Eine Festung der Kreativität - Der spannende Weg von einer Gewerbeschule zu einem Kreativcampus auf der Burg Giebichenstein

Knapp 100 Jahre Kunst auf der Burg Giebichenstein sind es nun bald – ein Jahrhundert, in dem nicht nur der Name wechselte, sondern ein Jahrhundert der Entwicklung von Kunst und Gestaltungslehre in Halle. An der Schule wurden viele Auseinadersetzungen über verschiedene künstlerische Auffassungen und Lehrkonzepte geführt.  

Die Burg Giebichenstein ist einmalig in Deutschland: eine ehemalige Festung als Sitz für die künstlerische und gestalterische Bildung. Eine Kreativburg. Natürlich gehörte es nicht zum großen Plan, dass sich hier Studenten, Lehrer und Professoren bildungspolitisch und kreativschaffend verschanzen, aber eine Schutzhütte zu schaffen – das war durchaus beabsichtigt, als die Burg vor rund 100 Jahren von der Schule bezogen wurde.  

Ganz zu Beginn der heutigen Kreativschule stand die Idee einer kleinen Gruppe von Vordenkern, Produktgestaltung nicht einfach nur abhängig zu machen von offenbar naheliegenden Gebrauchsvorgaben. Vielmehr sollte das Feld geöffnet werden und der Weg frei sein für neue Ideen, den Alltag zu gestalten.

Die gewerbliche Zeichen- und Handwerkerschule

Mit der „Gewerblichen Zeichenschule“ und später der „Gewerblichen Zeichen- und Handwerkerschule der Stadt Halle“ nahm in den 70er und 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts die Ausbildung von Gestaltern seinen Anfang in Halle. Europaweit hatte es zur Jahrhundertmitte Neugründungen, Ausgründungen und Werkstatteröffnungen gegeben, neue Arbeitsbereiche für Kreative entstanden – erste Formen späterer Entwicklerateliers für gewerbliche und industrielle Produkte.  

Die neuen Möglichkeiten hochproduktiver Prozesse schufen Wege der Fertigung, die bis dahin kaum denkbar waren. Plötzlich verkürzte sich die Zeit zwischen Konzeption und Umsetzung neuer Produkte auf einen Bruchteil. Kunsthandwerk entstand nun auch am Band, und der damit viel umfassendere Ausstoß und die neue Verbreitung sorgten für eine größere Abnehmerschaft. Da natürlich der Wunsch nach Individualität blieb, entstanden daraus neue Wege für Gestaltung und Variation. Auch für die Produktentwicklung brauchte es Akademien.

Handwerker- und Kunstgewerbeschule Halle (ab 1918)

Diese Idee, ein ganz neues Umfeld für künstlerische Arbeit zu schaffen, war das Arbeitscredo des 1915 ins Amt gekommenen Direktors Paul Thiersch. Dieser Architekt verfolgte für die Schule die Idee, dort Kunst, Handwerk und Produktgestaltung zu vereinen. Ein erstes Zeichen war der neue Name: „Handwerker- und Kunstgewerbeschule Halle“. Um seinen Schülern Kreativität zu ermöglichen, suchte Thiersch nach Wegen, die strenge akademische Normierung und Belehrung aufzulösen und durch eine breite Lehre und orientierende Gestaltungsgrundlagen zu ersetzen.  

Kunst- und Schaffensfreiheit sollten gefördert, Handwerk als Basis vermittelt werden. Dafür schuf Thiersch an der Schule neue Felder für Architektur, Raumgestaltung, Bildhauerei, Grafik, Malerei, Textilgestaltung und später dann auch für Fotografie. Fachklassen und Lehrwerkstätten wurden eingerichtet, und ein zweiter und gleichberechtigter Weg der Ausbildung lief über die Vermittlung kunstgeschichtlicher Grundlagen.


Staatlich-Städtische Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein (ab 1922)

Die Vollendung dieser Idee, nicht einfach nur Handwerksgrundlagen zu vermitteln, sondern Kreativität als höchste Quelle von Produktgestaltung und Kunst zu fördern, sah Thiersch im Betrieb der Schulwerkstätten als eine Art Entwicklerlabore. Hier wurde probiert, geforscht, umgesetzt, verworfen und neu entwickelt.

Die Reorganisation gipfelte dann im Umzug der Schule in die Unterburg der Burg Giebichenstein 1922. Aus der Handwerkerschule wurde die „Staatlich-städtische Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein“. Die praktische Umsetzung von künstlerischen Gestaltungsideen ohne administrative und akademische Einengung konnte nun an diesem neuen Ort umgesetzt werden. Die Kreativwerkstatt Burg Giebichenstein entstand.  

Natürlich war dieser Umbau von kleinen akademischen und administrativen Scharmützeln begleitet, Grabenkämpfen oder offenen Auseinandersetzungen über die Finanzierung und über die Produktangebote der Werkstätten. Aber nie war die Schule selbst in Gefahr, ihre Kreativität und ihr Vordenker- und Entwicklergeist – bis dann 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Über Nacht wurden viele Lehrer und viele Werkstattmeister entlassen, freie Klassen geschlossen, die freie Lehre eingeschränkt.  

Thiersch hatte in den rund 13 Jahren seiner Amtszeit durch seine Freundschaft und Kontakte zu vielen Künstlern wie den Malern Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel, dem Architekten Johannes Niemeyer oder der Grafikerin Marguerite Friedlaender ein kreatives Umfeld und eine Arbeitsatmosphäre neuer Kreativität geschaffen, die sich allerdings mit der Machtübernahme der Nazis binnen weniger Monate nahezu auflösten, auch wenn der Lehrbetrieb aufrechterhalten wurde.

Hochschule für industrielle Formgestaltung (ab 1958)

Nur wenige Monate nach dem Zweiten Weltkrieg, bereits im Oktober 1945, starteten an der Burg dann schon bald wieder Lehrverstaltungen, Fachklasssen für Architekten wurden eröffnet und die Lehrprinzipien der Vorkriegsjahre wieder eingeführt. Dabei stand das Kunsthandwerk im Mittelpunkt der Lehre. Hieß die Schule zunächst „Burg Giebichenstein, Kunstschule und Werkstätten“, lautete ab 1958 der offizielle Name „Hochschule für industrielle Formgestaltung“ und sollte damit klar darauf hinweisen, wo der Schwerpunkt lag: Weiterentwicklung und rationelle sowie kreative Umgestaltung von Produkten.  

Während der 50er-Jahre wurde ein ganz neues Diktat immer stärker: Die Kunst als angewandte Kunst für die Gestaltung des Alltagslebens der „Werktätigen“. Neue Fronten taten sich auf: Im Westen hieß der Feind des künstlerischen Fortschritts – verkürzt formuliert – der Realismus, im Osten geißelten selbsternannte Vordenker den „Formalismus und den Kosmopolitismus“ als das Übel. Die Arbeit vieler Künstler in der DDR wurde abgestempelt, als unwürdig und nicht förderbar mit Etiketten versehen: „lebensfeindliche Kunstdiktatur“ nannte ein Funktionär die Arbeiten von Werkstudenten, „Dekadenz“ und „Todeskult“ waren ähnlich abschätzige Bezeichnungen. Was nicht passte, erhielt den Stempel „abstrakt“. Ähnlich ruinierend waren die Urteile „bürgerlich“ oder „Individualismus“. Und ganz schlimm: „Amerikanismus“. Der Kreativität und Energie meist einzelner war es zu verdanken, dass künstlerische und kunsthandwerkliche Bereiche auch weiter gediehen, wenn auch vieles im Verborgenen.

Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle (ab 1989)

Die Arbeit der Hochschule spiegelt das Auf und Ab und das Hin und Her der ostdeutschen Kunstkonzeptionen und -rezeptionen durch Funktionäre und Entscheider. Die ganz neue Freiheit der „Wende” beendete dann die in der DDR für die Burgstudenten und den Lehrkörper immer präsente Forderung nach praxisnaher Anwendung. Sehr schnell wurde dann aus „Möbel- und Ausbaugestaltung“ die „Innenarchitektur“ und aus der „Gebrauchsgrafik“ das neue weite Feld des „Kommunikationsdesign“.

Die „Neuen Medien“ wurden als neuer Bereich der Kunst entdeckt und gefördert. Bachelor-Studiengänge wurden eingeführt. Rund 20 Jahre hieß die Schule dann zwischen 1989 und 2010 „Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design“ und wurde schließlich zur „Kunsthochschule Halle“.

Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle (ab 2010)

Mit dieser bislang letzten Namensänderung im Sommer 2010 sollte der Öffnung der Schule für die kleinen und großen Fächer der Kunst und des Designs Rechnung getragen werden: Nicht eine einzelne Gestaltungsform wird hervorgehoben, sonder dass die Kunst und ihre Förderung sind Ziel der Lehre des Hauses und der Kunsthochschulstatus wird damit deutlich.  

Knapp 100 Jahre hat sie hinter sich, mit spannungsvollen Zeiten in unterschiedlichen Systemen. Eine Konstante ist der bis heute in Kurzform gebrauchte Name „Die BURG“. An Kreativität und Individualität hat sie nichts eingebüßt. Heute gehört sie zu den größten deutschen Kunsthochschulen und man darf gespannt sein, was von der „jungen 100-jährigen Dame“ zukünftig noch zu hören sein wird.

(Stefan Rudwoldt, Geschmackverstärker März 2015)