Wir werden den Ratten aufs Haupt hauen

Der ehemalige Pfarrer der Georgenkirche in Halle Hans Hanewinckel und Kulturfalterredakteurin Elisa Dziubiel im Gespräch. (Foto: Martin Große)

Am 9. November jährte sich der Tag des Mauerfalls zum 25. Mal. Allerorten wurde dieses wichtigen deutschen Tages gedacht. Ein Rückblick jagte den nächsten und am 9. Oktober 2014 wurde in Leipzig mit einem Lichterfest der großen Demonstration gedacht, die heute als der Durchbruch für das fortan friedliche Demonstrieren gilt. Der 9. Oktober 1989 ist der Tag, an dem die Staatsmacht der DDR vor dem Volk kapitulierte. Doch das war nicht überall so. Während in Leipzig die Knüppel schwiegen, wurden sie in Halle geschwungen, und die "Chinesische Lösung" galt bei den lokalen SED-Machthabern als der Weg, den es zu beschreiten galt.

Nicht nur infolge dieser brutalen Machtdemonstration seitens des Staates, beschlossen vor 25 Jahren Bürger aus Halle, wie der damalige Pfarrer der Georgengemeinde Hans Hanewickel, eine Mahnwache an der Georgenkirche in Halle einzurichten. Diese Mahnwache wurde in Halle zum Sinnbild der Friedlichen Revolution. Aus dem gegebenen Anlass bat Kulturfalter Hans Hanewinckel und die Studentin Elisa Dziubiel, die ein Jahr nach dem Mauerfall geboren wurde, zu einem Gespräch über Mahnwache, Mauerfall und die Geschehnisse in Halle. Lesen Sie im folgenden das komplette Gespräch zwischen Hans Hanewinckel, Elisa Dziubiel und Kulturfalterredakteur Martin Große.

Kulturfalter: Herr Hanewinckel, können Sie kurz eine kleine Einführung über die Mahnwache in der Georgenkirche geben?

Hans Hanewinckel: Da muss ich ein wenig ausholen, bevor ich zu den Ereignissen vom 9. Oktober komme. Bereits seit 1981 gab es in Halle die jährlichen Friedensdekaden, wie auch in anderen Städten der DDR. Aus dieser Friedensarbeit heraus entwickelten sich viele kirchliche Gruppen, wie die Friedensgruppe, die Öko-Gruppe etc., und es gab bereits viele Jahre unter dem Dach der Kirche ein brisantes, aktives politisches Leben, an dem alle teilnahmen, die nicht angepasst waren, die unzufrieden waren und die etwas verändern wollten. Ein Teil der Friedensdekade waren seit 1981 die Brücken-Gottesdienste, wo Gemeinden bzw. Kirchen durch einen Weg über die Straßen verbunden wurden. Man mag es Prozession oder Demonstration nennen. Für uns war wichtig zu zeigen, dass die Stadt nicht nur "denen" gehört, sondern uns Bürgern. Ein anderer Punkt war die Georgenkirche, die immer mehr zerfel und 1985 gesprengt werden sollte. Das war für uns als Gemeinde der Punkt, wo wir sagten: "Die Kirche soll wieder stehen", aber dazu mußten wir widerstehen. Die Schäden sind ja nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden verursacht von einem gesellschaftlichen System, das verhindert hat, dass Bauschäden repariert wurden.

Die sichtbaren Wunden an der Kirche wiesen hin auf die unsichtbaren Wunden in der Gesellschaft. Dieser Widerstand hat Menschen Mut gemacht. Doch zurück zur Mahnwache. Wir hatten zur ersten Montagsdemonstration in Halle eingeladen, weil wir dachten, wir müssen hier unsere Hausaufgaben machen. Bis dahin sind viele zum Demonstrieren nach Leipzig gefahren. Am 9. Oktober wollten wir in Halle für die Inhaftierten in Halle, Leipzig, Dresden und anderswo und für das Hierbleiben und für Reformen demonstrieren: Schweigend, sitzend, mit Kerzen und Blumen. Am 9. Oktober besetzten dann seit 14 Uhr Dreiergruppen der Staatssicherheit alle Zugänge zum Marktplatz. Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei standen in allen Zugangsstraßen. Mehrere Hundert Polizisten, bewaffnet und mit Schlagstöcken ausgerüstet, Polizeihundestaffeln, eine Hundertschaft Betriebskampfgruppen in Zivil sowie über Hundert Mitarbeiter des MfS beherrschten das Bild. Wer jetzt noch auf den Markt ging, brauchte Mut. Später erfuhren wir, dass die Soldaten der Armee, die zum Glück nicht zum Einsatz kamen, mit je 300 Schuss scharfer Munition ausgerüstet waren.

Am Abend, etwa zur gleichen Zeit, als aus Leipzig die Nachricht kam, dass dort alles friedlich verlaufen sei, wurde in Halle geprügelt und zugeführt. Unser Ansinnen, die Marktkirche im Gewaltfalle als Schutzraum besonders für Frauen und Kinder zu nutzen, wurde durch die Polizei ad absurdum geführt. Die Polizeidoppelkette trennte die Demonstrierenden. Die im inneren Teil wurden in die Kirche getrieben und waren geschützt. Der andere Teil war draußen. Und dort wurde geknüppelt, festgenommen, gejagt, geschlagen und auf Lkws geworfen. Viele wurden in die Kaserne der Transportpolizei in Reideburg gesperrt, standen über Nacht an der Wand, in Fliegerstellung und durften nicht auf Toilette, geschweige denn jemanden anrufen. Da waren Minderjährige, Frauen und Männer, Kinder und Alte.

Dieses Unrecht wollten wir dem Staat nicht durchgehen lassen, nicht zulassen, das alles wie üblich unter den Teppich gekehrt und verschwiegen wurde. Die Mahnwache machte mit den Gedächtnisprotokollen öffentlich, wie dieser Staat gegen seine Bürger vorging.

Kulturfalter zu Elisa Dziubiel: Was wissen Sie über Begebenheiten in Halle, die Mahnwache in der Georgenkirche und die Demonstrationen?

Elisa Dziubiel: Ich weiß, dass es auch in Halle Montagsdemonstrationen gab und ich weiß, dass Mahnwachen abgehalten wurden. Das weiß ich aber nicht unbedingt nur aus dem Schulunterricht, sondern aus Erzählungen in meiner Familie. Das es schon 1981 Gottesdienste gab, war mir nichts bekannt. Auch die Georgenkirche ist mir aus den Erzählungen bekannt. Meine Eltern waren damals dort und haben Kerzen aufgestellt. Die Kirche versinnbildlicht für mich die friedliche Revolution in Halle.





Kulturfalter zu Herrn Hanewinckel: Wie waren die Reaktionen der Bevölkerung und auch der Staatsmacht?

Hans Hanewinckel: Es kamen viele Leute auf den Hof. Wir hatten da ein Zelt und Aufsteller, also Tafeln mit Informationen. Da die Zeitungen noch linientreu waren, erfuhr man hier, was wichtig war. Vor allem die langen Listen der DDR-weit Inhaftierten hingen aus. Oder Nachrichten, zum Beispiel darüber, dass Soldaten oder Betriebskampfgruppen ihren Einsatzbefehl verweigert hatten. Das machte Mut. Menschen aus Betrieben und Einrichtungen verfassten Resolutionen, die ausgehängt wurden. Es gab einen Gruß von Solidarnosz aus Polen. Die Menschen hatten ihre Sprache wiedergefunden. Sie sprachen sich frei. Wir waren ein Multiplikator für politisches Engagement. Hier trafen sich der Pumpenwerker und der Professor. Die kamen zwar aus unterschiedlichen Lebenswelten, aber nach wenigen Minuten waren beide an einem  gemeinsamen Punkt: "Ich will so nicht mehr weiter leben".

Kulturfalter: Und die Staatsmacht?

Hans Hanewinckel: In den ersten Tagen waren wir wie in einer Wagenburg umstellt von Polizeifahrzeugen und grünen Uniformen. Anfangs gab es Personenkontrollen bis Leibesvisitation für die, die zur Mahnwache kamen oder gingen. Einmal kam diese "Sonderformation der FDJ-Ordnungsgruppen", die waren politisch geschult und verhandelten draußen mit der Polizei. Dann kamen sie rein, einige zeigten uns ihrenen Schlagring, und dann haben sie Papiere abgerissen, die Kerzen ausgetreten und rempelten uns an. Die wollten uns in eine Schlägerei verwickeln, und dann hätte die Polizei einen Grund gehabt zur "Herstellung von Ordnung und Sicherheit" einzuschreiten. Einmal passierte das auch mit Faschotypen. Im Gegensatz zur Gewalt in diesen Tagen stehen die Bilder der folgenden Wochen, der große Wandel, als die Polizisten dann bei den Demos unsere Schärpen trugen mit der Aufschrift "Keine Gewalt", das war ein großes Gefühl.

Kulturfalter zu Elisa Dziubiel: Was wurde Ihnen in der Schule über die Stasi vermittelt?

Elisa Dziubiel: Die Stasi war eine staatliche Organisation, die den Staat unterstützt hat und sie hat den Machthabern zugespielt. Sie hat die Bevölkerung kontrolliert und überwacht, dass der Staat nicht durch Querdenker und Nonkonformisten von innen geschwächt wurde. Über die Methoden der Stasi haben wir in der Gedenkstätte „Roten Ochse“ viel gelernt. Dort hat man uns darüber berichtet, mit welchen Methoden die Stasi gearbeitet hat, dass z.B. Leute politisch verfolgt und gefangen genommen worden sind. Aber auch Überwachung spielte eine Rolle.

Kulturfalter: Ihre Familie wurde von der Stasi überwacht?

Elisa Dziubiel: Ja es wurden beispielsweise Pakete und Briefe geöffnet, weil wir  Anträge gestellt haben, um in den Westen zu fahren. Das allein war ja verdächtig und musste kontrolliert und überwacht werden.

Hier gehts zum zweiten Teil.