Weißes Gold aus grauer Vorzeit

Abbildung: Siedegefäße (Briquetage) aus der Blütezeit der vorgeschichtlichen Salzgewinnung in Halle (ca. 3.200 bis 480 v. Chr.), Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Erika Hunold

In regelmäßigen Abständen können Besucher des Salinemuseums in Halle beim Schausieden einen Eindruck bekommen, wie im Mittelalter und in vorindustrieller Zeit Salz in großen Bleipfannen gesotten wurde. Die Wurzeln dieses Handwerks reichen jedoch viel weiter in die Geschichte zurück. Bereits der Ortsname leitet sich vom indogermanischen Wortstamm hal für Salz ab.

Salz ist ein lebensnotwendiges Mineral, von dem ein Mensch mindestens zwei Gramm pro Tag aufnehmen muss, besser fünf bis sechs Gramm. Bei einer Lebensweise als Jäger und Sammler wird dieser Bedarf durch Blut und Fleisch der Beutetiere gedeckt werden, mit wachsender Bedeutung des Ackerbaus und einer zunehmenden Nahrungsversorgung auf pflanzlicher Basis stieg der Bedarf, zusätzlich Salz zuzuführen. Da Salz nicht überall vorhanden ist, wurde dieser Rohstoff zu einem lebenswichtigen und damit wertvollen Handelsgut. Hinzu kam seine Funktion als Konservierungsmittel für leicht verderbliche Lebensmittel, die an Bedeutung gewann, als sich verschlechternde Klimaverhältnisse dazu führten, dass die reine Lufttrocknung von Fleisch bzw. Fisch in weiten Teilen Mitteleuropas nicht mehr möglich war.

Besondere geologische Bedingungen haben im Mittelelbe-Saale-Gebiet die Steinsalzschichten des vor über 250 Millionen Jahren verdunsteten Zechsteinmeeres so weit nach oben gehoben, dass durch Auswaschung oberflächennahe Solquellen auftreten. Hier gedeihen Pflanzen, die Salz tolerieren oder lieben wie Queller, Strandaster, Strandbeifuß. Es ist davon auszugehen, dass bereits der vorgeschichtliche Mensch um diesen Zusammenhang wusste, somit gezielt auf salzanzeigende Vegetation achtete und so Solequellen fand, die er ausbeuten konnte.

Bereits vor mehr als 5.000 Jahren wurde im Bereich um Halle Salz gewonnen. Entsprechende Funde vom Langen Berg in der Dölauer Heide gehören der Bernburger Kultur an, die der mittleren Jungsteinzeit (ca. 3.300 v. Chr.) zuzuordnen ist. In der Frühbronzezeit (ab ca. 2.200 v. Chr.) bescherte die Salzproduktion der ganzen Region Wohlstand und Reichtum, insbesondere den Eliten, die Herstellung und Handel des „weißen Goldes“ kontrollierten. Aus der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur (ca. 2.200 – 1.500 v. Chr.) sind mehrere aufwändige Grabhügel und reiche Fundkomplexe bekannt, zu dessen prominentesten Vertretern der „Fürst von Leubingen“ gehört, dessen wertvolles Grabinventar im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ausgestellt ist. Möglicherweise verdankt er seine gesellschaftliche Stellung dem Salzhandel, der ihm den Import von Bronze als Metall bzw. Fertigprodukt ermöglichte.

Im Stadtgebiet von Halle finden sich Überreste vorgeschichtlicher Salzsiederei u.a. im Bereich Giebichenstein, auf Lehmanns Felsen, am Kröllwitzer Weinberg, am Mühlweg und im gesamten Innenstadtbereich. Meist handelt es sich um grobe Ziegelgebilde, die in Fachkreisen als briquetage (Ziegelzeug) bezeichnet werden und zunächst aufgrund ihres regional massierten Auftretens zur Definition der „Halleschen Kultur“ führten. Inzwischen werden die verschiedenen Stützen, Kelche und Tiegel als spezielle technische Keramik angesehen, die anhand ihrer unterschiedlichen Form den jeweiligen Zeitabschnitten und Kulturen von der mittleren Jungsteinzeit (ab ca. 3.300) bis zur frühen Eisenzeit (bis ca. 480 v. Chr.) zugeordnet werden. Gelegentlich fanden sich im Erdboden neben Briquetage auch Reste von tonausgekleideten Sole- bzw. Klärbecken sowie Feuerungsgruben, zuletzt bei Grabungen in der Gustav-Anlauf-Straße und bei der archäologischen Begleitung der Umgestaltung des Marktplatzes. Allerdings sind diese Befunde sehr bruchstückhaft, so dass die Archäologen bei der Rekonstruktion des Siedeprozesses auf Vergleichsbeispiele aus der Völkerkunde zurückgreifen.

Sie gehen dabei davon aus, dass das Vorkommen ähnlicher Briquetageformen bei der heutigen Salzgewinnung im Niger westlich des Tschadsees auch auf eine ähnliche Produktionsweise schließen lässt. Die Salzwirker des Manga-Landes stellen ihre solegefüllten Tiegel auf Stützen in Öfen mit einer Grundfläche von ca. 5 m x 3 m und senkrechten Seitenwänden von ca. 85 cm Höhe. Die Salzformen werden von unten befeuert und während des Siedeprozesses kontinuierlich mit Sole aufgefüllt. Durch ständiges Eindampfen und Auskristallisieren reicht nach ca. 24 Stunden das Salz bis an den Rand des Tiegels. Nun ist der Siedeprozesse beendet und der Ofen sowie die Briquetage werden zerschlagen, um an die fertigen Salzkegel zu gelangen.

(Caroline Schulz, Kulturfalter April 2011)