Cornelia und die Reisen der Puppe - ein Porträt

Im Juni diesen Jahres feiert das Puppentheater Halle seinen 70. Geburtstag in Form einer imposanten Festwoche. Nach einem Interview im Januar mit Christoph Werner, dem Leiter der „Puppe“, und einem geschichtlichen Rückblick in der Februarausgabe, sprach Kulturfalterredakteur Sven Schneider nun mit einer ehemaligen Puppenspielerin.


Cornelia Geweniger war schon als Kind vom Theater fasziniert, in der Schule erprobte sie sich in einem Kurs für Kabarett und Schauspiel. Nach Abschluss der Schule bewarb sie sich an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig, bei der sie aber abgelehnt wurde. Kurioserweise bekam sie kurz danach auf Empfehlung der selbigen Hochschule eine Einladung der Puppenbühne Gera zum Vorsprechen. Sie fuhr sofort hin und bekam 1969 ein Engagement an diesem Theater. Ein Jahr später bewarb sie sich am Puppentheater Halle und wurde 1970 dort engagiert. In Vorbereitung für die staatliche Bühnenreifeprüfung als Puppenspielerin nahm sie 1971 an einem Theaterlehrgang der Bezirksakademie teil und bestand 1972 die Prüfung in Praxis und Theorie. Nun war Geweniger eine staatlich anerkannte Spielerin. Und so sollte es auch bleiben.

In den folgenden Jahren spielte Geweniger unterschiedlichste Rollen, die sie mit dem Ensemble mangels einer festen Spielstätte quer durch Halle und die ganze Republik spielte. Sie erinnert sich an eine Vorstellung in Rostock, wo sie das legendäre „Entchen“ spielten. Nach dem Stück kam ein kleiner Junge auf sie zu und fragte mit unverwechselbarem norddeutschen Akzent: „Geit dat Entchen elektrisch oder mit Hond?“
Das Puppentheater entwickelte nun auch kleine Inszenierungen für Erwachsene, die sie auf der Probebühne in der Thaliapassage spielten. Die Vorstellungen waren gut besucht, besonders von jungen Erwachsenen. Außerdem gastierten sie im osteuropäischen Ausland, unter anderem auf Festivals in Polen, Bulgarien, Rumänien und in der Tschechoslowakei.



Das hallesche Ensemble atmete auf, als sie 1981 nach vielen Wanderjahren endlich wieder eine feste Spielstätte hatten: das Gartenhaus im Mühlweg. Dort inszenierten sie unter anderem „Warten auf Godot“ und „Kieselchen“. Außerdem entwickelte Geweniger 1986 ihr erstes Soloprogramm für Kindergärten: „Reimen, Spinnen, Spielen“. Es folgten weitere Soloprogramme.

Die Premiere von „Kieselchen“ fand zeitgleich mit dem Mauerfall 1989 statt – dies war ein doppelter Grund zur Freude. Das Tor zur Freiheit war nun offen. Geweniger erzählt mit leuchtenden Augen von dieser Zeit, in der das Ensemble anfing, über die Grenzen hinaus auf Tour zu gehen.



Da war vor allem die Einladung nach Bielefeld im Jahre 1990, an die Geweniger sich noch lebhaft erinnert. Seit 1987 spielte das Ensemble in Halle das Kinderstück „Lucie und Karl-Heinz“ von Frank Zauleck unter anderem in Jugendklubs rauf und runter. Regie führte Gudrun Haefke, die Puppen spielten Geweniger und Thomas Biedermann – in offener Spielweise, wie man es vom halleschen Ensemble gewöhnt war.

Sie wurden von Hellmut Selje, dem Leiter der Bielefelder Puppenspiele eingeladen, das Stück „Lucie und Karl-Heinz“ auf ihrer Bühne zu präsentieren. Zu der Zeit war das Bielefelder Puppentheater sehr bedeutend in der Bundesrepublik Deutschland. Das hallesche Ensemble folgte gerne dieser Einladung und machte sich auf den Weg in den „Westen“. Sie wurden herzlich von der dortigen Belegschaft und Presse empfangen. Sechs Tage in Folge spielten sie das Stück für Kinder und Kulturinteressierte. Die Gäste waren beeindruckt, denn dort spielte man bisher nur mit Handpuppen und Spielleiste. Das hallesche Team erfuhr später, dass eine Besucherin, die offenbar die DDR vor der Wende verlassen hatte, die Inszenierung „Lucie und Karl-Heinz“ zuvor schon in einem halleschen Jugendklub mit ihrer Tochter gesehen hatte. Bei der Abreise bekamen sie von Hellmut Selje sogar einen VW Bus für das Theater geschenkt. Sie staunten allerdings nicht schlecht, als sie plötzlich auf der Autobahn den grauen Asphalt unter ihren Füßen durchs Blech schimmern sahen. Aber die Aufbruchsstimmung konnte nicht getrübt werden.

Mit der Inszenierung „Kieselchen“, in der Geweniger zwei Rollen spielte, gastierte das hallesche Ensemble im selben Jahr noch beim „5. Nationalen Festival“ in Erfurt und erhielt einen Spezialpreis für Ensembleleistung. Daraufhin wurden sie zu Festivals in München, Nürnberg, Erlangen und Kappeln eingeladen.

Aus wirtschaftlichen Gründen fusionierte das Ensemble 1991 mit dem in Halle ansässigen Kabarett „Die Kiebitzensteiner“. Damit eröffnete sich aber für Geweniger 1992 die Chance, neben dem Puppenspiel, in der Kabarettinszenierung „Hüben und Drüben“ ihr schauspielerisches Können unter Beweis stellen.

Nach dem das Puppentheater Halle 1994 seinen 40. Geburtstag gefeiert hatte, kündigte sich ein Leitungswechsel an: Christoph Werner übernahm 1995 die Spielleitung des Theaters und brachte sein Team aus Erfurt mit. Geweniger wurde nun eine Stelle als Regieassistentin angeboten, die sie gerne annahm. Somit blieb sie auch nach 25 Jahren Puppenspiel dem Ensemble treu. Es folgten spannende Jahre, in denen sie an vielen Inszenierungen, nun in anderer Funktion, mitwirken konnte. Dies waren unter anderem „Kannst du pfeifen, Johanna“ und „Die Werkstatt der Schmetterlinge“, mit der das neue Ensemble um die halbe Welt gereist ist. 2002 wechselte sie in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und arbeitete dort noch bis 2010. Seitdem ist sie Mitglied des Fördervereins, trifft sich bis heute mit ehemaligen Kolleginnen und besucht regelmäßig die Premieren. Ihr Herz schlägt nach wie vor für das Puppentheater.