900 Jahre Stadtsingechor: Kurzer Rückblick einer langen Geschichte.

Foto: Denis Wege

Der Stadtsingechor Halle feiert 2016 sein 900-jähriges Jubiläum und bildet damit einen der ältesten Knabenchöre in Deutschland und ganz Europa. Seine bewegte Geschichte lässt sich bis ins 12. Jahrhundert zurückfolgen. Sie beginnt mit der Gründung des Klosters Neuwerk, dass der Erzbischof Adelgot bauen ließ: Als er eine glühende Egge im Himmel schweben sah, deutete er dies als Gotteszeichen – so lautet die Legende. Mit dem Kloster entstand das Augustiner-Chorherrenstift. Schon damals war der Chor mit Bildung eng verbunden, denn er war der erste seiner Art in Halle, dem das Schulrecht übertragen wurde und mit den eigenen Schülern für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste verantwortlich war. Jedoch erst 1565 bekam der Chor, nach seiner Integration in das neue lutherische Gymnasium, den Namen „Stadtsingechor“. So wurde für fast 250 Jahre das Stadtgymnasium die Heimat des Chors. Neben der Kirchenmusikpflege war eine andere wichtige Aufgabe des Chors das Straßensingen, was auch eine große Einnahmequelle darstellte.

Viele berühmte Musiker und Komponisten gehörten dem Chor an oder wurden in die Leitung berufen. So auch Samuel Scheidt, der einer der wichtigsten Komponisten des 17. Jahrhunderts war und den Stadtsingechor zwischen 1628 und 1630 leitete. 1692 zählte Georg Friedrich Händel zu den Schülern des Chors und zwischen 1746 und 1764 leitete der älteste Sohn Johannes Sebastian Bachs, der auch als Hallescher Bach bezeichnet wurde, den Stadtsingechor.

Einen großen Wandel erlebte der Chor 1808, als er nach Auflösung des lutherischen Gymnasiums den Franckeschen Stiftungen angegliedert wurde, wo er noch heute ansässig ist. Kurz danach übernahm Daniel Gottlob Türk, Universitäts-Musikdirektor und Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät, die Leitung des Stadtsingechors. Er unterstützte den Choralgesang und die kunstvolle mehrstimmige Kirchenmusik in den Kirchen der Stadt. Außerdem unterrichtete er den hochtalentierten Carl Loewe. Alle Schüler des Stadtsingechors wohnten in Türks Haus. Mit den öffentlichen Konzerten, die Türk leitete, und dem Straßensang bot der Chor die einzigen Kunstveranstaltungen in der Stadt, da Halle damals noch keine Kunstinstitutionen besaß.



In der Zeit des Nationalsozialismus veränderte sich das Profil des Chores; sowohl die enge Bindung an die Kirchen als auch das Singen geistlicher Musik auf den Straßen und in den Häusern der Stadt war den Machthabern suspekt. Erst mit Richard Doell, der nach dem 2. Weltkrieg mit dem Neuaufbau des Stadtsingechors beauftragt wurde, entstand der Chor um 1946 wieder neu. Auch während des Kalten Krieges gab es für den Chor schwere Zeiten: 1951 übernimmt der Dresdner Kirchenmusiker Alfred Zimmer das Chordirektorenamt, aber die geforderte Reduzierung des geistlichen Repertoires und Diskussionen um den Status und das Profil des Chores lassen ihn 1958 das Amt aufgeben. 1959 leitet der Komponist, Dirigent und Musikpädagoge Carlferdinand Zech den Chor, der nunmehr nur noch aus zehn Sängern besteht. 1968 wurde Dorothea Köhler Chordirektorin. Sie leitete den Chor länger als zwanzig Jahre und führte ihn nicht nur zu regionaler sondern auch zu internationaler Anerkennung. Seit 2014 hat Clemens Fläming die Leitung des Stadtsingechors inne. Neben seiner Chordirektorfunktion arbeitet der Tenorsolist als freier Mitarbeiter in verschiedenen professionellen Vokalensembles, wie z. B. dem Rundfunkchor Berlin.

Bis heute genießt der Stadtsingechor einen herausragenden internationalen Ruf. In den letzten Jahrzehnten gastierte er häufig im Ausland. So reiste er unter anderem nach Spanien, Ungarn, in die Schweiz, nach Großbritannien, Russland, China und in die USA. Die Pflege der geistlichen Chormusik steht immer im Zentrum der Chorarbeit. Außerdem singt der Chor regelmäßig bei den Händel-Festspielen Halle, in der Marktkirche Halle und im Merseburger Dom. Auch mit der Staatskapelle Halle arbeitet er eng zusammen.