Vorhang
Vorhang, (Foto: © Fotolia, vitaliy_melnik)

Die Benennung der Tiere

Ein übergewichtiger Lebensmitteltester ist auf Leberwurst ausgerutscht und auf die U-Bahn-Gleise gefallen. Dort entdeckt ihn eine junge Frau, die einen Security-Beamten zu Hilfe ruft. Doch bevor die Rettung beginnen kann, müssen die genauen Umstände des Unfalls geklärt werden: War es grobe oder feine Leberwurst, die das Opfer zu Fall brachte? Ist der Gestürzte überhaupt ein Mensch oder doch nur eine arme Sau? Oder ein Ochse? Oder handelt es sich gar um einen heiligen alttestamentarischen Wal?

Die Rettung, das ist schnell klar, wird zu einer Frage des Glaubens: Wer ist es überhaupt noch wert, gerettet zu werden? Und um welchen Preis? Zur Inspektion des Falls erscheinen nacheinander bekannte Persönlichkeiten, die sich allerdings wenig hilfsbereit zeigen, sondern vielmehr die Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken. Tesla-Gründer Elon Musk taucht auf, ein großspuriger Technokrat und Naturbeherrscher, ebenso der letzte afrikanische Diktator Mswati III., der sich vor Ort Hals über Kopf in die erfolgreichste Modebloggerin der Welt verliebt. Doch sein Begehren kippt, als sich die Internetikone als Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zu erkennen gibt. Zwar zur Hilfe befähigt, aber leider um sich selbst kreisend, entscheiden sich die Privilegierten, in eine Sonde zu steigen, um den Mühen der Erde, und somit auch den Forderungen der Bedürftigen, zu entfliehen. Während denen, die keine VIPs sind, nur das Warten auf hiesige Erlösung bleibt. »Die Benennung der Tiere« von Leon Engler wurde sowohl für den Heidelberger Stückemarkt als auch für den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens ausgewählt. Die Jury nannte Englers neuestes Theaterstück »eine fantasieüberschäumende Glücksgroteske, die so hochkomisch ist, so eigen, so präzise in ihrem Rhythmus, so konsequent und so unterhaltsam in ihrem Inhalt, dass er ganze Wagenladungen von Kalauern in das Gleisbett kippen kann, ohne dass man dabei das Gefühl verliert, eine erstaunlich entwickelte, genrebewusste und streitbare Autorenstimme vor sich zu haben«.

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