Chor der Oper Halle, (Foto: © Bühnen Halle)

Brockes Passion

1678 eröffnet die Hamburger Oper am Gänsemarkt als erstes bürgerliches Theaterhaus im deutschen Sprachraum. Sie wird Anziehungspunkt für Musikschaffende aus ganz Europa und gleichsam prägender Entwicklungsort für die Opernpraxis des 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Auch Georg Friedrich Händel kommt 1703 als Musiker an die Alster. Wahrscheinlich spielt Händel im Orchester Geige oder Cembalo, als mit Der blutige und sterbende Jesus eines der ersten deutschsprachigen Oratorien aus der Feder seines Mentors Reinhard Keiser, selbst Komponist und Impresario der Gänsemarkt-Oper, in einer Hamburger Zuchthauskirche zur Uraufführung kommt. Ein mit den besten Sänger*innen der Stadt besetztes Skandalstück: Anstatt des wörtlichen Bibeltextes erklingt eine Versnachdichtung von Christian Friedrich Hunold, genannt Menantes. Die musikalische Ausgestaltung ist dermaßen affektgeladen, dass die das Oratorium vielmehr einer Oper gleicht.

Für Händels eigenes Oratorienschaffen ist diese Erfahrung überaus prägend. Er hat mit dem Verschmelzen von italienischer Oper, deutschem Passions-Oratorium und englischen Anthems das Genre neu interpretiert. Weltberühmt und in Konzertsälen wie Kirchen gleichermaßen zu Hause ist bis heute Händels Messiah (1742). Mit dem ungleich seltener gespieltem Oratorium *Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus* nach einem Text des Hamburger Ratsherren Barthold Hinrich Brockes knüpft Händel aber ganz unmittelbar an die Hamburger Oratorientradition an. Brockes veröffentlicht seine freie Nachdichtung der Passionsgeschichte Jesu erstmals 1712. Im selben Jahr wird das Werk in einer Komposition des Impresarios Keiser in der Privatwohnung des Ratsherrn als gesellschaftliches Großereignis uraufgeführt. Zahlreiche führende Komponisten der Zeit widmen sich – zumeist auf unmittelbare Einladung des Textdichters – der Brockes-Passion, neben Händel u. a. Georg Philipp Telemann und Johann Mattheson.

Händel und Brockes kennen sich bereits aus Halle, wo Brockes 1702 Jura und Philosophie studierte. In Hamburg sind beide erneut zusammengetroffen. Der Kompositionsauftrag von Brockes, der Händel zupasskam, da ihn gerade finanzielle Schwierigkeiten plagten, erreicht den Komponisten 1716, als er bereits sechs Jahre in London weilte. Es ist Händels einziges Oratorium mit einem deutschen Text und wird im März oder April 1719 im Speisesaal der Hamburger Domkirche unter Abwesenheit des Komponisten uraufgeführt.

Brockes Libretto bezieht sich im Besonderen auf die Matthäus-Passion. Den Evangelisten werden allegorische Figuren wie die „Tochter Zion“ oder eine „gläubige Seele“ zur Seite gestellt. Den Chören kommt eine große Bedeutung zu, damit entspricht er der deutschen Oratorientradition. Die Solist\*innen-Partien sind kunstvoll und affektreich gestaltet, sie sollen die Hörer*innen emotional berühren und zur eigenen religiösen Kontemplation anstiften. Heute ist gerade die affektive Kraft von Händels Oratorien für Theaterschaffende von Interesse, sodass zahlreiche geistliche Werke szenisch für die Bühne adaptiert werden

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