlage dafür war die Überlegung, dass es bei ökologischen Fragen eigentlich immer um Zeit geht. Wir haben dann jedes Jahr Veranstaltungen organisiert, Wissenschaftler und Politiker eingeladen, und irgendwann kam unter den Teilnehmern der Wunsch auf, sich nicht immer „nur“ „unter Wissenschaftlern Gedanken zu machen“, sondern diese vernünftigen Erkenntnisse auch an die Politiker selbst heranzutragen, damit das Forschen über die Zeit auch der Gesellschaft zugute kommt. Und so habe ich mit Wissenschaftlern, Politikern und Juristen dann in Bremen die „Deutsche Gesellschaft für Zeitgeschichte“ gegründet. So bleibt unsere Arbeit nicht nur wissenschaftliche Theorie, sondern nimmt konkreten Einfluss auf Politik und Gesellschaft. Als Zeitforscher stehen wir in politischen Gremien, in Ausschüssen auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene den Politikern beratend zur Seite, stehen den Medien als Spezialisten zur Verfügung und lassen damit die Gesellschaft an unseren Erkenntnissen teilhaben.  

Was ist unter „Zeitpolitik“ zu verstehen?

Fast alle politischen Entscheidungen haben Einfluss auf unsere Zeit. Nehmen wir zum  Beispiel die Diskussionen über Krippenplätze, Ruhezeiten im Städtebau oder den verkaufsoffenen Sonntag.  

Wie unterscheiden Sie selbst zwischen guter und schlechter „Zeitpolitik“?

Schlechte Zeitpolitik schafft Probleme oder verstärkt sie, gute Zeitpolitik hilft uns dabei, unsere Probleme zu lösen. Es geht darum, bewusst über Zeit nachzudenken – das macht gute Zeitpolitik aus. Sich darüber klar zu sein, dass unsere Entscheidungen Konsequenzen haben. Man muss sich fragen: Was verändert sich denn? Wenn man am Sonntag bald immer wie an jedem anderen Wochentag einkaufen kann, dann kommt es dazu, dass Menschen ihre Zeit anders einteilen. Es verändert sich etwas. Konkret wird hier der Sonntag als Ruhetag endgültig abgeschafft. Das kann bedeuten, dass es in Zukunft weniger Zeit für Familie gibt, weniger Zeit für Kinder. Dann müssen wir eben darüber nachdenken, ob wir die dann eben importieren oder andere Kompensationsmaßnahmen in Erwägung ziehen.  

Welche Rolle spielt die Langsamkeit beim bewussten Umgang mit Zeit?

Nun, erst einmal ist es die Relation. Ohne Langsamkeit keine Schnelligkeit und umgekehrt. Es gibt ja auch die schöne Redewendung „langsam zu Sinnen kommen“, oder „langsam aber gründlich“. Langsamkeit hat viele Vorteile. Im Gegensatz zur Wirtschaft, wo es darum geht, Zeit zu gewinnen, also schnell zu sein, brauchen wir die Langsamkeit in der Liebe, in der Familie und vor allem in der Erziehung. Ein Kind kann man nicht schnell erziehen, es braucht Zeit zum Lernen und Erfahrungen machen. Schnelligkeit ist in solchen Dingen unbrauchbar.

Sie selbst haben das Phänomen der Simultanität als bezeichnend für unsere Zeit dargestellt. Wir Menschen fühlen uns ständig genötigt, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, sind konfrontiert mit einem gesellschaftlich-wirtschaftlichen Multitasking-Zwang.

Ja, das ist eine Entwicklung, die vor allem wirtschaftlich bedingt ist. Die Wirtschaft wächst durch Schnelligkeit. Mittlerweile, in Zeiten des sekundenschnellen Informationstransports übers Internet, ist die Verbesserung der Schnelligkeit allerdings ausgereizt. Sie stößt an ihre Grenzen, d.h. es passieren dann zum Beispiel einfach Unfälle. Deshalb haben wir, um trotzdem noch wirtschaftliches Wachstum zu erzeugen, das Prinzip der Gleichzeitigkeit, also der „Zeitverdichtung“, wie ich es auch nenne, für uns entdeckt.  

Wie lautet Ihre Goldene Regel, die der normal-gehetzte Bürger beherzigen sollte, um seinen Lebensrhythmus zu „entschleunigen“, wie Sie sagen?

Der Mensch sollte versuchen, seine eigene Natur nachzuleben und herausfinden, was ihm gut tut. Denn es gibt viele gute Zeiten. Und am Besten in Rhythmen leben, also alle Tempi, die Langsamkeit und die Schnelligkeit, die Stabilität und die Flexibilität leben.  

„Hat“ man Zeit oder „nimmt“ man sie sich?

Weder noch. Man ist die Zeit. Zeit ist Leben, kein Gegenstand, den man sich nehmen kann. Wer keine Zeit hat, der lügt oder ist tot.  

Es gibt ja derzeit jede Menge Ratgeber zum Thema „Zeitorganisation“. Nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage vermutlich ein Trend, der nicht von ungefähr kommt. Wie stehen Sie denn zu diesem Hype?

Das sind moderne Heilserzählungen. Heute, wo für die meisten Menschen hierzulande die Heilserwartung der Kirche keine große Rolle mehr spielt, muss eben kompensiert werden. Zeitmanagement ist ja nicht ohne Grund eine Erfindung der Protestanten und „Zeit ist Geld“ eine Heilslehre des Pietismus. (lacht)  

Schüler sollen bald in ganz Deutschland Ihr Abitur nach zwölf Jahren in der Tasche haben. Auch eine Form von „Zeitverdichtung“ – Ihrer Ansicht nach richtig oder vielleicht doch am falschen Ende „Zeit gespart“?

Also, erstmal ist es kein großes Problem, das Abitur nach 12 statt nach 13 Jahren zu machen. Es stellt sich bloß die Frage, ob die Schüler in dieser kürzeren Zeit das Gleiche lernen. Zeit ist immer eine Frage der Qualität, nicht der Quantität. Aber „Zeit sparen“, das funktioniert sowieso nicht.  

Was bedeutet „Vielfalt der Zeiten“?

Das heißt viele Qualitäten. Und produktive Zeiten. Denn es gibt keine unproduktive Zeit.

„Zeit verbringen“ – mögen Sie diesen Ausdruck?

Hm. Das hat so was Vergegenständlichendes. Aber wenn es bedeutet, dass man seine Zeit mit Leben ausfüllt, dann… ja, ich mag den Ausdruck.  

Als Zeitforscher kann man Sie sozusagen als „Zeitexperten“ bezeichnen. Wo und wann scheitern Sie selbst ab und zu in der Praxis daran, Ihr Zeitmanagement-Ideal zu verwirklichen?

Oh, da gibt es genug Situationen. Erkenntnisse zu gewinnen ist ja etwas ganz anderes als sie in die Praxis umzusetzen. Ich bin auch ab und zu gehetzt und im Stress, wenn ich meine Zeit falsch organisiere.  

Sie haben in München studiert. Der Volksmund behauptet ja: „in Bayern gehen die Uhren anders.“ In Ihrer Eigenschaft als Zeitforscher, stimmt das so (noch)?

(lacht) Ja, das hätten sie gern, die Bayern. Nein, das heißt, vielleicht leben sie die Zeit ein bisschen anders. Es gibt schon einen Zusammenhang zwischen Geographie und Zeitverhalten. In ländlichen Gegenden lebt man, vor allem in der Landwirtschaft, mehr noch nach den Naturzeiten, nach dem Wetter. In industriellen Zentren dagegen und in Städten richtet man sich dagegen hauptsächlich nach der Uhr. Aber Bayern ist ja auch nicht gleich Bayern.  

Hat also jeder Ort seine eigene Zeit?

Ja. Wir sprechen auch von sogenannten „Timeskapes“, also Zeitlandschaften. Da geht es darum, herauszufinden, was Landschaft mit Zeit zu tun hat.  

Auch wenn Sie Halle noch nicht kennen – als vorausschauender Saalestadt-Besucher: Wofür lohnt es sich, sich in Halle „Zeit zu nehmen“? Haben Sie diesbezüglich ein paar gute Vorsätze für Ihren Besuch am 29. März?

Meine Frau war schon in Halle und ihr hat es sehr gut gefallen. Als Pädagoge interessieren mich natürlich die Frankeschen Stiftungen, wo ich ja auch meinen Vortrag halten werde. Das scheint mir eine spannende Einrichtung zu sein. Ich freue mich darauf, dort Leute zu treffen und mich mit ihnen zu unterhalten. Dann möchte ich noch nach Merseburg und mir ein paar Kirchen anschauen… sozusagen auf den Spuren vergangener Zeiten wandeln.

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Zeit, Herr Geißler.
(Barbara Wolf, Kulturfalter Monat Jahr)

 

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