Von „Gewaltfreiheit für unsere Stadt“ zu „Deutschland erwache“

Am Montag, dem 9. Oktober 1989, versammelten sich Hallenser und Hallenserinnen neben der Marktkirche, um die Montagsdemonstration in Leipzig zu unterstützen. Ein mitgeführtes Transparent wies auf das Anliegen der Demonstrierenden hin:

„Gewaltfrei widerstehen – Schweigen für Leipzig – Schweigen für Reformen – Schweigen fürs Hierbleiben“.

Diesem ersten öffentlichen Montagsprotest, auf den staatliche Sicherheitskräfte mit Gewalt und Zuführungen reagierten, folgten an den nächsten Montagen die von Woche zu Woche wachsenden Demonstrationen. Auch wenn diese Kundgebungen in der Zahl ihrer Teilnehmer und ihrer Größe mit Leipzig nicht vergleichbar sind, waren sie doch für Halle und Halle-Neustadt bedeutungsvoll. Der Reformprozess wurde in Gang gebracht und gefördert. Wichtige lokale Ereignisse und Entscheidungen hatten gerade in den Montagsdemonstrationen ihren Ursprung. Am darauffolgenden Montag, dem 16. Oktober, trafen sich etwa 1500 Menschen auf dem Markt. Bei dieser Demonstration wurde ein Transparent mit den Worten „Gewaltfreiheit für unsere Stadt“ getragen. Unter eben diesem Transparent hatten sich am Tag zuvor etwa 2000 Menschen in der Pauluskirche getroffen und diskutiert. Mit der Montagsdemonstration in der nächsten Woche begann die Zeit, in der eine Vielzahl von originellen Transparenten den Willen der Protestierenden ausdrückte. Am 30. Oktober wurden schon mehr als 50 Transparente gezählt.

Neben gesprochenen Losungen und Schildern waren die Transparente mit den Forderungen und Zielen der Demonstrierenden von Anfang an ein wichtiger Teil der Protestkultur. Sie konnten dabei sowohl Willensbekundung der Träger aber auch Spiegel der tagespolitischen Entwicklung sein. Zunächst fanden sich vor allem demokratische Forderungen auf den Transparenten wie Presse-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Demokratie oder freie Wahlen. Auch der Wunsch nach Reisefreiheit wie „Visafrei bis Shanghai“ oder „Reisegesetz-Entwurf ist nur Hinhaltetaktik“ wurde thematisiert. Mit zunehmendem Machtverlust der SED kamen direkte Rücktrittsforderungen an die Partei- und Staatsführung und ihrer Organe dazu wie „SED ade“, „Keine Alleinherrschaft mehr durch die SED“ oder „Stasi in die Volkswirtschaft“. Das Transparent „Für unser Land – DDR – Ohne Kohl, Schönhuber & Co“ bezog sich auf einen am 26. November 1989 in der Tagespresse veröffentlichten Aufruf.

Mit diesen Worten hatten sich Vertreter verschiedener reformorientierter und politischer Richtungen an die Öffentlichkeit gewandt und gegen einen sofortigen Anschluss an die BRD protestiert. Ein anderes Transparent forderte nachdrücklich: „DDR – BRD einig aber nicht vereinigt“ (Abb. 1). Doch auch Rufe nach einem Zusammengehen mit der BRD wurden lauter. Gemeinsam mit dem typografisch gestalteten Buchstabenwechsel „BR D DR – Konföderation Deutschland“ deuteten ähnliche Verlautbarungen auf anderen Transparenten die politische Entwicklung der nächsten Monate an. Der nun einsetzende Meinungswandel von „Wir sind das Volk“ zu „Deutschland erwache“ nahm das Ende der DDR voraus.

Zwar nicht von hohem künstlerischen Wert, zeugen die Transparente doch vom Einfallsreichtum, der Kreativität und dem Witz der Macher. So versuchten sich Laien in der Dichtkunst oder spielten mit den Worten und ihren Bedeutungen wie z.B. beim Transparent „Neues Forum JA – FORUM Scheck nein“. Das Transparent „Schluss mit der Böhmekratie“ forderte die Absetzung des Ersten Sekretärs der SED-Bezirksleitung Hans-Joachim Böhme. Wie eine Karikatur wirkt ein bildlich gestaltetes Transparent mit Regierungschef Egon Krenz als Fuchs im Zentrum (Abb. 2). Während der Fuchs triumphierend mit der rechten Hand auf eine Menschenschlange vor einer Bank zeigt, demonstriert in seinem Rücken eine kleine Zahl von Menschen unter Losungen wie „Wahlen“ und „Öko“. Sinnbildlich gesprochen wird die Öffnung der Grenze als ein listiger Schachzug ausgelegt und nur ein Häufchen Unentwegter fordert weiterhin Reformen und eine Umgestaltung der Gesellschaft.

(Ute Fahrig, Kulturfalter Oktober 2009)