Der Mittelstand erhält das Land

Das geflügelte Wort kursierte selbst in der DDR. Gerade der Mittelstand nahm in der sozialistischen Planwirtschaft der 1950er- und 1960er -Jahre eine besondere Rolle ein. Das zeigte sich zwar weniger in den Betriebs-, den Beschäftigten- oder den absoluten Produktionszahlen, sondern vielmehr in Ausmaß und Vielfalt der Produkte.

Flexibel, innovativ und engagiert lieferten kleine und mittlere Unternehmen eine große Palette verschiedenster Erzeugnisse in fast alle Bereiche der Volkswirtschaft. Sie leisteten einen zuverlässigen Beitrag bei der Versorgung der Bevölkerung, der Lieferung vorgefertigter Teile für die Industrie und den Export. Den privatwirtschaftlich organisierten mittelständischen Betrieben kam damit bis zur  Verstaatlichungswelle 1972 eine außerordentliche Bedeutung zu. Ein bislang wenig bekanntes Beispiel aus der halleschen Unternehmergeschichte soll hier vorgestellt werden.

Im Dezember 1945, nur wenige Monate nach Kriegsende, gründete der Kaufmann Hans-Joachim Wölfel gemeinsam mit seiner Familie ein kunstgewerbliches Geschäft. In Heimarbeit stellten die Ehefrau, der Bruder und der Schwiegervater verschiedenste Produkte in kleinen Serien her, z.B. Stricksachen, Holzeisenbahnen, aber auch Schmuck und Pergamentarbeiten. Ihre Waren boten sie in improvisierten Verkaufsräumen im „Schatzkästlein“ am Hansering an, dem „Haus für feine Geschenkartikel, Modewaren und Kunstgewerbe“. Alles lief gut und das Unternehmen wuchs. Im Herbst 1947 war das Geschäft mit einem Stand auf der Leipziger Messe vertreten. Im gleichen Jahr erschloss sich der Familienbetrieb mit dem Aufbau einer Reparatur-Werkstatt für Igelit-Schuhe ein neues Betätigungsfeld.

Igelit, ein in den Chemischen Werken von Bitterfeld und Buna produzierter Kunststoff (Weich-PVC), ersetzte in den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren das kaum zu beschaff ende Leder für die Schuh- und Bekleidungsindustrie. Auf geschäftlichem Erfolgskurs begann man mit dem Aufbau einer eigenen Produktion von Igelit-Schuhen. Damit wurde aus dem kunstgewerblichen Unternehmen ein Plasteverarbeitungsbetrieb. In einer Werbeanzeige von 1955 erschienen die Leistungen der „Kunstwerkstätten“: „Kunststoffe – Verarbeitung von Vinidur, Igelit und Polystyrol. Stanz-, Preß-, Spritz- und Spritzgußartikel“. Konkrete Artikel waren z.B. Einwegbecher für die Lebensmittelindustrie, Verpackungsmaterial für die Filmindustrie, Lampenschirme, Kachelwände (Verkleidungen), Bilderrahmen, Schuhablagen, Malpaletten, Schneidbretter, Spielzeug u.v.m. Zu den verbreitetsten Produkten zählten u.a. die beleuchteten TAXI-Schilder, die bis 1976 für die ganze DDR in einer hohen Stückzahl produziert wurden. 1966 arbeiteten in der „Fabrik technischer Zeugnisse und Verbrauchsartikel“ 125 Mitarbeiter. Mit 80 Prozent war der Frauenanteil hoch. In den 14 Betriebsteilen von Halle und dem Saalkreis, aber auch in Heimarbeit stellten die Beschäftigten über 1.000 verschiedene Artikel her.

Wichtig für die Firmengeschichte war, dass sich die Ingenieure und Techniker im Haus auch mit der Konstruktion und dem Bau von plasteverarbeitenden Maschinen beschäftigten. So kam die erste Eigenentwicklung, eine Vakuumtiefziehmaschine, nicht nur im eigenen Betrieb zum Einsatz, sondern wurde auch landesweit verkauft. Das Ende der Privatwirtschaft in der DDR vollzog sich in mehreren Wellen. Mit dem Ziel, die mittelständischen Unternehmen in „den sozialistischen Aufbau“ einzubinden und die Produktionsmittel zu vergesellschaften, griff der Staat landesweit in die Besitz- und Produktionsverhältnisse ein. So musste Wölfel 1958 eine staatliche Beteiligung an seiner Firma zulassen, sonst wären weiterer Produktionsausbau und Modernisierung unmöglich gewesen. Während der Firmengründer zwar weiterhin als Betriebsdirektor arbeitete, nahmen staatliche Organe administrativen Einfl uss auf die Produktion, z.B. durch die Steuerung von Krediten. Gleich den Volkseigenen Betrieben war das Unternehmen nun als Kommanditgesellschaft (KG) in das System der staatlichen Planung und Leitung eingebunden. Trotz dieser Beschränkungen gelang es, die Produktion aufrecht  zu halten und schwarze Zahlen zu schreiben. Diesem ersten Schritt zur Verstaatlichung folgte im Frühjahr 1972 das endgültige Aus. DDR-weit wurden innerhalb weniger Monate 11.000 private Mittel- und Kleinunternehmen in einem willkürlichen Akt verstaatlicht. Darunter befanden sich auch zahlreiche hallesche Firmen wie die halbstaatliche Wölfel KG. Am 1. Mai 1972 musste Wölfel einen Vertrag zur freiwilligen Enteignung unterschreiben. Aus dem Plastverarbeitungsbetrieb mit staatlicher Beteiligung wurde der VEB Plasttechnik Halle.

Nach dem Zusammenschluss mehrerer plasteverarbeitender Betriebe in der Region firmierte der Betrieb als VEB Germaplast Halle (1976). Mit dem Jahr 1989 ging die Verarbeitung von Kunststoff en in Halle zurück. Unter den Bedingungen der Marktwirtschaft waren die Produkte, aber auch die Maschinen nicht mehr konkurrenzfähig.

(Ute Fahrig, Kulturfalter Januar 2015)