Buch einer Lesung eines Vortragenden
Buch einer Lesung eines Vortragenden, (Foto: © Xenia B., Pixelio)

Wortmeldungen eines Radikalskeptikers - Jan Philipp

Um seine Herkunft, seinen Wahnsinn und seinen Tod ranken sich abenteuerlichste Gerüchte. Er war einer der ersten freien Schriftsteller Deutschlands - und scheiterte schrecklich. Sein Werk ist extrem vielfältig und interessant. Mit Zensoren, Leipziger Professoren und Kathederphilosophen eckte er an. Kein Wunder, war er doch einer von Deutschlands radikalsten Denker, schärfsten Adelskritikern, radikalsten Agnostiker und einer der ersten Feministen. Zudem einer der provokantesten Literaturkritiker zwischen Lessing und Schlegel, einer der begabtesten Essayisten, vielgespielter - wenn auch mittelmäßiger - Dramatiker, und ein mehr denn begabter Romancier. Dazu Pädagoge, der im Rahmen seiner Anthropologie eigenständig die Ideen des Philanthropins weiter entwickelte, noch vor Moritz einer der ersten Psychologen Deutschlands und Verfasser einer großangelegten materialistischen Anthropologie - deren Fertigstellung mutmaßlich Zensur verbot. Weimar hat er nie besucht, über den Sturm und Drang machte er sich lustig, mit Wieland überwarf er sich, mit Platner und Campe brach er erbitterte Fehden los. König Friedrich den Großen beschied er auf seine De la Litterature Allemande gänzliche Unkenntnis der deutschen Literatur und schmetterte ihm eine Streitschrift entgegen, die das Motto trug: "Dans la république des lettres les opinions sont libres". Seine Streitlust brach ihm das Genick: Gellert, Wieland, Forster, Gleim, Hamann - alle die den ungemein begabten Querulanten befördert hatten, wendeten sich von ihm ab. Das hatte Folgen - am Ende seiner Schriftstellerlaufbahn wurde Wezel totgeschwiegen. Wezel hinterließ 8 Romane, 14 Lustspiele, zahlreiche Erzählungen sowie verschiedene psychologische, philosophische, pädagogische und kritische Schriften. Seine Werke wurden ins Niederländische, ins Französische und ins Russische übersetzt - und - selbstverständlich - raubgedruckt. Sein Tobias Knaut stand auf der Pflichtlektüreliste für Illuminaten. Er nahm Hegels Romantheorie vorweg, versuchte die Literaturkritik und die Literatur auf einen neuen Stand zu bringen, schrieb Hermann und Ulrike, Glanzstück des deutschen Bildungsromans neben Wielands Agathon und Goethes Wilhelm Meister. Wieland bezeichnete das Buch privat als den "besten deutschen Roman, der mir je zu Augen gekommen ist" - öffentlich äußerte er zum Buch des mit ihm zerstrittenen Wezel jedoch kein Wort. Der grundgescheute Antiquarius Georg von Maassen meinte, das Buch sei "der beste deutsche Bildungsroman der Zeit ... den hervorragensten Romanen der Weltliteratur an die Seite zu stellen". Arno Schmidt feierte ihn in grotesk-genialischer Verkürzung als "Schreckensmann". Nur knapp fünfzehn Jahre war Wezel schriftstellerisch tätig. Von zahlreichen Fehden zermürbt, von Zensoren und seiner zerrütteten Psyche verfolgt, zog er sich verarmt, verzweifelt und gebrochen nach gescheitertem Versuch, in Wien und Leipzig, Dessau oder Kassel eine Anstellung zu finden, in seine Geburtsstadt Sondershausen zurück. Noch fast dreißig Jahre lang wird er dort, zeitweise eingesperrt, in einer Kammer hausen; angeblich dem Wahnsinn verfallen. Ein brachialer Heilungsversuch des Homöopathie-Erfinders Samuel Hahnemann scheitert 1799 kläglich. Nebulöse Fälschungen, Wezels Werke des Wahnsinns und Opera Dei Wezeli erscheinen unter Wezels Namen auf dem Buchmarkt. Verleumderische Berichte über Wezels Geisteszustand erscheinen in der Zeitung für die elegante Welt. 1811 erfährt Wieland mit Verwunderung, dass Wezel noch lebe. Erst 1819 starb Wezel, nun wohl mit großer Wahrscheinlichkeit geistig umnachtet, in Sondershausen. In Wezels höchst facettenreichem Werk spiegeln sich somit Glanz und Elend der deutschen Aufklärung wie bei kaum einem anderen Autor. Grund genug, ihn anlässlich seines 200. Todesjahrs wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken und mit einer Konferenz zu ehren.

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15.11.2019: 19.00 bis 21.00 Uhr
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