Kunstpreis aus Neustadt? Oder: Wie vor 50 Jahren Kultur „gebaut“ wurde

"Städte machen Leute“ lautet der Titel einer Reportage, die 1969 im Mitteldeutschen Verlag Halle erschien und über das Leben in dem noch jungen Halle-Neustadt berichtet. Darin behandelt ein Autorenkollekiv die Frage, wie sich deren Einwohner die noch geschichtsarme Neubaustadt gesellschaftlich aneignen können. Ebenfalls 1969 wurde der Kunstpreis des Rates der Stadt Halle-Neustadt erstmals verliehen. Als Bestandteil der neuen kulturellen Identität der zwei Jahre zuvor mit dem Stadtrecht versehenen Großsiedlung sahen sich die Initiatoren des Kunstpreises mit einer ähnlichen Fragestellung konfrontiert: Wie etabliert sich ein Kunstpreis in einer Stadt, in der sich noch kein kulturelles Leben entwickelt hat? Letztendlich waren es die Autoren von „Städte machen Leute“ selbst, die aufgrund ihres Engagements für die neue Stadt als Preisträger geehrt wurden.

Zunächst musste jedoch ein Statut vom Rat der Stadt ausgearbeitet werden. Die Bedingungen für die Nominierung von Personen wurden durch die Abteilung Kultur beim Rat der Stadt beispielsweise in dem Heft „Kulturspiegel Halle-Neustadt“ verbreitet. Diesem ist zu entnehmen, dass mit dem Kunstpreis „Berufskünstler und Volkskunstschaffende sowie Bürger unserer Stadt, die sich hervorragende Verdienste bei der Förderung des geistig-kulturellen Lebens erworben haben“, ausgezeichnet werden sollten. Desweiteren heißt es darin, dass „gesellschaftliche Organisationen, Institute, Wohnbezirksausschüsse der Nationalen Front u.a.“ vorschlagsberechtigt waren. Diese Empfehlungen wurden in der Abteilung Kultur eingereicht. Im Anschluss bearbeitete eine Kommission dieser Abteilung die Vorschläge und versah sie mit einer entsprechenden Beurteilung. Abschließend wurde auf einer Sitzung des Rates der Stadt über die Preisträger abgestimmt. Die Verleihung fand zum ersten Mal am 7. Oktober 1969, anlässlich des 20. Jahrestages der DDR, statt. Dies geschah in einem Saal des Kulturkabinetts von Halle-Neustadt in der Kultureinrichtung „Treff “. Dort zeichneten Vertreter des Rates der Stadt die Preisträger aus.

Die alljährliche Vergabe des Kunstpreises am „Tag der Republik“ entwickelte sich zu einer Tradition in der jungen Stadt. Der Preis war nicht ausschließlich für Berufskünstler gedacht. Es genügt ein kurzer Einblick, um dessen Vielseitigkeit zu verdeutlichen. Wie erwähnt, wurde 1969 die Autorengruppe von „Städte machen Leute“, der u.a. die Schriftsteller Werner Bräunig und Jan Koplowitz sowie der Fotograf Gerald Große angehörten, mit dem Preis geehrt. 1973 waren es der Maler Wilhelm Schmied und der Bildhauer Gerhard Geyer, die mit der Auszeichnung bedacht wurden. Führten bei Schmied das Gemälde „Halle-Neustadt 1973“ (Abb. 1) und die Tätigkeit beim Verband Bildender Künstler zum Erhalt des Kunstpreises, so überzeugte Geyers Ausführung des bronzenen „Wissenschaftlerwürfels“ im Bildungszentrum von Halle-Neustadt. Auf der Seite der „Förderer des geistig-kulturellen Lebens“ sei der Kreisverband Halle-Neustadt des Philatelistenverbandes der DDR erwähnt. Dieser bekam den Kunstpreis im Jahr 1974 für sein Engagement beim Aufbau der Briefmarkenkunde in Halle-Neustadt. Mit dem Kabarett „Die Neuspötter“ erhielt 1979 ein Vertreter der darstellenden Kunst und des „Volkskunstschaffens“ diese Auszeichnung.

Neben einer öffentlichen Beglückwünschung mit Blumenstrauß und Urkunde sind den Preisträgern ein Geldbetrag – für Wilhelm Schmied und Gerhard Geyer lassen sich 2.000,– Mark nachweisen – und eine Medaille übergeben worden. Es existierten zwei Versionen der Kunstpreismedaille. Die frühere Ausführung geht auf einen 1967 angefertigten Entwurf des Künstlers Fritz Stein zurück. Ab 1976 wurde eine Variante des halleschen Bildhauers Gerhard Lichtenfeld umgesetzt (Abb. 2). Dieser orientierte sich bei seiner Medaille für Halle-Neustadt an dem von Gustav Weidanz 1953/54 geschaffenen Kunstpreis der Stadt Halle.

 

(Tobias Kühnel, Kulturfalter August 2014)