Interview mit Jonas Schütte - Volksbühne am Kaulenberge

Aufbruchsstimmung in der freien Theaterszene Nachdem das Theater Mandroschke geschlossen wurde, sah es einige Jahre recht trübe für die freie Theaterszene in Halle aus. Der eklatante Mangel an Spielstätten trat nun offen zu Tage. Glücklicherweise steckten aber die Macher der freien Szene nicht den Kopf in den Sand, sondern packten fleißig an. Und siehe da, auf einmal sprießen Spielstätten wie Pilze aus dem Boden und machen der Kulturhauptstadt Sachsen-Anhalt alle Ehre. Nach dem WuK-Theaterquartier, entstand die Volksbühne am Kaulenberg und im April öffnet die freie Spielstätte. Kulturfalter Redakteur Martin Große sprach mit Jonas Schütte von der Volksbühne sowie Oliver Rank und Alexander Terhorst von der freien Spielstätte.

Jonas, wie entstand die Idee zur Gründung der Volksbühne?

Ich habe privat eine neue Wohnung gesucht und als ich diese Räumlichkeiten gesehen habe, dachte ich mir ‚Oh da könnte man ein Theater draus machen.‘ Daraufhin habe ich die Vermieter gefragt, ob die damit einverstanden wären. Zum Glück haben sie ‚ja‘ gesagt. Den Traum ein eigenes Theater zu haben, habe ich aber schon länger.

Das heißt, du bist in der Volksbühne Schauspieler, Intendant, Booker und Techniker in einem?

(lacht) Ich glaube Intendant bin ich nicht, weil das bedeutet, dass man von öffentlicher Hand bestimmt worden ist, dass bin ich nicht. Aber ich bin Oberspielleiter, Booker, KBB (künstlerisches Betriebsbüro), die Öffentlichkeitsarbeit, die Putzfrau und der Bühnentechniker.



Die Leute kommen also zu Dir ins Wohnzimmer - kann man das so sagen?

Ja das stimmt. Ich eröffne so auch meine Veranstaltungen: `Herzlich Willkommen in meinem Wohnzimmer, auch bekannt als Volksbühne am Kaulenberg`.

Aber nochmal kurz von vorn, Wie kam alles?

Ich bin im April 2018 eingezogen. Im Sommer habe ich dann die ersten Sachen ausprobiert. Es gab vier Veranstaltungen, da habe ich geschaut, was passiert, wenn hier Publikumsverkehr ist. Dabei habe ich gesehen: ‚Ok hier müssen Vorhänge hin.‘, ‚Da muss ein Tanzboden hin.‘ und Lichttechnik wurde eingebaut - solche Sachen. Am 8. Dezember war die Eröffnung. Jetzt gibt es einen Spielplan mit Veranstaltungen an fast jedem Wochenende bis Ende Mai.

Was erwartet die Besucher?

Zu allererst gibt es hier eine gemütliche Atmosphäre. Dann geht es mir darum Sachen zu machen in denen eine Geschichte erzählt wird. Wichtig ist mir, dass es professionelles Theater ist, auch wenn es kleine Formate sind. Ich möchte experimentierfreudig sein. Ein passender Begriff ist vielleicht ‚Nahkunst‘. Zum Beispiel ‚Dein Kaiser‘ unsere erste eigene Premiere wird 90 Minuten lang ein totalitäres Regime sein, bei dem man mit Kauf der Karte auch seine demokratische Grundrechte aufgibt. Oder ,Tür auf Tür zu‘ von Ingrid Lausund ist sehr abstraktes Theater. Ich selber werde ein neues Klassikersolo spielen – ‚Faust‘ als Solostück. Man kann hier viele Sachen anders machen als in größeren Räumen. Das Publikum ist nah dran, deswegen kann man gut leise Töne sprechen, die anderswo einfach verloren gehen.



Wie findest du die Künstler oder die Künstler dich?

Da kommen die Eigenheiten der Theaterwelt zum Tragen. Zum einen ist die wahnsinnig groß, aber dann doch sehr klein. Also es spricht sich rum. Außerdem verbringen viele meiner Kollegen viel Zeit damit zu warten, bis sie etwas angeboten bekommen. Meine Bühne ist Aufforderung an sie: `Macht doch selber mal was, anstatt immer zu warten.` Bei musikalischen Sachen ist es so, dass man sich gegenseitig was empfiehlt. Dann gibt es Leute, wie Jakob Heymann, der sucht genau solche Räumlichkeiten. Hingegen ein ‚Käptn Peng‘ würde nie hier her kommen, weil ihm das einfach zu klein ist.

Jetzt finden die Veranstaltungen wirklich bei dir im Wohnzimmer statt. Hast du nicht Angst davor, dass es dir eines Tages zu viel wird, wenn du hier jedes WochenendePublikum hast?

Ich glaube wenn es soweit ist, dass hier so viel los, dann kann ich auch jemanden beauftragen, der hier unten dann sauber macht und zuschließt. Davon abgesehen, kann ich aber auch dreimal in der Woche auf der Bühne stehen. Das ist totaler Luxus, das hat mir noch nie ein Theater geboten.

Welche Rolle spielt der Kauli e.V.?

Der Verein ist ein eigener Produzent. Das richtet sich zum Beispiel an die wartenden Schauspieler. Der Verein hilft bei Antragsstellung, macht Produktionsleitung und stellt Infrastruktur für Schauspieler zur Verfügung. Ziel der Vereinsproduktionen ist es auch die Schauspieler für ihre Arbeit zu entlohnen.

Lieber Jonas, vielen Dank für das Gespräch.