Ich kann mir gut vorstellen, hier zu arbeiten

Wim Wenders war im Dezember 2008 in Halle (Foto: Peter Lindbergh 2015)

Auf prominenten Besuch freute sich Ende Dezember das Mitteldeutsche Multimediazentrum. Zur Premiere seines Filmes "Palermo Shooting" und zum Start der neuen Veranstaltungsreihe "Panorama-Filmgespräche" im MMZ weilte kein Geringerer als Wim Wenders in Halle. Wie der Regisseur vor der Vorstellung verriet, handelt es sich um einen sehr kontroversen, interaktiven und gleichzeitig seinen persönlichsten Film. Im Film geht es um den Fotografen Finn, gespielt von Campino, dem Sänger der Toten Hosen, der als erfolgreicher Künstler und Modefotograf in seiner eigenen schnelllebigen Welt lebt. Finn schottet sich permanent durch seinen MP3-Player von seiner Umwelt ab und lebt ein Leben ohne Zeit und ohne menschliche Bindungen. In dieses Leben treten zwei Personen, nämlich der Tod, gespielt von Dennis Hopper und die schöne Flavia (Giovanna Mezzogiorno). Beide verändern das Leben des Shootingstars grundsätzlich und es entsteht ein romantischer Thriller um Leben und Tod und um die Erlösung in der Liebe.

Wie der Film entstand, warum Campino die Hauptrolle spielt, wie viel von Wim Wenders in einem Kinofilm steckt, und warum er öfter in Halle sein könnte, verriet der Regisseur im anschließenden Publikumsgespräch und in einem Interview mit Kulturfalter.

Frage aus dem Publikum: Was hat der Tod mit Fotografie zu tun?

Wim Wenders: Der Tod hat in jedem Foto praktisch seine Finger im Spiel. Man muss nur einmal durch das Familienalbum schauen, um zu wissen, wie intensiv der Tod im Akt des Fotografierens anwesend ist. Er erscheint praktisch immer im Foto, weil das Foto meistens den Fotografierten und den Fotografen überlebt. Da war es für den Tod immer sehr einfach, bei den Menschen präsent zu sein. Aber die Einmaligkeit des Fotos ist, so wie Finn arbeitet, mit der Digitalisierung verschwunden. So fängt der Tod an, aus dem Bewusstsein der Menschen zu verschwinden. Die Menschen können ihn austricksen, doch der Tod hat sehr an der Fotografie gehangen und er beklagt sich darüber.

Frage aus dem Publikum: Der Tod manipuliert zum Schluss doch selber, in dem er sich verwandelt?

Natürlich will er sich nicht fotografieren lassen und veräppelt Finn. Er verändert auch schon vorher in anderen Szenen sein Gesicht. Dadurch erreicht er, dass Finn aufwacht. Finn wacht auf, wacht eigentlich auch aus allen seinen Träumen auf und sieht zum ersten Mal seine Umwelt. Er landet so schließlich im Leben.

Wolfgang Burkhart (Betreiber Luxkino): Wie beim Fotografieren  ist bei den Filmemachern die Digitalisierung auch fortgeschritten. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Das Kino hat sich das, was wir heute machen können schon immer gewünscht. Das Kino hat über 100 Jahre alles genutzt, was es an Technik gab, um zu flunkern, dass die Schwarte kracht. Kino hat es immer sehr geliebt zu zeigen, was es noch nicht gibt und zu zeigen, was man nicht sehen kann. Das ist und war die Ambition des Kinos. Insofern ist die Digitalisierung für das Kino ein Fest.

Wolfgang Burkhart: Geht da nicht das Handwerkliche verloren?

Nein, es gibt mehr als vorher. Das Handwerkliche geht nie verloren. Ein paar Handwerke sehen vielleicht anders aus. Ein Kameramann muss auch mit digitalem Werkzeug etwas von Licht verstehen und auch am elektronischen Schneidetisch muss der Cutter etwas von Bewegung verstehen. Ich denke eher, dass die Handwerker noch mehr gefordert sind und es werden immer mehr Handwerke im Filmbereich. Vieles wird einfacher und doch komplexer. Demnächst wird es noch komplexer, wenn die dritte Dimension ins Spiel kommt. Das wird noch einmal eine echte Revolution, an der jetzt gearbeitet wird. Ich denke, dass uns das digitale Kino voranbringt.

Kulturfalter: Inwiefern ist in dem Film etwas autobiografisch?

Biografisch ist bestimmt das eine oder andere, aber es nicht autobiografischer als jedes andere Leben. Denn die Zeitkrankheit, an der Finn leidet, nämlich dass er keine Zeit hat, kenne ich von mir sehr gut, aber jeder kennt diese Typen. Die Typen, die weder im Zug, noch im Flieger richtig da sind. Sie sind überfordert und überbeschleunigt. Von dieser Zeitkrankheit wollte ich erzählen. Deswegen habe ich auch einen Fotografen genommen, weil ich denke, dass Fotografen in dieser Beziehung an vorderster Front sind. Sie haben als erste die Digitalisierung im eigenen Beruf erfahren und mir kommt es so vor, als könnte man an den Fotografen als erstes sehen, wie es uns allen demnächst gehen wird.

Kulturfalter: Warum wurde der Film in Düsseldorf und in Palermo gedreht?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Nachdem ich mit meiner Familie aus den USA wieder nach Deutschland gezogen bin, wollte ich hier auch wieder einen Film machen. Düsseldorf bot sich nicht nur an, weil ich dort geboren bin. Es ist ein Mekka der Fotografen und man spricht nicht umsonst von der Düsseldorfer Schule. Außerdem war es schon lange ein Wunschtraum von mir, auf den Rheinwiesen zu drehen.
Palermo habe ich ursprünglich gewählt, um eine möglichst hohe Fallhöhe zu erreichen. Palermo ist ja das Havanna Europas. Erst als wir vor Ort waren, haben wir gemerkt, wie viel die Stadt zu erzählen hat. Und schließlich hat uns die Stadt gut die Hälfte des Filmes geschrieben.

Frage aus dem Publikum: Wie kommt es, dass Campino die Hauptrolle spielt?

Ich kannte Campino als Musiker und Schauspieler, seit ich damals das Video zu „Warum werde ich nicht satt“ für die Toten Hosen gedreht habe. Der Song ist dem Film auch thematisch nahe. Campino hat alles, was ein guter Schauspieler braucht – eine große Präsenz und Intelligenz. Ich suchte jemand, der sich nicht auf sein Handwerkszeug verlassen konnte und sich deswegen voll auf die Rolle einlassen muss, um sie zu spielen. Da war Campino als Schauspieler naheliegend.

Frage aus dem Publikum: Die Musik spielt in dem Film eine große Rolle, haben Sie die selber ausgewählt?

Musik war ganz wichtig, nicht nur weil der Finn über seine Kopfhörer Musik anders hört, als sie im Film normalerweise vorkommt. Finn läuft mit seinem eigenen Soundtrack herum und da konnte man endlich mal die Musik laut machen. Das geht sonst nicht. Aber Musik hat auch sonst eine wichtige Funktion bei der Konzeption des Filmes gespielt. Als ich die ersten Ideen zu dem Film hatte und mit vielen Freunden darüber geredet habe, meinten viele: „Mach das nicht“. Ein Film über den Tod ist in der Kinowelt das größte Tabu, deswegen gibt es auch nur so wenig Filme mit dem Tod. Im Theater, in Büchern oder der Musik ist der Tod viel präsenter. Das hat mich gewurmt, dass dies so schwierig sein soll. Dann habe ich gemerkt, wie präsent der Tod im Blues und Rock`n Roll ist und wie viele Songs es gibt, die damit ganz lässig umgehen und ohne Berührungsängste davon erzählen. Da habe ich beschlossen: „Ich mache das auch so. Ich mache den Film wie einen Rock`n Roll Song.“ Viele Songs, die ich zu dem Thema gehört habe, habe ich dann auch im Film verwendet, wie zum Beispiel den Song von Lou Reed.

Kulturfalter: Im Film gibt es eine Traumszene, in der Finn einen Unfall hat. In dieser sieht man, wie in jedem Actionfilm, ein rollendes Rad neben dem Unfallauto. Muss man als Filmemacher dieses Filmzitat bringen, weil es erwartet wird?

Es war wie gesagt ein eingebildeter Crash, der zeigt, wie es gewesen wäre. Da es nur Einbildung war, durfte auch das Rad vorkommen. Aber wäre es real, dann wäre bestimmt kein rollendes Rad zu sehen gewesen. In der Vorstellung ist es aber ganz Ok, so ein Klischee zu bedienen.

Kulturfalter: Was ist mit der Mutter? Sie ist tot und taucht im Film immer als "Übermutter" auf, aber man erfährt nichts. Ist dies ein interaktives Element, mit dem sich jeder auseinandersetzen kann?

(langes Schweigen) Ja ein bisschen ist es schon so. Finn brauchte eine Biografie, die funktioniert. In unserer gedachten Biografie ist ihr Tod zwei bis drei Jahre her, und wie so oft kommt die Realisierung erst zwei oder drei Jahre später. In unserer Biografie hat er nur mit seiner Mutter gelebt und der Vater hat sich davon gemacht. Die Mutter ist seine große Bezugsperson. Ihr Tod ist ihm nahe gegangen, aber er hat versucht den Tod aus dem Leben zu drängen, deswegen hat der Tod auch am Schluss das Gesicht seiner Mutter.

Kulturfalter: Sie sind auf Einladung des Multimediazentrums hier. Wurde der Film hier im Tonstudio bearbeitet?

Ich bin tatsächlich nur auf Grund der Einladung hier und habe mir das Ganze einmal angeschaut, aber gearbeitet habe ich hier tatsächlich noch nie. Es ist auch mein erster Besuch in Halle.

Kulturfalter: Können sie es sich vorstellen, hier in Zukunft zu arbeiten?

Ich kann mir gut vorstellen, hier zu arbeiten. Das Tonstudio ist hervorragend. Ich weiß nicht, wie viele solche Tonstudios es in Deutschland gibt, aber es sind bestimmt nicht viele. Es hat diese Auszeichnung von Dolby (Anm. der Red.: Dolby Premier Studio License) und es ist wirklich groß, was auch nicht selbstverständlich ist. Also mal schauen. Ich denke schon.

Herr Wenders, Vielen Dank für das Gespräch.
(Martin Große, Kulturfalter)