Wie kann ein fairer Kunsthandel gelingen?

In den letzten Jahren ist der Kunsthandel berechtigterweise immer öfter kritisiert worden. Zwischen Gurlitt und Banksy bestehen so viele Probleme auf dem Kunstmarkt, dass man gar nicht so recht weiß wo man anfangen soll. Bei vielen Werken alter Meister ist die Provenienz ungeklärt und in vielen Fällen wissen – oder wollen – Kunstbesitzer nicht wissen, ob sie nicht vielleicht Raubkunst im Wohnzimmer hängen haben.

Auf der anderen Seite sind da die horrenden Preise ein Problem, die in der Kunstwelt bezahlt werden. Kunst, selbst die von Künstler, die das gar nicht wollen, ist noch immer elitär. In keiner anderen Branche liegen die Gehälter so weit auseinander. Werke von Banksy werden für zweistellige Millionensummen gehandelt – obwohl der Künstler das selbst aufs Schärfste kritisiert. Dagegen wissen viele andere, oft großartige, Künstler nicht, wie sie die nächste Miete bezahlen sollen.

Gegen einen Kunstmarkt der zunehmend von einigen wenigen Sammlern und Auktionshäusern kontrolliert wird, richten sich immer mehr Initiativen. Von Plattformen, die Kunst online für Künstler anbieten bis hin zu Wohnzimmer-Galerien arbeiten Kunstlieber daran, Kunst zu demokratisieren.

 



Kunst wird von zu vielen als elitäre Leidenschaft verstanden

Irgendwann wurde es Banksy dann doch zu viel. Trotz seiner regelmäßigen und lauten Kritik, dass seine Arbeiten für viel Geld an private Sammler verkauft werden und damit nicht mehr der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, wurde seine Arbeit „Devolved Parliament“ für elf Millionen Euro verkauft.

Auf diese Nachricht reagierte der Künstler mit der Eröffnung seines eigenen Online Shops. Aber anstatt hier jedem Interessierten Kunst zu horrenden Preisen zu verkaufen, müssen Kunden des Shops erst eine Eingangsfrage beantworten. Banksy will von seinen Kunden wissen, was ihnen Kunst bedeutet. Wenn aus der Antwort hervorgeht, dass der Interessent die Kunst verkaufen möchte, dann darf er nicht direkt bei Banksy einkaufen. Wer sich registrieren darf entscheidet ein „unabhängiger Richter.“ Im Shop grossdomesticproduct.com warten dann unterschiedliche Werke oder Merchandise von Banksy – für vergleichsweise niedrige Preise.

Dieser Shop ist nur ein Beispiel, wie sich Banksy sich gegen einen zunehmend elitären Kunstmarkt wehren möchte. So ruft er in seinen AGB dazu auf, dass die Käufer ein Werk erstehen sollen, weil es ihnen gefällt – und nicht, weil sie es als sinnvolle finanzielle Investition betrachten.

Das Traurige ist: Je mehr sich Künstler gegen Kapitalismus und die Kommerzialisierung der Kunst wehren, desto teurer werden ihre Werke gehandelt. Banksy ist nur ein, gegenwärtig sehr prominentes, Beispiel für eine Kunstwelt, die immer mehr in eine Sackgasse und zum Thema der Reichen gerät. Die Konzentration des Kapitals auf einige wenige Reiche in der Kunstwelt sorgt dafür, dass sich dieses Problem immer weiter verschärft. Die meisten, die versuchen für eine demokratischere Kunstwelt zu streiten stehen dagegen auf einem verlorenen Posten und kämpfen einen Kampf gegen Windmühlen.

Kunst geht für die Öffentlichkeit verloren

Die ganze Kunstwelt ist immer mehr von einigen wenigen, reichen Sammlern abhängig. Diese können durch ihre Sammlungen darüber maßgeblich entscheiden was für Kunstwerke in Galerien und Museen ausgestellt werden. Denn ebenjene Orte, die Kunst zeigen und öffentlich zugänglich machen können, sind auf diese Sammlung und den guten Willen dieser Sammler unbedingt angewiesen. Wer sich nicht den Willen wichtiger Leihgeber beugt, dem fehlen die Leihgaben, die eine Ausstellung erst interessant machen.

So entsteht ein sich selbst verstärkendes System, in dem die verschiedenen Institutionen der Kunstwelt, ob sie wollen oder nicht, fast schon dazu gezwungen sind, sich an den Geschmäckern der Reichsten zu orientieren und so immer weiter in eine Sackgasse hineinsteuern.

In Deutschland tut sich der Großteil der Kultur- und Kunstwelt sehr schwer damit, ihr elitäres Auftreten abzulegen. Mit hoch erhobener Nase verfolgen Museen in Deutschland viel zu oft noch das Ziel ihre Besucher belehren zu wollen – anstelle mit ihnen in einen Dialog zu treten. Diese Arroganz in der deutschen Kultur- und Kunstszene erleichtert die Arbeit an einer demokratischen Kunstwelt nicht gerade. Denn nur wenige Akteure widmen sich mit großem Eifer diesem Ziel, obwohl sie auf die finanziellen Mittel öffentlicher Einrichtungen angewiesen, die noch nicht gelernt haben, ihr Angebot ihrer Zielgruppe – nämlich der breiten Öffentlichkeit – anzupassen.



Kunst muss endlich demokratischer werden

Viel zu lange schon ist Kunst vor allem ein Hobby der Wohlhabenden – obwohl es ein so wunderschöner Ausdruck menschlicher Kreativität ist, der allen Menschen zugänglich sein könnte. Die elitäre Kunstwelt verhindert allerdings ebenso systematisch, dass Kunst alle Menschen erreichen kann, wie das weniger bekannte Künstler von ihren tollen Arbeiten leben können.

Verschiedene Initiativen haben sich diesem Anliegen gewidmet und versuchen für einen offenen und demokratischen Kunstmarkt zu arbeiten, in dem jeder Kunst sehen, erwerben und einbringen kann. Vor allem kleine, regionale Galerien und Internetplattformen sind hier aktiv. In Berlin gibt es Galerien in Wohnzimmern, in denen Künstler mit kleinsten Budgets ihre Werke zeigen können. Sie bereichern durch ihre Arbeit die Kunstwelt weit mehr, als die bekannten Künstler es noch können – ihre Arbeiten verschwinden im Nu in den Sammlungen reicher Sammler.

Auch Internetplattformen bieten noch unbekannten Künstlern die Chance ihre Kunst einzubringen. Anders als auf Ebay können Künstler auf einer Plattform ihre Arbeiten einbringen, wo sie interessierte Käufer finden – und nicht Kunden die „nur irgendein Bild“ für das Wohnzimmer suchen.

Corona stürzt auch die Kunst in eine Krise

Mit einer starken Ironie könnte auf diese Weise Corona den Kunstmarkt beleben. Denn die elitären Galerien können ihre Ausstellungen aufgrund der Krise nicht so umsetzen wie geplant – es bleiben andere, offenere Plattformen. Der Kunsthandel im Internet profitiert von dieser Entwicklung – zumindest kurzfristig. Vielleicht ist dies eine Chance für einen offeneren Kunstmarkt. Jetzt wo alle Kunstinteressierten nicht mehr in Galerien und Ausstellungen gehen können, sondern sich online umsehen müssen, finden sie vielleicht eine Arbeit, die ihnen gefällt und nur einen dreistelligen, statt einen vierstelligen Betrag kostet. So bemerken auch weniger betuchte Kunstfreunde, dass großartige Kunst sehr wohl erschwinglich ist – kleine Künstler bleiben nur durch einen konzentrierten Kunstmarkt sonst im Verborgenen und haben es schwer Beachtung zu finden.

Die Kunstwelt wird sich in den nächsten Jahren unausweichlich ändern – es bleibt nur die Frage, in welche Richtung. Wenn Künstler und Kunstfreunde es nicht schaffen, sich aus der Sackgasse von heute zu befreien, wird die Kunst für die Öffentlichkeit noch unbedeutender werden, als sie es jetzt schon ist.