Diva in Grau. Halle und die Suche nach verlorener Zeit, Gegenwart und Zukunft

Städte sind vielfach metaphorisch durch Farben gekennzeichnet, historisch wie auch zeitgenössisch. Dies vermitteln eindrücklich literarische Beschreibungen. So sprach etwa Theodor Storm seine Heimatstadt Husum mit „Du graue Stadt am Meer“ an. Wernigerode nimmt gern die von Hermann Löns geprägte Formel „die bunte Stadt am Harz“ in Anspruch. Farbmetaphern finden sich nicht selten im Kontext von Diskursen um Modernität und Reform oder gar von Revolte. Die „Bunte Stadt“ als Teil seiner Architektur des Neuen Bauens entdeckt Magdeburg derzeit wieder. Die „Weiße Stadt“ von Tel Aviv ist UNESCO-Welterbe. Das Wien der 1920er galt als das „Rote“. Freiburg i. Br. gibt sich aktuell gern „grün“. Die Aufzählung ließe sich fortführen und weist auf die unterschiedlichen Halbwertszeiten derartiger Etikettierungen hin.

Auch Halle hat seine spezifische Farbsemantik. Im Mitteldeutschen Verlag erschien 1991 der Band „Diva in Grau. Häuser und Gesichter in Halle“. Er machte einem breiteren Publikum Aufnahmen der international renommierten Fotografin Helga Paris (*1938) aus den Jahren 1983-85 bekannt, die den desaströsen Zustand der Stadt offenlegten. SED-Funktionäre hatten deren Ausstellung in der Galerie Marktschlößchen 1986 und erneut 1987 zu verhindern gewusst, da die Diskrepanz zwischen offizieller Propaganda und Ist-zustand auf den Fotografien unübersehbar war. 1990 konnten die Bilder schließlich ausgestellt werden, der bereits für 1986 vorbereitete Katalog begleitete die Schau. Mit der Publikation von „Diva in Grau“ konnten die Fotos nun zusätzlich erinnert werden. Zudem enthielt der Band literarische Texte von Wilhelm Bartsch, Heinz Czechowski, Elke Erb, Jörg Kowalski, Christa Moog und Detlef Opitz. Gleichmaßen trafen beide den Zustand der Stadt und die Befindlichkeit vieler Bewohner mit einer solch poetischen Präzision, dass „Diva in Grau“ in der Folge zu einer viel zitierten Chiffre für die Stadt wurde, weit über das Lokale hinaus. Die Bezeichnung selbst geht auf den mit Mai 1990 datierten Text von Detlef Opitz (*1956) zurück, der 1991 außerdem in der Zeitschrift „neue deutsche literatur“ erschien.



Galt die Stadt Händels und Franckes mit Ende des Zweiten Weltkriegs als eine der in ihrer Substanz besterhaltenen Großstädte des vormaligen Deutschen Reiches, war sie zum Ende der DDR zum Synonym für Verfall und Tristesse geworden. Mit Erscheinen des Buches befanden sich Stadt und kommunale Akteure nunmehr inmitten einer rasanten gesellschaftlich-ökonomischen Transformationsdynamik, die Wege zur Rettung und Neugestaltung des historischen Stadtraums einerseits aufzeigte wie ebenso erschwerte. Für die vormals propagandistisch auch als „Rotes Halle“ titulierte Stadt setzte sich eine plausiblere Farbzuschreibung durch. Denn „Diva in Grau“ als ein nur scheinbares Paradox schien für diesen Schwebezustand die kongeniale Charakterisierung zu sein. Darin bilden Schmutz und Farblosigkeit zum einen sowie eine davon überschriebene strahlende Vergangenheit und Schönheit zum anderen gegensätzliche Pole aus, die sich in einer Ästhetik des Morbiden verbinden. Der städtische Organismus wird feminisiert, zugleich wird in dieser Personifi zierung der Charakter des Öffentlichen – keine Diva ohne Publikum – manifest, wobei das Gewicht auf den Wunden und Altersspuren der urbanen Physiognomie liegt. Als Ausgangsformel einer kollektiven Identitätssuche in Zeiten des Umbruchs war das treffend.

Eine bedeutende Rolle bei dieser Suche spielte ein kritisches Milieu aus Schriftstellern, Künstlern und Denkmalschützern, die einer lokalen Öffentlichkeit im weitgehenden Zustand der ‚Sprachlosigkeit‘ das Vokabular und die Perspektive für die Beschreibung und gleichsam Wiederentdeckung des städtischen Raumes lieferte. Dies wurde in den Folgejahren und bis in die Gegenwart in Teilen durchaus handlungsleitend für Sanierung und Stadtentwicklung.



Diese identifikatorische Erschließungsleistung ist auch deshalb hervorzuheben, da neben der Bausubstanz auch das Wissen um die reiche Vergangenheit Halles als Stadt von Handel, Universität, Residenz und Ausgangspunkt einer weltweiten pietistischen Mission vielfach brüchig geworden war, was nicht zuletzt im sozialstrukturellen Wandel der Stadt und ihrer „Entbürgerlichung“ nach 1949 begründet lag. Das Buch jedenfalls traf den Nerv der Zeit, seine erste Auflage war ebenso schnell vergriffen wie die zweite von 1992 und dritte des Jahres 1993. Es wirkte wohl auch deshalb auf viele Leser so bezwingend, weil es – wie im auf die Fotoserie zurückgehenden Untertitel „Häuser und Gesichter in Halle“ angezeigt – den vielfältigen Verbindungen zwischen dem physisch-materiellen Zustand der Stadt und der Mentalität ihrer Bewohner nachspürt.

Es geht gleichsam dem Zustandsverhältnis von gebautem Außenraum zu menschlichen ‚Innenräumen‘ und deren ‚Fassaden‘ nach. Dabei erhielt es bei aller sichtbaren tristezza den Glauben aufrecht, die Stadt besitze eine unzerstörbare Würde und könne doch wieder einmal lichtere Zeiten erleben. Als der Band 2006 im Jahr des Stadtjubiläums vom mdv neu aufgelegt wurde und die Fotografi en von Helga Paris in einer Ausstellung erneut zu sehen waren, hatte die Diva schon wieder Glitter aufgelegt.