Die Schutzbefohlenen, (Foto: © Falk Wenzel)

Die Schutzbefohlenen

1785 stellte der Philosoph Immanuel Kant der Welt seinen kategorischen Imperativ vor, einen Grundsatz für gerechtes Handeln, nach dem man nur das tun soll, was gleichermaßen als Gesetz gelten könne. 230 Jahre später, im sogenannten Flüchtlingsjahr 2015, tat Kanzlerin Angela Merkel genau das. Sie folgte einem moralischen Imperativ und antwortete auf die erbärmlichen Lebensbedingungen festgesetzter Flüchtlinge mit humanitärer Großzügigkeit. Doch ihre menschenfreundliche Asylpolitik stieß nicht überall auf Gegenliebe und ist in Zeiten ängstlich-nationalistischer Abschottungstendenzen als Richtlinie schwer zu halten. Das zeigen aktuell die verheerenden Zustände an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei. Flüchtlinge werden hier zu politischer Verhandlungsmasse und Angriffsziel wütender Einwohner. Gegen diese Realität schrieb die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek bereits 2012 an. In ihrem Text »Die Schutzbefohlenen« leitet sie aus konkreten Ereignissen die grundsätzliche Frage an unsere Wohlstandsgesellschaft ab: Wie kann ein System humanistischer Ideale gleichzeitig ein System der Ausgrenzung sein? Noch unumwundener tragen die Stimmen der »Schutzbefohlenen« selbst ihr Schicksal an uns heran. Sie haben ihre Familien im Krieg verloren, sie sitzen in Schlauchbooten, Lastwägen und Auffanglagern fest. Doch egal, auf wieviel erlebtes Elend sie sich beziehen, sie werden an den Grenzen und Häfen Europas zurückgewiesen.

Elfriede Jelinek schlüpft zwischen Klage und Kalauer abwechselnd in die Schwimmwesten der Fliehenden und in die weißen Westen der Besitzstandswahrer. Fluchtströme und Wortströme fließen dabei ineinander und umspülen das Unbehagen, mit dem wir der Not anderer im Alltag begegnen.

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