Wissenschaftshistorisches Seminar der Leopoldina

Vortrag im Wissenschaftshistorischen Seminar von Helge Wendt (Jena): Kohle jenseits von Energie: Sozio-epistemische Szenarien stofflicher Ausbeute in Krisenzeiten Anfang des 20. Jahrhunderts In diesem Vortrag wird die Nutzung von Kohleabfällen besonders in der Baustoffindustrie, der chemischen Industrie und dem Transportwesen Frankreichs und Deutschlands in der Zwischenkriegszeit untersucht. In dieser von Kohleknappheit geprägten Zeit gewann neben der energetischen Nutzung der Kohle auch ihre so genannte rationelle stoffliche Verwertung in Form von Kohleresten, Feuerungsrückständen und anderen Abfallstoffen an Bedeutung. Eine zentrale Rolle spielten dabei Abfallstoffe wie Teere, Schlacken und Aschen, aus denen verschiedene Industriezweige mithilfe technischer Innovationen neue Materialien herstellten. Im Mittelpunkt stehen die institutionellen und technischen Rahmenbedingungen, wie sie sich vom Ersten Weltkrieg bis in die 1930er Jahre herausbildeten. Diese Entwicklungen vollzogen sich in einem näher zu skizzierenden Kontext sozialer, wirtschaftlicher und politischer Erwartungen, Planungen und Entwicklungshorizonte. Vorstellungen von rationeller Ressourcennutzung und technischer Innovation verbanden sich mit dabei mit weitgehenden Entwürfen zur Gestaltung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung in Frankreich und Deutschland. In diesen Sinnen stellten sie sozio-epistemische Szenarien stofflicher Ausbeute der Kohle dar, die trotz der Gegnerschaft beider Länder, sich als wechselseitige Beobachtungen zeigen. Besonders deutlich wird dies im Bereich der jeweiligen industriellen und technischen Entwicklungen bei der Umwandlung von Kohleabfällen in nutzbare Materialien. Der Vortrag beleuchtet die Bemühungen sowohl der Regierungen beider Länder als auch von Ingenieuren und Architekten, diese Entwicklung durch die Schaffung neuer Institutionen zu fördern und entscheidende Impulse zu setzen. Der Vortrag speist sich aus Recherchearbeit in französischen und deutschen Archiven, und baut auf noch nicht veröffentlichten Studien auf. Helge Wendt ist der Koordinator des Projekts "Deliberation Agora" an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und dem Max-Planck-Institut für Geoanthropologie. Er ist zudem Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich auf die Wissensgeschichte der Steinkohle und Rohstoffe in der Frühen Neuzeit. Im Jahr 2023 habilitierte er sich mit der Arbeit "Kohlezeit. Eine Wissens- und Globalgeschichte der Steinkohle (1500-1900)" (erschienen bei Campus 2022). Es laden Sie herzlich ein: Christina Brandt ML, Bettina Hitzer, Friedrich Steinle ML, Danny Weber und Renko Geffarth ML = Mitglied der Leopoldina

https://www.leopoldina.org/ergebnisse-und-termine/veranstaltungen/detail/kohle-jenseits-von-energie-sozio-epistemische-szenarien-stofflicher-ausbeute-in-krisenzeiten-anfang-des-20-jahrhunderts



Leopoldina-Zentrum für Wissenschaftsforschung, Emil-Abderhalden-Straße 36, Tel. 0345 - 47 239 - 115 www.leopoldina.org/ueber-uns/zentrum-fuer-wissenschaftsforschung/
Lesesaal

12.01.2027: 18.00 bis 20.00 Uhr
  • freier Eintritt

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